John Reed

10 Tage die die Welt erschütterten

John Reed.. 1

VORWORT ZUR AMERIKANISCHEN AUSGABE: 1

VORWORT ZUR RUSSISCHEN AUSGABE: 1

VORWORT DES AUTORS: 2

EINFÜHRENDE BEMERKUNGEN UND ERKLÄRUNGEN. 4

ZEHN TAGE DIE DIE WELT ERSCHÜTTERTEN. 9

I. HINTERGRUND. 9

II. DER HERAUFZIEHENDE STURM.. 15

III. AM VORABEND. 24

IV DER STURZ DER PROVISORISCHEN REGIERUNG. 35

V. IM STURMSCHRITT VORAN. 48

VI. DAS KOMITEE ZUR RETTUNG DES VATERLANDES UND DER REVOLUTION. 64

VII. DIE REVOLUTIONÄRE FRONT. 74

VIII. DIE KONTERREVOLUTION. 83

IX. SIEG. 93

X. MOSKAU. 104

XI. FESTIGUNG DER MACHT. 110

XII. DER BAUERNKONGRESS. 124

 

VORWORT ZUR AMERIKANISCHEN AUSGABE:

Mit größtem Interesse und nicht erlahmender Aufmerksamkeit las ich John Reeds Buch "Zehn Tage, die die Welt erschütterten", und ich möchte es den Arbeitern in aller Welt von ganzem Herzen empfehlen. Dies ist ein Buch, das ich in Millionen von Exemplaren verbreitet und in alle Sprachen übersetzt wissen möchte. Es gibt eine wahrheitsgetreue und äußerst lebendige Darstellung der Ereignisse, die für das Verständnis der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats von größter Bedeutung sind. Diese Probleme werden gegenwärtig weit und breit diskutiert, aber bevor man diese Ideen annimmt oder verwirft, muß man die ganze Bedeutung einer solchen Entscheidung begriffen haben. Ohne Zweifel wird John Reeds` Buch zur Klärung dieser Frage beitragen, die das Grundproblem der internationalen Arbeiterbewegung ist.

Geschrieben 1919.

N. Lenin

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VORWORT ZUR RUSSISCHEN AUSGABE:

"Zehn Tage, die die Welt erschütterten" hat John Reed sein ausgezeichnetes Buch benannt. Hier sind die ersten Tage der Oktoberrevolution ungewöhnlich eindrucksvoll und stark beschrieben. Es ist keine einfache Aufzählung von Tatsachen, keine Sammlung von Dokumenten, es ist eine Reihe lebendiger, derart typischer Szenen, daß jedem Teilnehmer der Revolution die analogen Szenen, deren Zeuge er war, in Erinnerung kommen müssen. All diese aus dem Leben gegriffenen Bilder können die Stimmung der Massen gar nicht besser wiedergeben - eine Stimmung ,auf deren Hintergrund jeder Akt der großen Revolution besonders klar verständlich wird.

Auf den ersten Blick erscheint es seltsam, wie ein Ausländer, ein Amerikaner, der die Sprache und den Alltag des Volkes nicht kannte, dieses Buch schreiben konnte. Ausländer schreiben über Sowjetrußland anders. Sie verstehen die sich vollziehenden Ereignisse entweder überhaupt nicht oder greifen einzelne Tatsachen heraus, die nicht immer typisch sind und verallgemeinern diese.

Es hat freilich sehr wenige Augenzeugen der Revolution gegeben.

John Reed war kein gleichgültiger Beobachter, er war ein leidenschaftlicher Revolutionär, ein Kommunist, der den Sinn der Ereignisse, den Sinn des großen Kampfes erfaßt hat.

Dieses Verstehen gab ihm jenen scharfen Blick, ohne den er ein solches Buch niemals hätte schreiben können .Die Russen schreiben auch anders über die Oktoberrevolution: sie geben entweder eine Einschätzung der Revolution oder schildern jene Episoden, die sie selbst miterlebt haben. Das Buch John Reeds vermittelt das allgemeine Bild einer echten Volksrevolution, und daher wird es eine besonders große Bedeutung für die Jugend haben, für die künftigen Generationen, für diejenigen, für die die Oktoberrevolution bereits Geschichte sein wird. Das Buch John Reeds ist ein Epos eigener Art. John Reed hat sich mit der russischen Revolution ganz verbunden. Sowjetrußland wurde ihm vertraut und nahe. Er starb hier am Typhus und wurde unter der Roten Mauer bestattet. Derjenige, der die Bestattung der Opfer der Revolution so geschildert hat wie John Reed, ist dieser Ehre würdig.

 

N. KRUPSKAJA

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VORWORT DES AUTORS:

Dieses Buch ist ein Stück geballte Geschichte - Geschichte wie ich sie selbst erlebt habe. Es will nichts anderes sein als ein eingehender Tatsachenbericht der Novemberrevolution, in der die Bolschewiki an der Spitze der Arbeiter und Soldaten die Staatsmacht in Rußland ergriffen und in die Hände der Sowjets legten.

Natürlich beschäftigt es sich zum größten Teil mit dem "Roten Petrograd",der Hauptstadt und dem Herzen des Aufstandes. Aber der Leser muß verstehen, daß alles, was in Petrograd geschah, früher oder später, mehr oder weniger machtvoll, überall in Rußland seine Wiederholung fand.

In diesem Buch, dem ersten einer Serie, an der ich arbeite, muß ich mich auf eine Chronik jener Ereignisse beschränken, die ich selbst gesehen und erlebt habe oder von denen ich zuverlässige Berichte erhielt. An den Anfang stelle ich zwei Kapitel, die in grossen Zügen den Hintergrund und die Ursachen der Novemberrevolution umreißen. Ich bin mir darüber klar, daß diese beiden Kapitel schwer zu lesen sind, aber sie sind notwendig, um die späteren Ereignisse zu verstehen.

Beim Leser werden eine ganze Reihe Fragen auftauchen. Was ist Bolschewismus? Wie sah die von den Bolschewiki aufgestellte Regierung aus? Wenn die Bolschewiki vor der Novemberevolution die Konstituierende Versammlung forderten, warum lösten sie sie nachher mit Waffengewalt auf? Und wenn die Bourgeoisie gegen die Konstituierende Versammlung war, bevor die Gefahr des Bolschewismus für sie offensichtlich wurde, warum setzte sie sich nachher so energisch dafür ein?

Diese und viele andere Fragen können in diesem Buch nicht beantwortet werden. In einem weiteren Band, "Von Kornilow bis Brest - Litowsk"(dieses Buch konnte J.R. nicht beenden. Es ist nie erschienen. Anm. d. Red.), verfolge ich den Lauf der Revolution bis zum Friedensschluß mit Deutschland. Dort erkläre ich auch den Ursprung und die Tätigkeit der revolutionären Organisationen, die Entwicklung im Denken und Fühlen der Massen, die Auflösung der Konstituierenden Versammlung, die Struktur des Sowjetstaates, den Verlauf und das Ergebnis der Verhandlungen von Brest - Litowsk...

Wenn wir den Aufstieg der Bolschewiki betrachten, müssen wir verstehen, daß das Wirtschaftsleben Rußlands und die russische Armee nicht am 7. November1917desorganisiert wurden, sondern schon Monate früher, als logisches Ergebnis eines Prozesses der schon1915 einsetzte. Die korrupten Reaktionäre, die am Zarenhof das Regiment führten, untergruben Rußland ganz systematisch, um einen separaten Friedensvertrag mit Deutschland herbeizuführen. Der Waffenmangel an der Front, der im Sommer1915 zum grossen Rückzug führte, der Lebensmittelmangel an der Front und in den Großstädten, der Zusammenbruch der Industrie und des Verkehrswesens 1916 - all das waren, wie wir heute wissen, einzelne Phasen einer gewaltigen Sabotageaktion. Allein die Märzrevolution schob ihr in letzter Minute einen Riegel vor. Bei einer grossen Revolution, in der hundertsechzig Millionen der am schwersten unterdrückten Menschen in der Welt plötzlich ihre Freiheit errangen, konnte es begreiflicherweise nicht ohne Verwirrung abgehen. Und dennoch besserte sich in den ersten Monaten des neuen Regimes die innere Lage und erhöhte sich auch die Kampfkraft der Truppen.

Aber die "Flitterwochen" waren kurz. Die besitzenden Klassen wollten eine ausschließlich politische Revolution, die dem Zaren die Macht nähme und sie ihnen gäbe. Sie wollten aus Rußland eine konstitutionelle Republik machen wie Frankreich oder die Vereinigten Staaten; oder eine konstitutionelle Monarchie wie England. Die Massen des Volkes dagegen wollten eine wirkliche Revolution in Industrie und Landwirtschaft. William English Walling beschreibt in seinem Buch"Rußlands Botschaft" die Stimmung der russischen Arbeiter, die später fast ausnahmslos den Bolschewismus unterstützten.

"Sie (die Arbeiter) sahen, daß sie selbst unter einer freien Regierung, wenn sie in die Hand anderer Gesellschaftsklassen fiel, unter Umständen weiter Hunger leiden würden...

Der russische Arbeiter ist revolutionär, aber er ist weder gewalttätig noch dogmatisch, noch unintelligent.

Er ist bereit, auf die Barrikaden zu gehen, aber er hat die Barrikaden auch studiert, und er als einziger unter den Arbeitern der ganzen Welt hat sie aus eigener Erfahrung kennengelernt. Er ist bereit und gewillt, seinen Unterdrücker, die Kapitalistenklasse, bis zum Ende zu bekämpfen. Aber er übersieht nicht das Bestehen anderer Klassen ,nur verlangt er, daß die anderen Klassen sich in dem herannahenden erbitterten Kampf klar auf die eine oder andere Seite stellen. Sie (die Arbeiter) waren sich darüber einig, daß unsere (die amerikanischen) politischen Institutionen besser sind als ihre eigenen, aber sie hatten keine Lust, einen Despoten gegen einen anderen (d.h. die Kapitalistenklasse)auszutauschen....

Die Arbeiter Rußlands ließen sich nicht dafür zu Hunderten erschießen und hinrichten, in Moskau, in Riga, in Odessa, ließen sich nicht zu Tausenden in jedes russische Gefängnis sperren, in die schlimmsten Einöden und arktischen Gebiete verbannen, um dafür das zweifelhafte Glück eines Arbeiters in Goldfields oder Cripple Creek einzutauschen..."

Und so entwickelte sich in Rußland, inmitten eines Weltkrieges, aus der politischen Revolution heraus die soziale Revolution, die mit dem Sieg der Bolschewiki ihren Höhepunkt erreichte.

Mr. A. J. Sack, der Direktor des russischen Informationsbüros in den Vereinigten Staaten und ein Gegner der Sowjetregierung, hat in seinem Buch "Die Geburt der russischen Demokratie" folgendes zu sagen:

"Die Bolschewiki bildeten ihr eigenes Kabinett mit Nikolaj Lenin als Premier und Leo Trotzki als Außenminister: Schon bald nach der Märzrevolution war es klar, daß es so kommen mußte. Die Geschichte der Bolschewiki nach der Revolution ist eine Geschichte ihres ständigen Wachstums..."

Ausländer, ganz besonders die Amerikaner, sprechen gern von der "Unwissenheit" der russischen Arbeiter. Es ist wahr, sie hatten nicht die politischen Erfahrungen der Völker des Westens, aber sie waren Meister im freiwilligen Zusammenschluß.1917 gab es mehr als zwölf Millionen Mitglieder der russischen Konsumgenossenschaften; und die Sowjets selbst sind ein hervorragender Beweis für ihr Organisationstalent. Außerdem gibt es wahrscheinlich in der ganzen Welt kein anderes Volk, das so gut in der sozialistischen Theorie und ihrer praktischen Anwendung geschult ist. William English Walling charakterisierte es folgendermaßen: " Die russischen Werktätigen können meist lesen und schreiben. Seit langem herrscht im Land eine so große Unzufriedenheit, daß die Arbeiter ihre Führer nicht nur unter den intelligentesten aus ihrer eigenen Mitte suchen müssen ,sondern auch auf einen großen Teil der nicht minder revolutionären gebildeten Klasse rechnen können, die sich mit ihren Gedanken über die politische und soziale Umgestaltung Rußlands den Arbeitern zugewandt hat..."

Viele Schriftsteller und Journalisten behaupten, um ihre Gegnerschaft zur Sowjetregierung zu begründen ,die letzte Phase der Revolution sei nichts anderes gewesen als ein Kampf der "anständigen" Elemente gegen die brutalen Angriffe der Bolschewiki. Tatsächlich war es aber so, daß die besitzenden Klassen, als sie die ständig steigende Macht der revolutionären Organisationen des Volkes erkannten, alles versuchten, um sie zu vernichten und der Revolution Einhalt zu gebieten. Dazu war ihnen jedes, auch das verzweifeltste Mittel recht. Um die Kerenskiregierung und die Sowjets zugrunde zu richten, wurde das Verkehrswesen desorganisiert, wurden innere Unruhen heraufbeschworen. Um die Fabrikkomitees zu vernichten, wurden Fabriken geschlossen, Brennstoff und Rohmaterial beiseite geschafft. Um die Armeekomitees an der Front zu sprengen, wurde die Todesstrafe wieder eingeführt und alles getan, um eine militärische Niederlage heraufzubeschwören .Das alles war ein guter Nährboden für die Bolschewiki. Sie riefen zum Klassenkampf auf und verkündeten die Überlegenheit der Sowjets. Zwischen diesen beiden Extremen standen die sogenannten gemäßigten Sozialisten, die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, und einige kleinere Parteien und Splittergruppen, die sie aus ganzem oder halbem Herzen unterstützten. Auch diese Gruppen wurden von den besitzenden Klassen angegriffen, aber durch ihre Theorien hatten sie selbst ihre Widerstandskraft gelähmt.

Allgemein kann man sagen, daß die Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Meinung vertraten, Rußland sei für eine soziale Revolution wirtschaftlich noch nicht reif - Nur eine politische Revolution sei möglich. Ihrer Meinung nach waren die russischen Massen noch zu ungebildet , um die Macht zu übernehmen; jeder Versuch in diese Richtung müsse unvermeidlich eine Reaktion hervorrufen, die von skrupellosen Opportunisten dazu ausgenutzt werden könnte, das alte Regime wieder herzustellen. Als nun die "gemäßigten" Sozialisten zwangsläufig die Macht übernehmen mußten, konnte es unter diesen Umständen nicht ausbleiben, daß sie sich fürchteten, sie auszuüben.

Sie glaubte, Rußland müsse alle Phasen der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung durchlaufen, die auch Westeuropa durchgemacht hatte, um schließlich zusammen mit der ganzen Welt in den fertigen Sozialismus einzutreten. So stimmten sie natürlich mit den besitzenden Klassen darin überein, daß Rußland zunächst einmal ein parlamentarischer Staat werden müsse - allerdings mit gewissen Fortschritten gegenüber den westlichen Demokratien. Deshalb bestanden sie auch auf Teilnahme der besitzenden Klassen an der Regierung. Von einer solchen Position zur eindeutigen Unterstützung der Besitzenden war nur noch ein Schritt. Die "gemäßigten" Sozialisten brauchten die Bourgeoisie. Die Bourgeoisie dagegen brauchte die "gemäßigten" Sozialisten nicht. So mußten also die sozialistischen Minister nach und nach ihr gesamtes Programm preisgeben, während die besitzenden Klassen immer mehr verlangten. Und schließlich, als die Bolschewiki diesem ganzen faulen Kompromiß den Todesstoß versetzten, standen die Menschewiki und Sozialrevolutionäre im Kampf auf der Seite der besitzenden Klassen...In fast jedem Land der Welt erleben wir heute das gleiche. Statt, wie so oft behauptet wird, eine zerstörende Kraft zu sein, waren die Bolschewiki meines Erachtens die einzigen in Rußland, die ein konstruktives Programm aufzuweisen hatten und auch über die Macht verfügten, um es durchzusetzen. Hätten sie nicht in dem Augenblick die Regierungsgewalt ergriffen, zweifle ich nicht im mindesten daran, daß die Truppen des deutschen Kaiserreiches noch im Dezember in Petrograd und Moskau einmarschiert wären und Rußland wieder den Zaren auf dem Nacken gehabt hätte....

Noch heute, ein Jahr nach der Konstituierung der Sowjetregierung, gehört es zum sogenannten guten Ton, den bolschewistischen Aufstand ein "Abenteuer" zu nennen. Ein Abenteuer war es, und eines der herrlichsten, das die Menschheit aufzuweisen hat. Die arbeitenden Massen haben die Geschichte in die Hand genommen und alles ihren gewaltigen und doch leichtverständlichen Wünschen untergeordnet. Der Apparat war vorhanden, mit dessen Hilfe der Großgrundbesitz unter die Bauern aufgeteilt werden konnte. Es gab die Fabrikkomitees und Gewerkschaften, um die Kontrolle der Arbeiter über die Industrie in Gang zu bringen. In jedem Dorf, in jeder Stadt, in jedem Bezirk, in jedem Gouvernement gab es Sowjets der Arbeiter- , Soldaten- und Bauerndeputierten, bereit, die örtliche Verwaltung in die Hand zu nehmen. Was man auch vom Bolschewismus denken mag, unbestreitbar ist, daß die russische Revolution eine der größten Taten in der Geschichte der Menschheit ist und der Aufstieg der Bolschewiki ein Ereignis von weltweiter Bedeutung. Ebenso wie die Historiker jeder Einzelheit aus der Pariser Kommune nachspüren, werden sie auch wissen wollen, was sich im November 1917 in Petrograd zutrug, welcher Geist die Menschen beseelte, wie ihre Führer aussahen, wie sie sprachen und wie sie handelten. Das hat mich bewogen, dieses Buch zu schreiben.

Im Kampf waren meine Sympathien nicht neutral. Aber in meiner Schilderung der Geschichte dieser großen Tage habe ich versucht, die Ereignisse mit den Augen eines gewissenhaften Reporters zu sehen, der nichts anderes will als die Wahrheit schreiben.

New York, 1. Januar 1919

J.R.

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EINFÜHRENDE BEMERKUNGEN UND ERKLÄRUNGEN

Dem Durchschnittsleser wird es schwerfallen, sich durch die Vielfalt der russischen Organisationen - politische Gruppen, Komitees, Zentralkomitees, Sowjets, Dumas und Verbände durchzufinden. Deshalb möchte ich hier einige kurze Definitionen und Erklärungen dazu geben.

Politische Parteien

Bei den Wahlen zur Konstituierenden Versammlung gab es in Petrograd siebzehn Listen und in einigen Provinzstädten bis zu vierzig; die folgende Übersicht über die Ziele und die Zusammensetzung einiger politischer Parteien und Gruppen beschränkt sich jedoch auf die in diesem Buch erwähnten. Ich kann hier über ihr Programm und den allgemeinen Charakter ihrer Anhänger nur das Wesentlichste sagen...

1. Monarchisten verschiedener Schattierungen, Oktobristen usw. Diese ehemals so mächtigen Gruppen bestanden als legale Parteien nicht mehr; sie arbeiteten entweder illegal, oder ihre Mitglieder schlossen sich den Kadetten an, die dem politischen Programm der Monarchisten immer näher kamen. Ihre in diesem Buch genannten Vertreter sind Rodsjanko und Schulgin.

2. Kadetten. Diese Bezeichnung leitet sich von den Anfangsbuchstaben des Namens "Konstitutionelle Demokraten" ab. Ihr offizieller Name lautet "Partei der Volksfreiheit".Unter dem Zaren eine Partei der Liberalen aus den Reihen der besitzenden Klassen, traten die Kadetten damals als die große Partei der politischen Reformen auf und entsprachen damit mehr oder weniger der Fortschrittspartei in Amerika. Als im März 1917 die Revolution ausbrach, bildeten die Kadetten die erste Provisorische Regierung. Das Kabinett der Kadetten wurde im April gestürzt, weil es sich für die imperialistischen Ziele der Alliierten aussprach, einschließlich der imperialistischen Ziele der Zarenregierung. Je mehr die Revolution einen sozialen und ökonomischen Charakter annahm, desto konservativer wurden die Kadetten. Ihre Vertreter in diesem Buch sind Miljukow, Winawer, Schazki.

2a. Bund von Männern der Öffentlichkeit. Nachdem die Kadetten durch ihre Verbindung zur Konterrevolution Kornilows jede Popularität verloren hatten, wurde in Moskau der "Bund von Männern der Öffentlichkeit gebildet. Delegierte dieser Gruppe erhielten Ministerposten im letzten Kabinett Kerenskis. Die Gruppe gab sich als überparteilich aus, aber ihre intellektuellen Führer waren Männer wie Rodsjanko und Schulgin. Dieser Gruppe gehörten die "modernen" Bankiers, Kaufleute und Fabrikanten an, die klug genug waren, um einzusehen, daß man die Sowjets mit ihren eigenen Waffen bekämpfen mußte - mit der wirtschaftlichen Organisation. Typisch für diese Gruppe sind Lianosow und Konowalow.

3. Volkssozialisten oder Trudowiki (Gruppe der Arbeit). Zahlenmäßig eine kleine Partei. Zu ihren Mitgliedern gehörten gemäßigte Intellektuelle, die Führer der Genossenschaften und konservativen Bauern. Obwohl sie vorgaben, Sozialisten zu sein, unterstützten die Volkssozialisten in Wirklichkeit die Interessen des Kleinbürgertums - der Beamten, Gewerbetreibenden usw. Sie übernahmen als direktes Erbe die kompromißlerischen Traditionen der "Gruppe der Arbeit" in der zaristischen Duma, der vor allem Bauernvertreter angehört hatten. Kerenski war der Führer der Trudowiki in der zaristischen Duma, als die Märzrevolution 1917 ausbrach. Die Volkssozialisten sind eine Nationalistische Partei. Ihre Vertreter in diesem Buch sind Pschechonow und Tschaikowski.

4. Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands. Ursprünglich eine marxistische Partei. Auf ihrem Parteitag von 1903 spaltete sie sich über Fragen der Taktik in zwei Gruppen - die Mehrheit (Bolschinstwo) und die Minderheit (Menschinstwo). Daraus ergaben sich die Bezeichnungen "Bolschewiki" und "Menschewiki" - "Angehörige der Mehrheit" und "Angehörige der Minderheit". Diese beiden Flügel entwickelten sich zu voneinander unabhängigen Parteien, die sich aber beide "Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands" nannten und beide für sich in Anspruch nahmen, marxistisch zu sein. Seit der Revolution waren die Bolschewiki zahlenmäßig in der Minderheit und wurden erst im September 1917 wieder die Mehrheit.

a) Menschewiki. Dieser Partei gehören Sozialisten aller Schattierungen an, die der Meinung sind, die Gesellschaft müsse durch eine natürliche Evolution zum Sozialismus gelangen und die Arbeiterklasse müsse zunächst die politische Macht erobern. Auch sie ist eine nationalistische Partei. Von jeher war sie die Partei der sozialistischen Intellektuellen, die sich, unter dem Bildungsmonopol der besitzenden Klassen erzogen, diesem Einfluß nicht entziehen konnten und sich letzten Endes auf ihre Seite stellten. Zu ihren Vertretern in diesem Buch gehören Dan, Liber, Zereteli.

b) Menschewiki - Internationalisten. Der radikale Flügel der Menschewiki, Internationalisten und Gegner jeder Koalition mit den besitzenden Klassen. Trotzdem waren sie nicht bereit, sich völlig von den konservativen Menschewiki zu lösen. Sie sind Gegner der von den Bolschewiki vertretenen Diktatur des Proletariats. Trotzki war lange Mitglied dieser Gruppe. Zu ihren Führern gehören Martow und Martynow.

c) Bolschewiki. Heute nennen sie sich "Kommunistische Partei", um ihre völlige Loslösung von der Tradition des "gemäßigten" oder "parlamentarischen" Sozialismus zu dokumentieren, der bei den Menschewiki und den sogenannten Mehrheitssozialisten aller Länder vorherrscht. Die Bolschewiki forderten den sofortigen proletarischen Aufstand, die Machtergreifung, um durch die gewaltsame Übernahme der Industrie, des Bodens, der Naturschätze und Finanzinstitutionen die Herbeiführung des Sozialismus zu beschleunigen. Diese Partei vertritt in der Hauptsache den Willen der Industriearbeiter, aber auch großer Teile der armen Bauern. Der Name "Bolschewiki" darf keinesfalls mit "Maximalisten" übersetzt werden. Die Maximalisten sin eine besondere Gruppe (Siehe Absatz 5b).Zu den Führern der Bolschewiki gehören Lenin, Trotzki, Lunatscharski.

d) Vereinigte Sozialdemokraten - Internationalisten, auch als Gruppe "Nowaja Shisn" (Neues Leben) nach ihrer sehr einflußreichen Zeitung bekannt. Eine kleine Gruppe von Intellektuellen. Außer den persönlichen Anhängern Gorkis, des Führers dieser Gruppe, gehören ihr kaum Arbeiter an. Die Gruppe vertritt fast das gleiche Programm wie die Menschewiki - Internationalisten, unterscheidet sich aber von ihnen dadurch, daß sie sich weder den Bolschewiki noch den Menschewiki anschlossen.

e) Jedinstwo. Eine sehr kleine, im Verschwinden begriffene Gruppe, der fast nur die persönlichen Anhänger Plechanows angehören Plechanow war einer der Pioniere der russischen sozialdemokratischen Bewegung in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und ihr größter Theoretiker. Als alter Mann nahm Plechanow eine extrem patriotische Haltung ein und war sogar den Menschewiki zu konservativ. Nach dem bolschewistischen Aufstand löste sich die Gruppe Jedinstwo auf.

6. Sozialrevolutionäre Partei. Ihren Anfangsbuchstaben nach nannte man sie "SR". Ursprünglich war sie die revolutionäre Partei der Bauern, die Partei der "Kampforganisationen" - der Terroristen. Nach der Märzrevolution strömten ihr viele Mitglieder zu, die niemals Sozialisten waren. Nunmehr traten sie dafür ein, daß lediglich das Privateigentum an Grund und Boden abgeschafft werden solle. Die Eigentümer sollten irgendwie entschädigt werden. Schließlich zwang die immer revolutionärer werdende Stimmung unter den Bauern die Sozialrevolutionäre, ihre "Entschädigungsklausel" fallenzulassen. Daraufhin verliessen im Herbst 1917 die jüngeren und stürmischeren Intellektuellen die Partei und schlossen sich zur "linken sozialrevolutionären Partei" zusammen. Die alte Partei, die später von den radikalen Gruppen immer die "rechte sozialrevolutionäre Partei" genannt wurde, verfolgte die gleiche Politik wie die Menschewiki und arbeitete mit ihnen zusammen. Schließlich wurden die rechten Sozialrevolutionäre zu Vertretern der wohlhabenden Bauern, der Intellektuellen und der politisch ungeschulten Bevölkerung entlegener ländlicher Gebiete. Es gab unter ihnen jedoch eine größere Vielfalt politischer und ökonomische Schattierungen als unter den Menschewiki. Zu ihren in diesem Buch erwähnten Führern zählten: Awxentjew, Goz, Kerenski, Tschernow, "Babuschka" Breschowskaja.

g) Linke Sozialrevolutionäre. Obwohl sie theoretisch dem bolschewistischen Programm der Diktatur des Proletariats zustimmten, zögerten sie anfangs, sich der rücksichtslosen Taktik der Bolschewiki anzuschließen. Die linken Sozialrevolutionäre blieben jedoch in der Sowjetregierung und übernahmen Posten im Kabinett, insbesondere das Volkskomissariat für Landwirtschaft. Sie verließen die Regierung mehrere Male, kehrten aber immer wieder zurück. Die Bauern, die in immer größerer Zahl die rechten Sozialrevolutionäre verließen, schlossen sich den linken Sozialrevolutionären an, die somit zur großen Bauernpartei wurden. Sie unterstützten die Sowjetregierung und traten für die entschädigungslose Enteignung des Großgrundbesitzes und seine Übergabe an die Bauern ein. Zu ihren Führern gehören Spiridonowa, Karelin, Kamkow, Kalagajew.

h) Maximalisten . Eine Splittergruppe der Sozialrevolutionären Partei in der Revolution von 1905. Damals führten sie eine machtvolle Bauernbewegung, die für die sofortige Durchführung eines sozialistischen Maximalprogramms eintrat. Jetzt eine unbedeutende Gruppe bäuerlicher Anarchisten.

Parlamentarische Gepflogenheiten

Die Verfahrensregeln bei russischen Versammlungen und Kongressen sind den kontinentalen Gepflogenheiten ähnlicher als den unseren. Die erste Handlung ist im allgemeinen die Wahl eines Präsidiums. Das Präsidium ist ein Komitee, das den Vorsitz über die Versammlung innehat. Ihm gehören Vertreter der an der Versammlung teilnehmenden Gruppen und politischen Parteien im Verhältnis zu ihrer Mitgliederzahl an. Das Präsidium stellt die Geschäftsordnung auf, und jedes seiner Mitglieder kann vom Vorsitzenden aufgefordert werden, zeitweise die Versammlung zu leiten. Jede Frage wird erst allgemein aufgeworfen und dann diskutiert. Zum Abschluß der Debatte bringen die verschiedenen Parteien Resolutionen ein, über die einzeln abgestimmt wird. Es kann geschehen, und geschieht auch meistens, daß die Geschäftsordnung schon in der ersten halben Stunde über den Haufen geworfen wird. Unter Berufung auf besondere "Dringlichkeit", die von der Versammlung fast immer anerkannt wird, kann jeder aufstehen und sich zu jedem beliebigen Thema äußern. Die Versammlung wird von den Massen der Teilnehmer beherrscht. Dem Versammlungsleiter bleibt weiter nichts zu tun, als mit einer Glocke Ordnung zu schaffen und die Redner anzusagen. Die Hauptarbeit der Tagungen wird in den Fraktionssitzungen der verschiedenen Gruppen und Parteien geleistet, die fast immer geschlossen abstimmen und von Fraktionsführern vertreten werden. Das führt jedoch dazu, daß bei jeder neuen wichtigen Frage, bei jeder Abstimmung, die Tagung unterbrochen werden muß, damit sich die verschiedenen Gruppen und Parteien zu einer Fraktionsbesprechung zusammenfinden können. Die Versammlungsteilnehmer sind sehr laut, bekunden den Rednern ihren Beifall oder ihr Mißfallen und machen jede vom Präsidium festgelegte Ordnung zunichte. Zu den üblichen Zurufen gehören "Prossim!" (Bitte! Weitermachen!),"Prawilno!" "Eto werno!" (Sehr richtig! Sehr wahr!), "Dowolno!" (Genug!), "Doloi!" (Abtreten!) , "Posor!" (Schande!) und "Ticho!" (Ruhe!).

Massenorganisationen

1. Sowjets. Das Wort Sowjet bedeutet "Rat". Unter dem Zaren wurde der Reichsrat "Gossudarstwenny Sowjet" genannt. Seit der Revolution versteht man aber unter Sowjet immer mehr ein von den Mitgliedern der wirtschaftlichen Organisationen der Werktätigen gewähltes Parlament den Sowjet der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten. Ich habe also nur diese spezifischen Organisationen mit dem Wort Sowjet bezeichnet und an allen anderen Stellen das Wort mit "Rat" übersetzt. Neben den örtlichen Sowjets, die in jeder Stadt und jedem Dorf Rußlands gewählt werden - in den Großstädten außerdem Sowjets der Stadtbezirke (Rayons) - , gibt es auch Bezirks- und Gouvernementssowjets (oblastnyje oder gubernskije) und das Zentralexekutivkomitee der Gesamtrussischen Sowjets in der Hauptstadt, nach den Anfangsbuchstaben ZEK genannt (siehe auch weiter unten "Zentralkomitees").Fast überall vereinten sich nach der Märzrevolution die Sowjets der Arbeiterdeputierten und die der Soldatendeputierten. In besonderen Fragen, die sich auf ihre spezifischen Interessen bezogen, traten die Sektionen der Arbeiter und Soldaten auch weiterhin gesondert zusammen. Die Sowjets der Bauerndeputierten schlossen sich den anderen erst nach der Machtergreifung durch die Bolschewiki an. Auch sie waren wie die Arbeiter und Soldaten organisiert, mit einem Gesamtrussischen Exekutivkomitee der Bauernsowjets in der Hauptstadt.

2. Gewerkschaften. Obwohl meist in Form von Industriegewerkschaften organisiert, nannten sich die russischen Gewerkschaften noch immer Fachverbände. Zur Zeit der bolschewistischen Revolution hatten sie vier Millionen Mitglieder. Auch die Gewerkschaften waren in einem gesamtrussischen Verband zusammengeschlossen, einer Art Russischer Arbeiterföderation, mit einem Zentralexekutivkomitee in der Hauptstadt.

3. Fabrikkomitees. Diese waren spontan entstandene Organisationen, von den Arbeitern in den Fabriken gebildet, um die Kontrolle über die Industrie auszuüben. Sie nutzten das administrative Chaos, das die Revolution mit sich gebracht hatte, um sich eine feste Position zu schaffen. Ihre Funktion bestand darin, durch revolutionäre Aktionen die Fabriken in die eigenen Hände zu nehmen und zu leiten. Die Fabrikkomitees hatten auch ihre gesamtrussische Organisation mit einem Zentralkomitee in Petrograd, das mit den Gewerkschaften zusammenarbeitete.

4. Dumas. Das Wort Duma bedeutet mehr oder weniger "beratende Körperschaft". Die alte zaristische Duma, die in etwas demokratisierter Form noch sechs Monate nach der Revolution bestand, starb im September 1917 eines natürlichen Todes. Die Stadtduma, die in diesem Buch eine Rolle spielt, war der reorganisierte Stadtrat, häufig auch "städtische Selbstverwaltung" genannt. Sie wurde in direkter und geheimer Wahl gewählt, und wenn sie während der bolschewistischen Revolution die Unterstützung der Massen verlor, dann liegt das hauptsächlich daran, daß mit der aufsteigenden Macht der Organisationen, die sich auf ökonomische Gruppen stützten, alle rein politischen Vertretungen an Einfluß verloren.

5. Semstwos. Dieser Name läßt sich mehr oder weniger mit "Landräte" übersetzen. Unter dem Zaren waren die Semstwos halb politische, halb soziale Körperschaften, mit verschwindend kleinen administrativen Funktionen. Sie wurden zum größten Teil von intellektuellen Liberalen aus der Grundbesitzerklasse beherrscht. Ihre wichtigste Funktion war die Schaffung von Schulen und sozialen Einrichtungen für Bauern. Während des Krieges nahmen die Semstwos allmählich die gesamte Versorgung der Armee mit Lebensmitteln und Kleidung sowie die Käufe aus dem Ausland in die Hand. Sie leisteten unter den Soldaten eine Arbeit, die mehr oder weniger der Tätigkeit des Christlichen Vereins junger Männer an der Front entspricht. Nach der Märzrevolution wurden die Semstwos demokratisiert, weil man beabsichtigte, ihnen die örtlichen Regierungsorgane in den ländlichen Gebieten zu übertragen. Sie konnten aber ebensowenig wie die Stadtdumas gegen die Sowjets aufkommen.

6. Genossenschaften. Darunter sind die Konsumgenossenschaften der Arbeiter und Bauern zu verstehen, die vor der Revolution in Rußland mehrere Millionen Mitglieder hatten. Von Liberalen und "gemäßigten" Sozialisten gegründet, wurden die Genossenschaften nicht von den revolutionären sozialistischen Gruppen unterstützt, da sie eine Ersatzlösung gegen über der völligen Übernahme und der Verteilung in die Hände der Werktätigen darstellten. Nach der Märzrevolution vergrößerten sich die Genossenschaften rasch. Sie wurden von den Volkssozialisten, Menschewiki und Sozialrevolutionären beherrscht und spielten bis zur bolschewistischen Revolution die Rolle einer konservativen politischen Kraft. Trotzdem darf man nicht übersehen, daß die Genossenschaften Rußland mit Lebensmitteln versorgten, als der alte Handels- und Verkehrsapparat zusammengebrochen war.

7. Armeekomitees. Die Armeekomitees wurden von den Soldaten an der Front gebildet, um den reaktionären Einfluß der Offiziere des alten Regimes zu bekämpfen. Jede Kompanie, jedes Regiment, Jede Brigade und Division, jedes Korps hatte ein eigenes Komitee. Als Dachorganisation wurde ein Armeekomitee gewählt. Das Zentrale Armeekomitee arbeitete mit dem Generalstab zusammen. Der durch die Revolution verursachte administrative Zusammenbruch in der Armee lud fast die gesamte Arbeit der Quartiermeister und in einigen Fällen sogar den Befehl der Truppen auf die Schultern des Armeekomitees.

8. Flottenkomitees. Die entsprechende Organisation in der Flotte.

Zentralkomitees

Im Frühjahr und Sommer 1917 wurden in Petrograd gesamtrussische Kongresse der verschiedenartigsten Organisationen abgehalten. Es gab Nationalkongresse der Arbeiter-, der Soldaten- und der Bauernsowjets, der Gewerkschaften, der Fabrikkomitees, der Armee- und Flottenkomitees - außerdem Kongresse jedes Zweiges innerhalb der Armee und Flotte, Kongresse der Genossenschaften, der Nationalitäten usw. Jeder dieser Kongresse wählte ein Zentralkomitee oder ein Zentralexekutivkomitee, um die besonderen Interessen seiner Organisationen am Sitz der Regierung zu wahren. Als dann die Provisorische Regierung von Tag zu Tag schwächer wurde, mußten die Zentralkomitees eine immer größere administrative Macht in ihre eigenen Hände nehmen.

Die wichtigsten in diesem Buch erwähnten Zentralkomitees sind:

Der Verband der Verbände. Während der Revolution von 1905 bildeten Professor Miljukow und andere Liberale Verbände freiberuflicher Intellektueller - Ärzte, Juristen usw. Diese vereinigten sich zu einer zentralen Organisation, dem Verband der Verbände. 1905 kämpfte der Verband der Verbände auf der Seite der revolutionären Demokratie; 1917 dagegen wandte er sich gegen den bolschewistischen Aufstand und stellte sich an die Spitze der Regierungsangestellten, die gegen die Autorität der Sowjets streikten.

Zentralexekutivkomitee. Gesamtrussisches Zentralexekutivkomitee der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten.

Zentroflot. "Zentralflotte" - das zentrale Flottenkomitee.

Wikshel. Gesamtrussisches Exekutivkomitee des Eisenbahnerverbandes. Genannt nach seinen Anfangsbuchstaben.

Andere Organisationen

Rote Garden. Die bewaffneten Fabrikarbeiter Rußlands. Die Roten Garden entstanden zum erstenmal in der Revolution von 1905 und erschienen erneut in den Märztagen 1917 auf dem Schauplatz, als eine Kraft gebraucht wurde, um Ruhe und Ordnung in den Städten zu wahren. Sie waren bewaffnet, und jeder Versuch der Provisorischen Regierung , sie zu entwaffnen, blieb mehr oder weniger erfolglos. In jeder großen Krise der Revolution erschienen die Roten Garden auf der Straße, ungeschult und undiszipliniert, aber von revolutionärem Elan erfüllt.

Weiße Garden. Freiwillige aus den Kreisen der Bourgeoisie, die in den letzten Etappen der Revolution in Erscheinung traten, um das Privateigentum, das die Bolschewiki abschaffen wollten, zu verteidigen. Sehr viele von ihnen waren Studenten.

Jekinzy. Die sogenannte Wilde Division in der Armee Sie bestand aus Angehörigen mohammedanischer Stämme aus Mittelasien, die Kornilow persönlich zugetan waren. Sie waren wegen ihres blinden Gehorsams und ihrer grausamen Kriegsführung bekannt.

"Todesbataillone" oder "Stoßbataillone". Im allgemeinen ist das Frauenbataillon in der Welt als Todesbataillon bekannt, aber es gab auch Männerbataillone dieser Art. Sie wurden im Sommer1917 von Kerenski gebildet, um durch Beispiele von Heldentum die Disziplin und Kampfkraft in der Armee zu erhöhen. Die Todesbataillone wurden zumeist aus fanatisch patriotischen jungen Menschen gebildet. Zum größten Teil waren es Söhne aus den besitzenden Klassen.

Offiziersverband. Eine Organisation der reaktionären Offiziere in der Armee, dazu bestimmt, die wachsende Macht der Armeekomitees politisch zu bekämpfen.

Ritter des heiligen Georg. Das Georgskreuz wurde für hervorragende Verdienste in der Schlacht verliehen. Die Träger dieses Ordens waren automatisch Georgsritter. Diese Organisation spielte hauptsächlich als Vorkämpfer militärischer Ideale eine Rolle.

Bauernverband. 1905 war der Bauernverband eine revolutionäre Bauernorganisation.. 1917 war er jedoch zum politischen Interessenvertreter der wohlhabenden Bauern geworden und bekämpfte die wachsende Macht und die revolutionären Ziele der Sowjets der Bauerndeputierten.

Zeitrechnung und Schreibweise

Ich habe in diesem Buch überall unseren Kalender benutzt und nicht den russischen, der dreizehn Tage zurückliegt. In der Schreibweise der russischen Wörter und Namen habe ich nicht versucht, mich an wissenschaftliche Transkriptionsregeln zu halten, sondern habe eine Schreibweise gewählt, die dem englischen Leser die Aussprache am leichtesten klarmachen kann.

Quellen

Das Material in diesem Buch stammt zu einem großen Teil aus meinen eigenen Notizen. Darüber hinaus habe ich mich aber auch auf ein wahllos zusammengetragenes Archiv mehrerer Hundert russischer Zeitungen gestützt, die über fast jeden Tag der geschilderten Zeitspanne Meldungen enthalten. Außerdem benutzte ich eine Sammlung der englischen Zeitung "Russian Daily News" und der beiden französischen Zeitungen "Journal de Russie" und "Entente". Viel wertvoller als diese Zeitungen ist allerdings das "Bulletin de la Presse", täglich vom französischen Informationsbüro in Petrograd herausgegeben, das über alle wichtigen Ereignisse, Reden und Kommentare der russischen Presse berichtet. Von diesem Bulletin habe ich eine nahezu vollständige Sammlung vom Frühjahr 1917 bis Ende Januar 1918.Daneben habe ich fast jede Proklamation, jedes Dekret und jede Ankündigung , die von Mitte September 1917 bis Januar1918 in den Straßen Petrograds angeschlagen wurden, gesammelt; ebenso die offiziellen Veröffentlichungen aller Dekrete und Befehle der Regierung sowie die offizielle Veröffentlichung der Geheimabkommen und anderer Dokumente, die im Außenministerium gefunden wurden, als es die Bolschewiki übernahmen.

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ZEHN TAGE DIE DIE WELT ERSCHÜTTERTEN

I. HINTERGRUND

Gegen Ende September 1917 besuchte mich ein ausländischer Professor der Soziologie in Petrograd. Ihm war von Männern der Wirtschaft und von Intellektuellen erzählt worden, daß die Revolution im Abebben sei. Der Herr Professor schrieb darüber einen Artikel und durchreiste dann das Land; er besuchte Fabrikstädte und Dorfgemeinden, wo zu seinem großen Erstaunen die Revolution ihren Schritt eher zu beschleunigen schien. Unter den Lohnarbeitern und der werktätigen Landbevölkerung ertönte immer öfter der Ruf: "Alles Land den Bauern!" "Alle Fabriken den Arbeitern!" Wenn der Herr Professor die Front besucht hätte, so hätte erhören können, wie in der ganzen Armee von nichts als dem Frieden die Rede war...Der Herr Professor war verwirrt; ohne Grund; beide Beobachtungen waren richtig. Die besitzenden Klassen wurden konservativer, die Volksmassen radikaler.

In den Reihen der Geschäftswelt und in der Intelligenz herrschte allgemein das Gefühl, daß die Revolution weit genug gegangen sei und schon zu lange währe; daß es an der Zeit sei, Ruhe zu schaffen. Dieser Auffassung waren auch die herrschenden "gemäßigten" sozialistischen Gruppen, die Menschewiki- "Oboronzy" und Sozialrevolutionäre, die die Provisorische Kerenskiregierung unterstützten. Am14. Oktober erklärte das offizielle Organ der "gemäßigten" Sozialisten:

"Das Drama der Revolution hat zwei Akte: Die Zerstörung der alten Ordnung und die Schaffung der neuen. Der erste Akt hat lange genug gedauert. Jetzt ist es an der Zeit, den zweiten zu beginnen und ihn so schnell als möglich zu Ende zu führen. Von einem großen Revolutionär stammt das Wort: "Eilen wir uns Freunde, die Revolution zu beenden. Wer sie zu lange währen läßt, läuft Gefahr, um ihre Früchte zu kommen"...."

Die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernmassen waren dagegen der festen Überzeugung, Daß der "erste Akt" noch lange nicht zu Ende gespielt war. An der Front stießen überall Armeekomitees mit den Offizieren zusammen, die sich noch immer nicht gewöhnen konnten, die Soldaten als Menschen zu behandeln; im Hinterland wurden die von den Bauern gewählten Bodenkomitees eingesperrt, wo sie sich unterfingen, die von der Regierung angeordneten Bestimmungen über den Grund und Boden durchzuführen; und die Arbeiter in der Fabriken mußten einen schweren Kampf gegen schwarze Listen und Aussperrungen führen. Die zurückkehrenden politischen Verbannten wurden als "unerwünschte Bürger" nicht ins Land hineingelassen, und in manchen Fällen wurden Menschen, die aus dem Auslande in ihre Dörfer zurückkehrten, wegen der im Jahre1905 begangenen politischen Handlungen verfolgt und eingekerkert. Auf die mannigfaltige Unzufriedenheit des Volkes hatten die "gemäßigten" Sozialisten nur eine Antwort: Die Konstituierende Versammlung abzuwarten, die im Dezember zusammentreten sollte. Aber die Massen waren damit nicht zufrieden. Die Konstituierende Versammlung war gut und schön, doch es gab gewisse klar umrissene Dinge, um derentwillen die russische Revolution gemacht worden war, für die die revolutionären Märtyrer, die in den Massengräbern des Marsfeldes lagen, ihr Blut vergossen hatten; diese galt es zu verwirklichen, mit oder ohne Konstituierende Versammlung: Frieden, Land, Kontrolle der Arbeiter über die Industrie. Die Konstituierende Vesammlung war bisher immer wieder vertagt worden - und würde wahrscheinlich noch einmal vertagt werden, so lange vielleicht, bis das Volk ruhig genug geworden war, um auf einen Teil seiner Forderungen zu verzichten. Acht Monate Revolution waren bereits ins Land gegangen, und wenig genug zu sehen.....Inzwischen begannen die Soldaten, die Friedensfrage auf eigene Faust zu lösen, indem sie einfach desertierten; die Bauern brannten die Gutshäuser nieder und setzten sich in den Besitz der großen Güter; die Arbeiter streikten....Die Fabrikanten, Gutsbesitzer und Offiziere der Armee setzten ihren ganzen Einfluß ein, um jedes demokratische Zugeständnis zu verhindern.... Die Politik der Provisorischen Regierung schwankte zwischen wertlosen Reformen und brutaler Unterdrückung. Ein Befehl des sozialistischen Arbeitsministers ordnete an, daß die Arbeiterkomitees fortan nur nach Feierabend zusammentreten dürften. Bei den Truppen an der Front wurden die "Agitatoren" der oppositionellen politischen Parteien verhaftet, die radikalen Zeitungen verboten und die Todesstrafe gegen revolutionäre Propagandisten angewandt. Versuche wurden unternommen, die Roten Garden zu entwaffnen. Kosaken wurden in die Provinzen geschickt, damit sie dort die Ordnung wiederherstellten.....

Diese Maßnahmen wurden von den "gemäßigten" Sozialisten und ihren Führern im Ministerium, die die Zusammenarbeit mit den besitzenden Klassen für notwendig hielten, gutgeheißen. Die Volksmassen wandten sich in schnellem Tempo von ihnen ab und gingen zu den Bolschewiki über, die für Frieden, Land für die Kontrolle der Arbeiter über die Industrie und für eine Regierung der Arbeiterklasse waren. Im September 1917 spitzten sich die Dinge zur Krise zu. Gegen den überwältigenden Willen des Landes gelang es Kernski und den "gemäßigten" Sozialisten, eine Koalitionsregierung mit den besitzenden Klassen zu errichten; das Resultat war, daß die Menschewiki und Sozialrevolutionäre das Vertrauen des Volkes endgültig verloren. Ein Artikel im "Rabotschi Put" (Der Arbeiterweg) um die Mitte des Oktobers unter dem Titel "Die sozialistischen Minister" brachte die Meinung der Volksmassen wie folgt zum Ausdruck:

"Hier eine Liste ihrer Leistungen:

Zereteli: entwaffnete die Arbeiter mit Hilfe des Generals Polowzew, brachte den revolutionären Soldaten eine Niederlage bei und stimmte der Todesstrafe in der Armee zu.

Skobelew: begann mit dem Versprechen, eine hundertprozentige Steuer auf die Profite der Kapitalisten zu legen, und endete - und endete mit dem Versuch, die Arbeiterkomitees in den Werkstätten und Fabriken aufzulösen.

Awxentjew: warf einige Hundert Bauern ins Gefängnis, die Mitglieder der Bodenkomitees, und unterdrückte Dutzende von Arbeiter- und Soldatenzeitungen.

Tschernow: unterzeichnete das Kaiserliche Manifest, das die Auflösung des finnischen Landtages anordnete.

Sawinkow: schloß ein offenes Bündnis mit dem General Kornilow. Wenn es diesem Retter des Landes nicht gelang, Petrograd zu verraten, so ist das auf Gründe zurückzuführen, die seinem Einfluß nicht unterlagen.

Sarudny: kerkerte mit Zustimmung Alexinskis und Kerenskis Tausende revolutionäre Arbeiter, Soldaten und Matrosen ein.

Nikitin: handelte als ordinärer Polizist gegen die Eisenbahner.

Kerenski: über den sagt man am besten gar nichts. Die Liste seiner Leistungen würde zu lang werden....."

Ein Delegiertenkongress der Baltischen Flotte in Helsingfors beschloß eine Resolution, die wie folgt begann:

"Wir fordern die sofortige Entfernung des ,Sozialisten` und politischen Abenteurers Kerenski aus der Provisorischen Regierung, der die große Revolution und mit ihr die revolutionären Massen durch seine schamlosen politischen Erpressungen im Interesse der Bourgeoisie zugrunde richtet..."

Das unmittelbare Ergebnis alles dessen war der Aufstieg der Bolschewiki.....

Seit dem März 1917, als der Ansturm der Arbeiter und Soldaten auf den Taurischen Palast die widerstrebende Reichsduma zwang, die Macht in Rußland zu übernehmen, waren es die Massen des Volkes, die Arbeiter, Soldaten und Bauern, die jeden Wechsel im Fortgang der Revolution erzwangen. Sie stürzten das Ministerium Miljukows; ihr Sowjet war es, der der Welt die russischen Friedensvorschläge verkündete: "Keine Annexionen, keine Entschädigungen, Selbstbestimmungsrecht der Völker!" und wieder, im Juli, war es die spontane Erhebung des unorganisierten Proletariats, das zum zweiten Male den Taurischen Palast stürmte und die Forderung erhob: Übernahme der Regierungsgewalt in Rußland durch die Sowjets. Die Bolschewiki, zu der Zeit eine kleine politische Sekte, stellten sich an die Spitze der Bewegung. Das Ergebnis des völligen Mißerfolgs der Erhebung war, daß sich die öffentliche Meinung gegen sie kehrte. Ihre führerlosen Massen fluteten in das Wiborgviertel zurück, das Saint Antoine von Petrograd. Dann folgte eine wilde Bolschewistenhetze: Hunderte wurden eingekerkert, darunter Trotzki, Frau Kollontai und Kamenew; Lenin und Sinojew mußten sich verbergen, gehetzt von der Justiz; die bolschewistischen Zeitungen wurden unterdrückt. Provokateure und Reaktionäre wurden nicht müde, die Bolschewiki als deutsche Agenten zu bezeichnen, bis sich in der ganzen Welt Leute fanden, die das glaubten. Aber die Provisorische Regierung konnte ihre Anklagen nicht beweisen; die Dokumente, die die prodeutsche Verschwörertätigkeit der Bolschewiki beweisen sollten, wurden als Fälschungen enthüllt. Und die Bolschewiki wurden, einer nach dem anderen, aus den Gefängnissen entlassen, ohne jeden Prozeß, gegen nominelle oder ohne jede Bürgschaft, bis nur sechs Verhaftete übrigblieben. Die Machtlosigkeit und Unentschlossenheit der ständig wechselnden Provisorischen Regierung war allein schon ein unwiderlegbares Argument. Die Bolschewiki stellten erneut die den Massen so wertvolle Losung auf: "Alle Macht den Sowjets!", und sie taten das nicht aus Selbstsucht; zu der Zeit gehörte die Mehrheit in den Sowjets den "gemäßigten" Sozialisten, ihren wütendsten Gegnern. Doch mehr noch; sie übernahmen die elementaren, einfachen wünsche der Arbeiter, Soldaten und Bauern und schufen daraus ihr Aktionsprogramm. Und während die sozialpatriotischen Menschewiki und Sozialrevolutionäre sich in der Politik des Kompromisses mit der Bourgeoisie verwirrten, eroberten die Bolschewiki schnell die russischen Massen. Im Juli waren sie noch gehetzt und verachtet, im September waren die Arbeiter der Hauptstadt, die Matrosen der Baltischen Flotte und die Soldaten bereits fast ganz auf ihrer Seite. Die Kommunalwahlen, die im September in den großen Städten stattfanden, waren dafür bezeichnend; nur acht Prozent der Gewählten waren Menschewiki und Sozialrevolutionäre gegenüber mehr als siebzig Prozent im Juni...Es bleibt ein Umstand, der geeignet ist, den nichtrussischen Beobachter zu verwirren: das Zentralexekutivkomitee der Sowjets, die zentralen Armee- und Flottenkomitees und die Zentralkomitees einiger Gewerkschaften, vor allem die der Post - und Telegrafenarbeiter und der Eisenbahner, waren den Bolschewiki entschieden feindlich. Alle diese Zentralkomitees waren in der Mitte des Sommers oder sogar vorher gewählt worden, als die Menschewiki und Sozialrevolutionäre noch eine ungeheure Anhängerschaft hatten; jetzt schoben sie Neuwahlen immer wieder hinaus oder verhinderten sie sogar. So hätte beispielsweise den Bestimmungen der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten gemäß der Gesamtrussische Sowjetkongreß zum September einberufen werden müssen; doch das Zentralexekutivkomitee wollte ihn nicht zusammentreten lassen unter dem Vorwand, daß die Konstituierende Versammlung in spätestens zwei Monaten tagen würde, womit, so deuteten sie an, die Aufgabe der Sowjets erledigt wäre und sie abzutreten hätten. Mittlerweile eroberten die Bolschewiki im ganzen Lande einen nach dem anderen die örtlichen Sowjets, die lokalen Gewerkschaftsorganisationen und die unteren Soldaten- und Matrosenmassen. Die Bauernsowjets blieben noch konservativ, weil in den rückständigen ländlichen Gebieten das politische Bewußtsein sich nur langsam entwickelte; außerdem hatte seit einer ganzen Generation die Agitation in den Händen der Sozialrevolutionäre gelegen......Doch selbst unter den Bauern begann sich ein revolutionärer Flügel zu bilden. Das zeigte sich klar im Oktober, als sich der linke Flügel der Sozialrevolutionäre abspaltete und eine neue politische Partei bildete, die Partei der linken Sozialrevolutionäre. Gleichzeitig waren allenthalben Anzeichen vorhanden, daß die Reaktion wieder Selbstvertrauen gewann. In der Troizki- Komödie in Petrograd wurde beispielsweise eine Burleske mit dem Titel "Die Sünden des Zaren" von einer Monarchistengruppe gestört, die die Schauspieler zu lynchen drohte, weil sie "den Zaren beleidigt" hatten. Gewisse Zeitungen begannen nach einem "russischen Napoleon" zu rufen. Es war damals bei der bürgerlichen Intelligenz üblich, die Arbeiterdeputierten als "Hundedeputierte" zu bezeichnen. Am 15. Oktober hatte ich eine Unterhaltung mit einem russischen Großkapitalisten, Stepan Georgijewitsch Lianosow, bekannt als der "russische Rockefeller", seiner politischen Parteizugehörigkeit nach ein Kadett. "Die Revolution", sagte dieser, "ist eine Krankheit. Früher oder später werden die fremden Mächte eingreifen müssen, gerade so, wie man eingreifen muß, um ein krankes Kind zu heilen oder es laufen zu lehren. Natürlich wird das mehr oder weniger unangenehm sein, aber die Nationen müssen sich klarwerden über die Gefahr des Bolschewismus in ihren eigenen Ländern, über die Gefährlichkeit so ansteckender Ideen wie die der proletarischen Diktatur und der sozialen Weltrevolution...es besteht eine Möglichkeit daß das Eingreifen nicht notwendig ist: das Transportwesen ist zerstört, die Fabriken schließen ihre Tore, die Deutschen sind im Vormarsch. Der Hunger und die Niederlage möchten vielleicht das russische Volk zur Vernunft bringen....."

Herr Lianosow erklärte entschieden, daß sich die Kaufleute und Fabrikanten unter keinen Umständen mit der Existenz der Fabrikkomitees abfinden oder zugeben könnten, daß die Arbeiter irgendeinen Einfluß auf die Leitung der Industrie gewinnen. "Was die Bolschewiki anbelangt, so könnte man mit ihnen auf zweierlei Art fertig werden: die Regierung kann Petrograd räumen, dann den Belagerungszustand erklären, womit der Militärkommandant des Gebietes die Möglichkeit erhalten würde, mit diesen Herrschaften, ungehindert durch gesetzliche Formalitäten, abzurechnen.....Oder aber, falls die Konstituierende Versammlung irgendwelche utopischen Neigungen zeigen sollte, kann sie mit Waffengewalt auseinandergetrieben werden......."

Der Winter rückte heran - der schreckliche russische Winter. Ich hörte Kapitalisten über ihn wie folgt sprechen:"Der Winter war immer Rußlands bester Freund. Vielleicht wird er uns jetzt von der Revolution befreien." An der frierenden Front fuhren die Armeen fort, zu hungern und zu sterben, ohne Begeisterung. Der Eisenbahnverkehr brach zusammen, die Lebensmittel wurden knapp, die Fabriken schlossen die Tore. Die verzweifelten Massen beschuldigten die Bourgeoisie, das Leben des Volkes zu sabotieren und die Niederlage an der Front herbeizuführen. Riga war preisgegeben worden, unmittelbar nachdem der General Kornilow in aller Öffentlichkeit erklärt hatte: "Vielleicht ist Riga der Preis, den wir zahlen müssen, um das Land zum Bewußtsein seiner Pflicht zu bringen." Für Amerikaner mag es unglaublich klingen, daß der Klassenkampf sich dermaßen zuspitzen kann. Aber ich habe persönlich an der Nordfront mit Offizieren gesprochen, die offen den militärischen Zusammenbruch der Zusammenarbeit mit den Soldatenkomitees vorzogen. Der Sekretär der Petrograder Organisation der Kadettenpartei erzählte mir, daß der Zusammenbruch des ökonomischen Lebens des Landes ein Teil der Kampagne war, die die Revolution diskreditieren sollte. Ein Ententediplomat, dessen Namen ich zu verschweigen versprochen habe, bestätigte mir dies aus eigener Kenntnis. Ich weiß von gewissen Kohlenbergwerken in der Nähe von Charkow, die von ihren Besitzern in Brand gesteckt und unter Wasser gesetzt wurden, von Textilfabriken in Moskau, deren Ingenieure die Maschinen vor ihrer Flucht zerstört hatten, von hohen Eisenbahnbeamten, die von den Arbeitern dabei ertappt wurden, als sie die Lokomotiven zu zerstören im Begriff waren.....Ein großer Teil der besitzenden Klasse zog die Deutschen der Revolution vor - selbst der Provisorischen Regierung - und zögerte nicht, dies auszusprechen. In der russischen Familie, bei der ich wohnte, war der Gegenstand der Unterhaltung bei Tisch fast immer das Kommen der Deutschen, die "Ruhe und Ordnung" bringen würden....Ich verlebte einmal einen Abend im Hause eines Moskauer Kaufmanns; beim Tee fragten wir die elf Personen am Tisch, wen sie vorzögen, "Wilhelm oder die Bolschewiki". Zehn stimmten für Wilhelm..... Die Spekulanten nützten die allgemeine Desorganisierung aus, um Reichtümer anzuhäufen, die sie in phantastischen Schwelgereien vergeudeten oder dazu verwendeten, die Staatsbeamten zu bestechen. Lebensmittel und Brennmaterial wurden versteckt oder im geheimen nach Schweden verkauft. In den ersten vier Monaten der Revolution beispielsweise wurden die Lebensmittelreserven fast in voller Öffentlichkeit aus den großen städtischen Speichern Petrograds geplündert, bis von den Getreidevorräten, die für zwei Jahre bestimmt waren, kaum genug übrig war, um die Stadt einen Monat lang zu versorgen..... Nach dem offiziellen Bericht des letzten Ernährungsministers in der Provisorischen Regierung wurde der Kaffee in Wladiwostok im Großeinkauf für zwei Rubel das Pfund gekauft, während die Konsumenten in Petrograd dreizehn Rubel zahlen mußten. In den Geschäften der großen Städte waren große Mengen an Lebensmitteln und Kleidung; aber nur die Reichen konnten sie kaufen. Ich kannte in einer Provinzstadt eine Kaufmannsfamilie, die sich der Spekulation zugewandt hatte. Marodeure werden solche von den Russen genannt. Die drei Söhne hatten sich vom Militärdienst gedrückt. Der eine spekulierte in Lebensmitteln. Der zweite verkaufte im geheimen Gold aus den Lena- Gruben an geheimnisvolle Interessenten in Finnland. Der dritte besaß die Aktienmehrheit in einer Schokoladenfabrik, die die örtliche Genossenschaften versorgte - unter der Bedingung, daß die Genossenschaften ihm lieferten, was er brauchte . Während die Volksmassen auf ihre Brotkarten ein Viertelpfund Schwarzbrot erhielten, hatte er im Überfluß Weißbrot, Zucker, Tee, Kuchen und Butter....Das hinderte diese saubere Familie nicht, die erschöpften Soldaten, die an der Front infolge der Kälte und des Hungers nicht mehr kämpfen konnten , als "Feiglinge" zu beschimpfen, und daß sie sich "schämten" "Russen" zu sein.....Und als die Bolschewiki große Mengen versteckter Vorräte entdeckten und beschlagnahmten, bezeichneten sie diese als "Räuber".Unter all dieser äußeren Korruptheit arbeiteten die alten reaktionären Kräfte, die sich seit dem Sturz Nikolaus`II. Nicht geändert hatten, im geheimen still und sehr aktiv. Die Agenten der berüchtigten Ochrana waren noch immer in Funktion, für und gegen den Zaren, für und gegen Kerenski - je nachdem, von wem sie bezahlt wurden......Geheime Organisationen aller Art, wie die Schwarzhunderter, waren eifrig bemüht, in der einen oder anderen Weise die Reaktion wiederherzustellen. In dieser Atmosphäre der Fäulnis, der halben Wahrheiten ließ sich, tagaus, tagein, nur ein klarer Ton vernehmen, der Ruf der Bolschewiki: "Alle Macht den Sowjets!", "Alle Macht den Vertretern der Millionen und aber Millionen Arbeiter, Soldaten und Bauern!", "Land, Brot!", "Schluß mit dem sinnlosen Krieg!", "Schluß mit der Geheimdiplomatie!", "Schluß mit der Spekulation und dem Verrat!"...."Die Revolution ist in Gefahr und mit ihr die Sache des Volkes in der ganzen Welt!"

Der Kampf zwischen dem Proletariat und dem Bürgertum, zwischen den Sowjets und der Regierung, der in den ersten Märztagen begonnen hatte, war seinem Gipfel nahe. Rußland, das mit einem Satze aus dem tiefsten Mittelalter ins zwanzigste Jahrhundert gesprungen war, bot der erstaunten Welt das Schauspiel des tödlichen Kampfes zweier Systeme der Revolution - der formal politischen und der sozialen. Was für eine unglaubliche Lebenskraft offenbarte diese russische Revolution, nach all den Monaten des Hungers und der Enttäuschung! Die Bourgeoisie hätte ihr Rußland besser kennen sollen. Lange noch wird es dauern, bis die "Krankheit" der Revolution in Rußland ihren Lauf genommen hat.....

Blickt man zurück, so scheint Rußland vor dem Novemberaufstand einem anderen Zeitalter anzugehören, fast unglaublich konservativ. So schnell haben wir uns dem neuen, schnelleren Leben angepaßt. In dem Maße, wie das russische politische Leben sich radikalisierte, bis die Kadetten als Volksfeinde geächtet wurden, wurde Kerenski "ein Konterrevolutionär"; die "gemäßigten" sozialistischen Führer, Zereteli, Dan, Liber, Goz und Awxentjew, waren zu reaktionär für ihre Gefolgschaft, und Männer wie Wiktor Tschernow, ja sogar Maxim Gorki gehörten zum rechten Flügel.... Gegen Mitte Dezember 1917 besuchte eine gruppe sozialrevolutionäre Führer privatim Sir George Buchanan, den britischen Gesandten, und sie baten ihn inständig, nichts davon zu erwähnen, daß sie bei ihm gewesen waren, weil sie als "zu weit rechts stehend" betrachtet wurden. "Man bedenke", sagte Buchanan, "daß noch vor einem Jahr die englische Regierung mir Anweisung gab, Miljukow nicht zu empfangen, weil er so ein gefährlicher Linker war."

Der September und der Oktober sin die schlimmsten Monate im russischen Jahr, besonders in Petrograd. Aus einem trostlos grauen Himmel, der die kürzer werdenden Tage noch dunkler machte, strömte unaufhörlicher Regen. Der Schmutz in den Straßen lag tief, schlüpfrig, von schweren Stiefeln zerfurcht, schlimmer als gewöhnlich, weil die Stadtverwaltung völlig zusammengebrochen war. Vom finnischen Meerbusen her fegte ein feuchter wind, die Straßen waren in kalten Nebel gehüllt. Des Nachts waren aus Gründen der Sparsamkeit und aus Furcht vor Zeppelinen die Straßen nur ganz unzureichend beleuchtet; in den Privatwohnungen und Mietshäusern brannte das elektrische Licht von sechs Uhr bis Mitternacht. Wollte man außer dieser Zeit Licht haben, so war man auf Kerzen angewiesen, die fast zwei Rubel das Stück kosteten. Petroleum war kaum zu haben. Dabei war es von drei Uhr nachmittags bis zehn Uhr vormittags finster. Überfälle und Einbrüche nahmen zu. In den Mietshäusern mußten die Männer jede Nacht mit geladenen Gewehren Wachdienst verrichten. Dies alles schon unter der Provisorischen Regierung. Mit jeder Woche wurden die Lebensmittel knapper. Die tägliche Brotration fiel von anderthalb russischen Pfund auf ein Pfund, dann auf drei viertel, auf ein halbes und auf ein viertel. Gegen Ende gab es eine Woche, wo Brot überhaupt nicht ausgegeben wurde. Auf Zucker hatte man Anrecht von zwei Pfund im Monat, vorausgesetzt, daß man überhaupt welchen erhielt, was selten der fall war. Eine Schokoladentafel oder ein Pfund Bonbons, ohne jeden Geschmack, kostete allenthalben sieben bis zehn Rubel, das entspricht mindestens einem Dollar. Milch gab es für die Hälfte der Säuglinge in der Stadt; die Mehrzahl der Hotels und Privathaushaltungen bekam sie monatelang nicht zu Gesicht. In der Obstsaison wurden Äpfel und Birnen für etwas weniger als einen Rubel das Stück an den Straßenecken verkauft....Um Milch, Brot, Zucker und Tabak mußte man stundenlang im kalten Regen anstehen. Als ich einmal aus einer die ganze Nacht währenden Versammlung nach Hause kam, sah ich, wie die Menschen, meist Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm, sich bereits vor Morgengrauen anzustellen begannen....Carlyle hat in seiner Geschichte der Französischen Revolution das französische Volk als das Volk bezeichnet, das in der Kunst des Anstehens alle anderen Völker übertreffe. Rußland hatte schon im Jahre 1915, unter der gesegneten Regierung Nikolaus`, Gelegenheit, sich in dieser Kunst zu üben, und dann, ohne Unterbrechung, bis zum Sommer 1917, wo das Anstehen um alle Dinge der gewöhnliche Zustand wurde. Man muß sich die ärmlich gekleideten Menschen vorstellen, wie sie mitten im russischen Winter oft den ganzen Tag in den froststarren Straßen Petrograds standen! Ich habe in den Schlangen zugehört und den bitteren Unterton der Unzufriedenheit vernommen, wenn er sich hier und da sogar durch die wie ein Wunder anmutende Gutmütigkeit des russischen Volkes Bahn brach. Dabei hatten alle Theater Abend für Abend, auch des Sonntags, Hochbetrieb. Die Karsawina zeigte sich in einem neuen Ballett im Marientheater, und alle tanzbegeisterten Russen gingen hin, sie zu sehen. Schaljapin sang. Im Alexandratheater wurde Meyerholds Inszenierung von Tolstois "Der Tod Iwans des Schrecklichen" gegeben. Und bei dieser Vorstellung erinnere ich mich, einen Zögling der Kaiserlichen Pagenschule in Galauniform beobachtet zu haben, der in den Pausen jedesmal aufstand und vor der leere, ihrer Adler beraubten kaiserlichen Loge seine Ehrenbezeugungen machte.... Das Kriwoje-Serkalo - Theater brachte eine prunkvolle Aufführung von Schnitzlers "Reigen".

Obgleich die Eremitage und andere Gemäldegalerien nach Moskau übergeführt worden waren, gab es wöchentlich Gemäldeausstellungen Scharen von Studentinnen liefen zu den Vorlesungen über Kunst, Literatur und Philosophie. Es war eine ausnehmend günstige Zeit für Theosophen. Und die Heilsarmee, die zum erstenmal in Rußland zugelassen war, bedeckte die Mauern mit Einladungen zu ihren Versammlungen, die die russischen Hörer amüsierten und in Erstaunen versetzten....Wie immer in solchen Zeiten, ging das tägliche Leben in der Stadt seinen gewohnten Trott und ignorierte die Revolution soweit wie möglich. Die Poeten machten Verse - doch nicht über die Revolution. Die realistische Maler malten Szenen aus der mittelalterlichen Geschichte Rußlands - alles mögliche, nur nicht die Revolution. Die jungen Damen aus der Provinz kamen in die Hauptstadt um Französisch zu lernen und ihre Stimme zu kultivieren, und die lustigen, jungen Offiziere trugen ihre goldverbrämten Uniformen und ihre kostbar ziselierten kaukasischen Säbel in den Salons der Hotels spazieren. Die Damen der Beamtenschaft trafen sich an den Nachmittagen zum Tee, wobei jede ihr goldenes oder silbernes, mit Edelsteinen besetztes Zuckerdöschen und einen halben Laib Brot in ihrem Muff mit sich brachte - und wünschten sich den Zaren zurück, oder das die Deutschen kommen sollten, oder irgend etwas, was das schwierige Dienstbotenproblem zu lösen geeignet wäre.....Die Tochter eines meiner Bekannten bekam eines Nachmittags einen hysterischen Anfall, weil die Straßenbahnschaffnerin sie "Genossin" genannt hatte. Um sie herum war das ganze große Rußland in Bewegung, schwanger mit einer neuen sozialen Ordnung. Die Dienstboten, die man gewohnt war, wie Tiere zu behandeln und mit einem Bettelpfennig zu entlohnen, begannen aufsässig zu werden. Ein Paar Schuhe kostete über hundert Rubel, und da die Löhne in der Regel nicht mehr als fünfunddreißig Rubel im Monat betrugen, weigerten sich die Dienstboten, um Lebensmittel anzustehen und dabei ihr Schuhzeug zu verderben. Aber - was weitaus schlimmer war - in dem neuen Rußland durfte jeder Mann und jede Frau wählen; es gab Arbeiterzeitungen, die ganz neue und erstaunliche Dinge schrieben; es gab Sowjets, und es gab Gewerkschaften. Die Droschkenkutscher Hatten einen Verband; sie waren auch im Petrograder Sowjet vertreten. Und die Kellner und Hotelbediensteten waren organisiert und weigerten sich, Trinkgelder zu nehmen. An den Wänden der Restaurants klebten sie Zettel an, auf denen zu lesen stand: "Keine Trinkgelder!" oder auch: " Die Tatsache, daß ein Mann seinen Lebensunterhalt verdient, indem er bei Tisch aufwartet, gibt niemandem das Recht, ihn durch Trinkgeldgeben zu beleidigen."

An der Front setzten sich die Soldaten mit den Offizieren auseinander und lernten es, sich mit Hilfe ihrer Komitees selbst zu regieren. In den Fabriken erlangten die Fabrikkomitees, diese einzigartigen russischen Organisationen, Erfahrung und Stärke und kamen zum Bewußtsein ihrer historischen Mission durch den Kampf mit der alten Ordnung. Ganz Rußland lernte lesen. Und es las - Politik, Ökonomie, Geschichte. Das Volk wollte Wissen....In jeder Großstadt, fast in jeder Stadt, an der ganzen Front hatte jede politische Partei ihre Zeitung, manchmal mehrere. Hunderttausende von Flugblättern wurden von Tausenden Organisationen verteilt, überschwemmten die Armee, die Dörfer, die Fabriken, die Straßen. Der Drang nach Wissen, so lange unterdrückt, brach sich in der Revolution mit Ungestüm Bahn. Allein aus dem Smolny-Institut gingen in den ersten sechs Monaten täglich Tonnen, Wagenladungen Literatur ins Land. Rußland saugte den Lesestoff auf, unersättlich, wie heißer Sand das Wasser. Und es waren nicht Fabeln, die verschlungen wurden, keine Geschichtslügen, keine verwässerte Religion oder der billige Roman, der demoralisiert - es waren soziale und ökonomische Theorien, philosophische Schriften, die Werke Tolstois, Gogols und Gorkis...Und dann das gesprochene Wort, neben dem Carlyles "Flut der französischen Rede" wie ein armseliges Rinnsal anmutet: Vorlesungen, Debatten, Reden; in Theatern, Zirkussen, Schulen, Klubs, in den Sitzungen der Sowjets, der Gewerkschaften, in den Kasernen.... Versammlungen in den Schützengräben an der Front, auf den Dorfplätzen, in den Fabriken...Was für ein Anblick, die Arbeiter der Putilow- Werke, vierzigtausend Mann stark, herausströmen zu sehen, um die Sozialdemokraten zu hören, die Sozialrevolutionäre, die Anarchisten - wer immer etwas zu sagen hatte, solange er reden wollte. Monatelang war in Petrograd, in ganz Rußland jede Straßenecke eine öffentliche Tribüne. In den Eisenbahnen, in den Straßenbahnwagen, überall improvisierte Debatten, überall...Und die Gesamtrussischen Konferenzen und Kongresse, die die Menschen zweier Kontinente in Verbindung brachten - Kongresse der Sowjets, der Genossenschaften, der Semstwos, der Nationalitäten, der Priester, der Bauern, der politischen Parteien; die Demokratische Beratung, die Moskauer Beratung, der Rat der Russischen Republik. In Petrograd tagten ständig drei oder vier Kongresse. In den Versammlungen wurde jeder Versuch, die Redezeit einzuschränken, abgelehnt. Jedermann hatte vollkommene Freiheit, auszusprechen, was er auf dem Herzen hatte...Wir waren bei der Zwölften Armee an der Front, die eben von Riga gekommen war, wo hungernde und barfüßige Soldaten in dem Moder der Schützengräben dahinkrankten; kaum sahen sie uns, als sie auch schon aufsprangen, mit ihren mageren Gesichtern und ihren blaugefrorenen Gliedern, die durch ihre zerrissenen Kleider schimmerten. Und das erste, was sie fragten, war: "Habt ihr was zu lesen?"

Wenn aber auch an äußeren und sichtbaren Zeichen der Wandlung kein Mangel war: zum Beispiel die Statue der "Großen Katharina" vor dem alexandratheater eine kleine rote Fahne in der Hand hielt und andere - etwas verblichen - von allen öffentlichen Gebäuden herabwehten; die kaiserlichen Insignien und Adler teils heruntergerissen, teils verdeckt waren; an der Stelle der brutalen zaristischen Polizisten in den Straßen eine sanfte unbewaffnete Bürgermiliz patroullierte - so gab es dennoch zahllose wunderliche Anachronismen. Beispielsweise existierte noch immer die Rangordnung, die Peter der Große Rußland mit eiserner Hand aufgezwungen hatte. Fast jedermann, vom Schulbuben angefangen, hatte seine vorgeschriebene Uniform, mit den Abzeichen des Kaisers auf den Knöpfen und Achselstücken. Von fünf Uhr nachmittags an waren die Straßen gefüllt mit alten Herren in Uniform, die Aktenmappen trugen und von der Arbeit in den riesengroßen kasernengleichen Ministerien oder Regierungsinstitutionen kamen, wo ihre Tätigkeit darin bestehen mochte, auszurechnen, wie lange es währen würde, bis der Tod eines ihrer Vorgesetzten sie zum Rang eines Assessors oder Geheimrats aufsteigen lassen würde mit der Aussicht auf Pensionierung, mit einem einträglichen Ruhegehalt und womöglich mit dem St. Annenkreuz..... Dem Senator Sokolow ist es passiert, in einem Moment, als die Revolution ihre höchste Welle erreicht hatte, daß er eines Tages zu einer Senatssitzung in Zivilkleidung erschien und nicht zugelassen wurde, weil er nicht die vorgeschriebene Livree des Zarendienstes trug! Gegen diesen Hintergrund einer ganzen Nation in Gärung und Auflösung rollte die Erhebung der russischen Massen heran....

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II. DER HERAUFZIEHENDE STURM

Im September 1917 marschierte der General Kornilow auf Petrograd, um sich zum militärischen Diktator über Rußland aufzuschwingen. Hinter ihm wurde plötzlich die Eisenfaust der Bourgeoisie sichtbar, die sich anschickte, mit verwegenem Schlag die Revolution niederzuschmettern. In die Verschwörung waren auch einige sozialistische Minister verwickelt. Selbst Kerenski war verdächtig. Sawkinow, von dem Zentralkomitee seiner Partei, den Sozialrevolutionären, aufgefordert, Aufklärung zu geben, weigerte sich dessen und wurde ausgeschlossen. Soldatenkomitees verhafteten Kornilow, Generale wurden entlassen, Minister ihrer Ämter enthoben, und das Kabinett wurde gestürzt. Kerenski machte den Versuch, eine neue Regierung zu bilden mit Einschluß der Kadetten, der Partei der Bourgeoisie. Seine eigene Partei, die Sozialrevolutionäre, befahlen ihm den Ausschluß der Kadetten. Kerenski weigerte sich zu gehorchen und drohte mit seinem eigenen Rücktritt aus dem Kabinett, wenn die Sozialisten auf ihrer Forderung beständen. Indessen war die Aufregung der Volksmassen so groß, daß er sich - wenigstens für den Moment - nicht zu widersetzen wagte, und ein provisorisches Direktorium von fünf der bisherigen Minister, mit Kerenski an der Spitze übernahm die Macht bis zur endgültigen Regelung der Frage. Die Kornilow - Affäre hatte alle sozialistischen gruppen, von den Gemäßigten bis zu den Revolutionären, in einem leidenschaftlichen Impuls der Selbstverteidigung zusammengeführt. Es galt, das Auftauchen neuer Kornilows zu verhindern. Eine neue Regierung mußte gebildet werden, die den der Revolution ergebenen Elementen verantwortlich war. So forderte denn das Zentralexekutivkomitee der Sowjets die Organisationen auf, Delegierte zu einer "Demokratischen Beratung" zu entsenden, die im September in Petrograd zusammentreten sollte. Im Zentralexekutivkomitee der Sowjets hatten sich von vornherein drei Richtungen bemerkbar gemacht. Die Bolschewiki forderten die Einberufung eines neuen (zweiten) Gesamtrussischen Sowjetkongresses und die Übernahme der Macht durch die Sowjets. Das von Tschernow geführte Zentrum der Sozialrevolutionäre, die linken Sozialrevolutionäre unter Führung von Kamkow und Spiridowna, die Menschewiki - Internationalisten unter Martow und das Zentrum der Menschewiki, dessen Sprecher Bogdanow und Skobelew waren, traten für eine "rein sozialistische" Regierung ein. Zereteli, Dan und Liber, die Führer der rechten Menschewiki, und die rechten Sozialrevolutionäre unter Awxentjew und Goz bestanden auf der Hinzuziehung der besitzenden Klassen bei der Bildung der neuen Regierung. Im Petrograder Sowjet gelang es den Bolschewiki fast sofort, die Mehrheit zu gewinnen. Dem Beispiel Petrograds folgten schnell die Sowjets in Moskau, Kiew, Odessa und anderen Städten. Aufs höchste bestürzt, kamen die das Zentralexekutivkomitee der Sowjets beherrschenden Menschewiki zu der Schlußfolgerung, daß die Gefahr Lenin mehr zu fürchten sei als die Gefahr Kornilow. Sie revidierten den für die Demokratische Beratung aufgestellten Vertretungsmodus, indem sie den Genossenschaften und ähnlichen konservativen Organisationen eine größere Anzahl von Delegierten zusprachen. Selbst diese gesiebte Versammlung stimmte zuerst für eine Koalitionsregierung ohne die Kadetten. Nur Kerenskis offen Drohung mit dem Rücktritt und das Alarmgeschrei der "gemäßigten" Sozialisten, daß "die Republik in Gefahr sei" , erreichten, daß die Beratung mit einer geringen Mehrheit sich zugunsten der Koalition mit der Bourgeoisie aussprach und der Errichtung einer Art beratenden Parlaments, ohne gesetzgebende Gewalt, zustimmte, das den Namen "Provisorische Rat der Russischen Republik" erhielt. Die neue Regierung wurde praktisch von den besitzenden Klassen beherrscht, und auch in dem neugeschaffenen Rat der Russischen Republik hatten diese eine verhältnismäßig große Zahl von Sitzen inne. Das Zentralexekutivkomitee der Sowjets hatte faktisch aufgehört, die einfachen Menschen in den Sowjets zu vertreten. Es weigerte sich, den im September fälligen neuen Gesamtrussischen Sowjetkongreß einzuberufen, und war auch nicht gewillt, seine Einberufung durch andere zu dulden. Das offizielle Organ des Komitees. "Iswestija", begann sogar anzudeuten, daß die Funktion der Sowjets beendet und ihre baldige Auflösung zu erwarten sei. Zur selben Zeit bezeichnete die neue Regierung als einen wesentlichen Teil ihrer Politik die Liquidierung aller "unverantwortlichen Organisationen", womit die Sowjets gemeint waren. Die Bolschewiki antworteten hierauf mit der Aufforderung an die Gesamtrussischen Sowjets, sich am 2. November in Petrograd zu versammeln und die Rgeierungsgewalt zu übernehmen. Gleichzeitig zogen sie ihre Vertreter aus dem Provisorischen Rat der Russischen Republik zurück mit der Erklärung, daß sie es ablehnten, an einer "Regierung des Volksverrats" teilzunehmen. Der Rücktritt der Bolschewiki ließ den unglückseligen Rat jedoch keineswegs zur Ruhe kommen. Die besitzenden Klassen, wider im Besitz einer Machtposition, wurden arrogant. Die Kadetten erklärten, daß die Regierung nicht berechtigt gewesen sei, Rußland zu einer Republik zu proklamieren. Sie forderten strenge Maßnahmen in Armee und Flotte zur Unterdrückung der Soldaten- und Matrosenkomitees und griffen die Sowjets heftig an. Auf der anderen Seite traten die Menschewiki - Internationalisten und die linken Sozialrevolutionäre für den sofortigen Friedensschluß ein, für die Übergabe des Landes an die Bauern und für die Durchführung der Arbeiterkontrolle über die Industrie, was praktisch auf das Programm der Bolschewiki hinauslief. Ich habe Martows Antwortrede an die Kadetten gehört. Todkrank, wie er war, hielt er sich mit Mühe am Rednerpult aufrecht, und mit einer Stimme, so heiser, daß man ihn kaum zu hören vermochte, drohte er nach den rechten Bänken hinüber: "Ihr schimpft uns Defätisten; aber die wahren Defätisten sind jene, die um ihrer egoistischen Interessen willen den Friedensschluß so lange hinauszögern möchten, bis von der russischen Armee nichts mehr übriggeblieben sein wird und Rußland nur noch ein Schacherobjekt der verschiedenen imperialistischen Gruppen ist...... Ihr versucht, dem russischen Volk eine von den Interessen der Bourgeoisie diktierte Politik aufzuzwingen. Die Frage des Friedens sollte unverzüglich entschieden werden.... Ihr werdet dann sehen, daß sie nicht umsonst gearbeitet haben, jene, die ihr deutsche Agenten nennt, jene Zimmerwaldler, die in allen Ländern dafür gewirkt haben, daß das Bewußtsein der demokratischen Massen erwacht...."

Zwischen diesen beiden Gruppen schwankten die Menschewiki und Sozialrevolutionäre - mit unwiderstehlicher Gewalt nach links getrieben durch den Druck der steigenden Unzufriedenheit der Massen. Eine tiefgehende Feindschaft teilte so den Rat in Gruppen, die miteinander auszusöhnen unmöglich war. So war die Lage, als die lang erwartete Ankündigung der Pariser Alliiertenkonferenz die brennende Frage der Außenpolitik auf die Tagesordnung setzte. In der Theorie waren alle sozialistischen Parteien für den schnellstmöglichen Friedensschluß auf demokratischer Grundlage. Schon im Mai 1917 hatte der Petrograder Sowjet, damals noch unter menschewistischer und sozialrevolutionärer Führung, die berühmten russischen Friedensbedingungen proklamiert und die Alliierten aufgefordert, eine Konferenz zur Besprechung der Kriegsziele einzuberufen. Diese Konferenz, für den August versprochen, wurde ein erstes Mal bis zum September, dann bis zum Oktober vertagt und sollte jetzt endgültig am 10. November stattfinden. Die Provisorische Regierung hatte zwei Vertreter vorgeschlagen, den General Alexejew, einen reaktionären Militär, und Tereschtschenko, den Minister des Auswärtigen. Die Sowjets erwählten Skobelew zu ihrem Sprecher und entwarfen ein Manifest, den berühmten "Nakas" (Direktiven). Die Provisorische Regierung lehnte Skobelew und seinen "Nakas" ab. Die Gesandten der Alliierten protestierten, und zu guter Letzt erklärte Bonar Law im englischen Unterhaus in Beantwortung einer an die Regierung gerichteten Anfrage kühl: "Soweit mir bekannt, wird die Pariser Konferenz die Kriegsziele überhaupt nicht diskutieren, sondern nur die >Methoden der Kriegsführung....." Die konservative russische Presse jubelte, wohingegen die Bolschewiki riefen: "Da seht ihr, wohin die Menschewiki und Sozialrevolutionäre mit ihrer Kompromißtaktik gelangt sind!"

Mittlerweile waren an der Tausende Kilometer weiten Front die Millionen Soldaten der russischen Armee in Bewegung geraten. Höher und höher gingen die Wogen der Erregung, immer neue Delegationen fluteten in die Hauptstadt mit dem Ruf. Friede, Friede! Ich ging eines Abends nach dem jenseits des Flusses gelegenen Zirkus "Modern" in eine der großen Volksversammlungen, die, jeden Abend zahlreicher, in der ganzen Stadt veranstaltet wurden. In dem schmucklosen Amphitheater, von fünf winzigen, an einem dünnen Draht hängenden Glühlampen unzureichend erleuchtet, drängten sich von der Arena bis hoch unterm Dach unübersehbare Massen von Soldaten, Matrosen, Arbeitern und Frauen, alle mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschend, als ob es um ihr Leben ginge. Ein Soldat redete von der 548. Division: "Genossen" rief er, und tiefe Sorge sprach aus seinem eingefallenen Gesicht und seinen verzweifelten Gesten. "Die an der Spitze verlangen von uns immer neue Opfer und Opfer, aber wir müssen sehen, daß die, die im Besitze sind, völlig ungeschoren bleiben. Wir führen Krieg gegen die Deutschen. Würde es uns einfallen, die Arbeiten unseres Stabes deutschen Generalen anzuvertrauen? Wir stehen auch mit den Kapitalisten im Kriege, und doch laden wir diese ein, an unserer Regierung teilzunehmen. Der Soldat sagt: ;Zeigt mir, wofür ich kämpfen soll. Für Konstantinopel oder für ein freies Rußland? Für die Demokratie oder für die kapitalistischen Räuber? Wenn man mir beweisen kann, daß ich die Revolution verteidige, dann werde ich hingehen und kämpfen, auch ohne die Todesstrafe, mit der man mich zwingen will.' Wenn das Land den Bauern gehören wird, die Fabriken den Arbeitern, wenn die Sowjets die Macht ausüben werden, dann haben wir etwas zu verteidigen und dann werden wir auch kämpfen!"

Überall in den Kasernen, in den Fabriken, an jeder Straßenecke reden Soldaten zu den Massen. Alle fordern die Beendigung des Krieges und erklären, daß die Truppen die Schützengräben zu verlassen und nach Hause zu gehen entschlossen seien, wenn die Regierung keine ernstlichen Anstrengungen machen würde, zum Frieden zu gelangen.

Ein Vertreter der Achten Armee: "Wir sind schwach, unsere Kompanien zählen nur noch wenige Mann. Wir brauchen Lebensmittel und Stiefel und Verstärkung, oder die Schützengräben werden bald verlassen sein. Frieden oder Verstärkung..... Die Regierung muß den Krieg beendigen oder der Armee zur Hilfe kommen...."

Dann ein Redner, der für die Sechsundvierzigste Sibirische Artillerie sprach: "Die Offiziere lehnten es ab, mit unsern Komitees zu arbeiten, sie verraten uns an den Feind, sie verhängen über unsere Agitatoren die Todesstrafe; die konterrevolutionäre Regierung unterstützt sie Wir glauben, daß die Revolution den Frieden bringen wird. Jetzt aber verbietet die Regierung, von solchen Dingen auch nur zu reden, während sie uns gleichzeitig hungern läßt und die Munition nicht liefert, die wir brauchen, wenn wir kämpfen sollen...." Dazu kamen aus Europa Gerüchte über einen Friedensschluß auf Kosten Rußlands. Die allgemeine Unzufriedenheit wurde noch gesteigert durch die Nachrichten über die Behandlung der russischen Truppen in Frankreich. Die 1. Brigade hatte dort versucht, ihre Offiziere durch Soldatenkomitees zu ersetzen, wie das ihre Kameraden zu Hause getan hatten, und sich geweigert, einem Befehl Folge zu leisten, der sie nach Saloniki beorderte. Sie verlangte, nach Rußland geschickt zu werden. Man hatte die Brigade daraufhin eingeschlossen und ausgehungert, dann unter Artilleriefeuer genommen, wobei viele Soldaten getötet wurden. Am 29. Oktober hörte ich in dem weißmarmornen, rotdekorierten Saal des Marienpalastes die von dem erschöpften und nach Frieden lechzenden Lande mit Ungeduld erwartete Erklärung Tereschtschenkos über die Außenpolitik der Regierung. Diese äußerst sorgfältig vorbereitete, ganz unverbindliche Rede brachte indessen nichts als die sattsam bekannten Phrasen über die Zerschmetterung des deutschen Militarismus mit Hilfe der Alliierten, über das Staatsinteresse Rußlands, über die durch Skobelews "Nakas" verursachten Verlegenheiten. Der Schluß war bezeichnend: "Rußland ist mächtig , es wird mächtig bleiben, was auch geschehen mag. Wir müssen Rußland verteidigen. Wir müssen zeigen, daß wir die Vorkämpfer eines großen Ideals sind und Kinder einer großen Nation." Befriedigt war niemand. Den Reaktionären war es um eine starke imperialistische Politik zu tun, und die demokratischen Parteien wollten die Garantie haben, daß die Regierung nichts unversucht lassen würde, um zum Frieden zu gelangen. Hier ein Artikel aus "Rabotschi i Soldat" (Arbeiter und Soldat), dem Organ des bolschewistischen Petrograder Sowjets:

"W a s d i e R e g i e r u n g d e n S c h ü t z e n g r ä b e n z u s a g e n h a t !

Der schweigsamste unserer Minister, Herr Tereschtschenko, hat endlich die Sprache gefunden, um den Schützengräben das Folgende mitzuteilen:

1. Wir sind auf das engste verbündet mut unseren Alliierten (nicht mit den Völkern, sondern mit den Regierungen).

2. Es ist zwecklos für die Demokratie, die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines Winterfeldzuges zu diskutieren. Darüber entscheiden die Regierungen unserer Verbündeten.

3. Die Julioffensive war nützlich, und sie war eine sehr glückliche Sache. (Kein Wort über die Folgen!)

4. Es ist nicht wahr, daß sich unsere Verbündeten nicht um uns sorgen. Der Minister ist im Besitz sehr wichtiger Erklärungen. (Erklärungen? Wie ist`s mit den Taten? Das Verhalten der britischen Flotte? Die Unterredung des englischen Königs mit dem landesflüchtigen konterrevolutionären General Gurko? Alles dies ließ der Minister unerwähnt.)

5. Der Nakas Skobelews taugt nichts; unsere Verbündeten wollen davon nichts wissen, auch die russischen Diplomaten wollen ihn nicht. In der Alliiertenkonferenz müssen alle eine Sprache sprechen.

6. Und das ist alles? - Das ist alles. Wo ist der Ausweg? - Vertrauen zu den Alliierten und zu Tereschtschenko! Wann wird der Friede kommen? - Wenn die Alliierten es erlauben! Das ist die Antwort der Regierung auf die Frage der Schützengräben nach dem Frieden."

Da tauchte - vorläufig noch in unklaren umrissen - im Hintergrunde der russischen Politik eine gefährliche Macht auf: die Kosaken. "Nowaja Shisn" (Neues Leben), die Zeitung Gorkis, machte auf ihre Tätigkeit aufmerksam: "Zu Beginn der Revolution weigerten sich die Kosaken, auf das Volk zu schießen. Als Kornilow auf Petrograd marschierte, folgten sie ihm nicht. In der letzten Zeit hat sich ihre Rolle etwas geändert. Von der passiven Loyalität zur Revolution sind sie zu einer aktiven politische Offensive (gegen sie ) übergegangen...." Kaledin, der Ataman der Donkosaken, von der Provisorischen Regierung wegen seiner Beteiligung an dem Kornilowabenteuer seines Postens enthoben, weigerte sich zu gehen, und von drei riesigen Armeen umgeben, lagerte er intrigierend und drohend bei Nowotscherkassk. So groß war seine Macht, daß die Regierung seiner Gehorsamsverweigerung gegenüber die Augen verschließen mußte. Ja, mehr als das, sie sah sich gezwungen, den Rat des Verbandes der Kosakenarmee anzuerkennen und die neugebildeten Kosakensektionen der Sowjets für ungesetzlich zu erklären. In der ersten Oktoberhälfte erschien eine Kosakendelegation bei Kerenski, die in arrogantem Ton die Niederschlagung der gegen Kaledin gerichteten Anklagen forderte und dem Ministerpräsidenten den Vorwurf machte, zu nachgiebig gegenüber den Sowjets gewesen zu sein. Kerenski erklärte sich bereit, Kaledin ungeschoren zu lassen. Außerdem soll er sich wie folgt geäußert haben : "In den Augen der Sowjetführer bin ich ein Despot und Tyrann....Die Provisorische Regierung hängt nicht nur nicht von den Sowjets ab, sie bedauert im Gegenteil, daß diese überhaupt existieren." Gleichzeitig erschien eine andere Kosakenabordnung bei dem englischen Gesandten und hatte die Kühnheit, mit ihm als Vertreter des "freien Kosakenvolkes" zu verhandeln. Im Dongebiet war eine Art Kosakenrepublik gebildet worden. Das Kubangebiet proklamierte sich als unabhängiger Kosakenstaat. Die Sowjets von Rostow am Don und Jekaterinenburg waren von bewaffneten Kosaken auseinandergejagt und der Hauptsitz des Bergarbeiterverbandes in Charkow überfallen worden. In allen diesen Manifestationen zeigte die Kosakenbewegung ihren antisozialistischen und militaristischen Charakter. Ihre Führer waren Adlige und große Grundbesitzer von der Art Kaledins, Kornilows, des Generals Dutow, Karaulows und Bardishis, sie hatten die Unterstützung der mächtigen Kaufleute und Bankiers Moskaus....

Das alte Rußland begann mit großer Schnelligkeit auseinanderzufallen. In Finnland, in Polen, in der Ukraine und Weißrußland wuchsen die nationalistischen Bewegungen und wurden kühner. Die unter dem Einfluß der besitzenden Klassen stehenden lokalen Regierungen forderten Autonomie und weigerten sich, den Anordnungen Petrograds Folge zu leisten. In Helsingfors lehnte das finnische Parlament es ab, der Provisorischen Regierung Geld zu leihen, proklamierte die Selbstständigkeit Finnlands und verlangte die Zurückziehung der russischen Truppen. Die bürgerliche Rada in Kiew zog die Grenzen der Ukraine so weit, daß sie die reichsten Agrargebiete Südrußlands, östlich bis zum Ural hin, umfaßten, und begann mit der Aufstellung einer eigenen Armee. Ihr Ministerpräsident Winnitschenko arbeitete auf einen Sonderfrieden Mit Deutschland hin, und die Provisorische Regierung war hilflos. Sibirien und der Kaukasus forderten ihre besonderen konstituierenden Versammlungen, und in allen diesen Ländern begann ein verzweifelter Kampf zwischen den Regierungen und den Lokalen Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Die Verwirrung wurde mit jedem Tag größer. Die Soldaten desertierten zu Hunderttausenden und begannen in ungeheuren Wellen plan- und ziellos über das Land zu fluten. Die Bauern der Gouvernements Tambow und Twer, des langen Wartens auf das ihnen versprochene Land müde und durch die Gewaltmaßregeln der Regierung in Verzweiflung gebracht, brannten die Gutshäuser nieder und massakrierten die Gutsbesitzer. In Moskau, Odessa und in den Kohlebergwerken des Donezbeckens mächtige Streiks und Aussperrungen. Der Transport war lahmgelegt, die Armee hungerte, und in den großen Städten gab es kein Brot. Die Regierung, hin- und hergerissen zwischen den reaktionären und demokratischen Parteien, konnte nichts tun, und wo sie gezwungenermaßen eingriff, geschah es stets im Interesse der besitzenden Klassen. Sie bot die Kosaken auf, um die Bauern zur Räson zu bringen und die Streiks niederzuschlagen. In Taschkent unterdrückten die Behörden den Sowjet. In Petrograd hatte sich der Wirtschaftsrat, dessen Aufgabe es sein sollte, das Wirtschaftsleben des Landes wiederherzustellen, zwischen den feindlichen Kräften von Kapital und Arbeit festgefahren und wurde von Kerenski aufgelöst. Die Militärs des alten Regimes, die von den Kadetten gestürzt wurden, forderten strenge Maßnahmen, um die Disziplin in Armee und Flotte wiederherzustellen. Umsonst wiesen der Marineminister, Admiral Werderewski, und der Kriegsminister, General Werchowski, darauf hin, daß nur neue, freiwillige, auf der Zusammenarbeit mit den Soldaten- und Matrosenkomitees basierende demokratische Disziplin die Armee und die Flotte retten könnte. Ihre Vorschläge wurden nicht beachtet. Die Reaktion war offenbar darauf aus, die Volksmassen zu provozieren. Der Kornilow - Prozeß rückte näher und näher; immer unverhüllter nahm die bürgerliche Presse für den General Partei. Sie sprach von ihm als von dem "großen russischen Patrioten". Burzews Zeitung "Obschtscheje Delo" (Die gemeinsame Sache) erhob offen den Ruf nach einer Diktatur "Kornilow - Kaledin - Kerenski".Mit Burzew, einem kleinen, gebückt gehenden Mann mit einem Gesicht voller Runzeln und kurzsichtigen Augen hinter dicken Brillengläsern, struppigem Haar und ergrautem Bart, hatte ich eines Tages eine Unterredung in der Pressegalerie des Rates der Republik. "Hören Sie mir zu, junger Mann! Was Rußland braucht ist ein starker Mann. Wir sollten unser Denken endlich von der Revolution frei machen und auf die Deutschen konzentrieren. Politische Pfuscher haben Kornilow gestürzt; aber hinter diesen Pfuschern stehen deutsche Agenten. Ah! Kornilow hätte gewinnen sollen....."

Auf der Äußersten Rechten traten die Organe der kaum verhüllten Monarchisten, Purischkewitschs "Narodny Tribun" (Der Volkstribun) , "Nowaja Rus" (Das neue Rußland), "Shiwoje Slowo" (Lebendiges Wort), offen für die Ausrottung der revolutionären Demokratie ein. Am 23. Oktober fand im Golf von Riga eine Seeschlacht mit einem deutschen Geschwader statt. Unter dem Vorwand, daß Petrograd in Gefahr sei, bereitete die Regierung die Räumung Petrograds vor. Zuerst sollten die großen Munitionswerke verlegt und über das ganze Rußland verteilt werden; dann wollte die Regierung selbst nach Moskau gehen. Die Bolschewiki wiesen sofort darauf hin, daß die Regierung die rote Hauptstadt nur preisgebe, um die Revolution zu schwächen. Man hatte Riga an die Deutschen verkauft; jetzt sollte Petrograd verraten werden! Die bürgerliche Presse jubelte. "In Moskau", so erklärte das Kadettenblatt "Retsch" (Die Rede), "wird die Regierung in einer ruhigeren Atmosphäre arbeiten können, ohne fortwährend von Anarchisten gestört zu werden." Rodsjanko, der Führer des rechten Flügels der Kadetten, erklärte in "Utro Rossii" (Rußlands Morgen), daß die Einnahme Petrograds durch die Deutschen ein Segen Wäre, da diese die Sowjets zerstören und die revolutionäre Baltische Flotte erledigen würden. "Petrograd ist in Gefahr", schrieb er. "Ich sage mir, ´überlassen wir Petrograd unserem Herrgott`. Sie fürchten, wenn Petrograd verloren ist, dann werden auch die zentralen revolutionären Organisationen vernichtet werden. Dazu sage ich, daß ich überglücklich sein werde, wenn all diese Organisationen vernichtet sind; denn sie werden nichts als Unglück über Rußland bringen....Mit dem Fall Petrograds wird auch die Baltische Flotte vernichtet werden......Aber das braucht uns nicht leid zu tun; die meisten Kriegsschiffe sind ohnehin völlig demoralisiert...."

Angesichts des Protestes der Volksmassen mußte die Regierung ihren Plan, Petrograd zu verlassen, jedoch aufgeben. Währenddem hing, einer von Blitzen durchzuckten Gewitterwolke gleich, drohend über Rußland der Kongreß der Sowjets, bekämpft nicht nur von der Regierung, sondern auch von allen "gemäßigten" Sozialisten. Die zentralen Armee- und Flottenkomitees, die Zentralkomitees einiger Gewerkschaften, die Bauernsowjets, vor allem aber das Zentralexekutivkomitee der Sowjets selbst sparten keine Mühe, um das Zustandekommen des Kongresses zu verhindern. Die Zeitungen "Iswestija" und "Golos Soldata" ( Die Stimme des Soldaten), ursprünglich von dem Petrograder Sowjet gegründet, aber jetzt im Besitz des Zentralexekutivkomitees der Sowjets, griffen ihn heftig an; die gesamte sozialrevolutionäre Presse, "Delo Naroda" (Die Sache des Volkes) und "Wolja Naroda" (Volkswille, entfesselten ein wahres Trommelfeuer gegen ihn. Der Telegraf arbeitete, Delegierte wurden im Land umhergeschickt, mit Anweisungen für die Komitees der lokalen Sowjets, für die Armeekomitees, die Wahlen für den Kongreß einzustellen oder zu verzögern. Feierliche öffentliche Resolutionen gegen den Kongreß wurden gefaßt, Erklärungen, daß die demokratischen Elemente sich der Abhaltung des Kongresses so unmittelbar vor dem Zusammentritt der Konstituierenden Versammlung widersetzten; Vertreter der Frontsoldaten, der Semstwoverbände, der Bauern, des Verbandes der Kosakenarmeen, des Offiziersbundes, der "Ritter des heiligen Georg", der "Todesbataillone" - alle waren sie vereinigt in einem einzigen großen Protest.......Im Rat der Russischen Republik gab es nicht eine Stimme, die sich für den Kongreß einsetzte. Der ganze, von der russischen Märzrevolution geschaffene Apparat funktionierte, um die Abhaltung des Sowjetkongresses zu verhindern. Demgegenüber stand der vorläufig noch formlose Wille des Proletariats - der Arbeiter, einfachen Soldaten und armen Bauern. Viele der lokalen Sowjets waren bereits bolschewistisch; daneben bestanden die Organisationen der Industriearbeiter, die Fabrikkomitees, und die revolutionären Organisationen der Armee und Flotte. In einigen Orten hielten die Massen, an der regulären Wahl ihrer Sowjetdelegierten verhindert, Rumpfversammlungen ab, in denen sie aus ihrer Mitte heraus einen bestimmten, der nach Petrograd zu gehen hatte. In anderen jagten sie die alten, Obstruktion treibenden Komitees auseinander und bildeten neue. Die Kruste, die sich an der Oberfläche der seit Monaten schlummernden revolutionären Glut gebildet hatte, kam in Bewegung und begann bedenklich zu krachen. Nur eine solche spontane Massenbewegung konnte den Gesamtrussischen Sowjetkongreß bringen. Und die bolschewistischen Redner schleuderten Tag für Tag in allen Kasernen und Fabriken die heftigsten anklagen gegen die "Regierung des Bürgerkrieges". Eines Sonntags fuhren wir auf einem über Ozeane von Schmutz rumpelnden ungefügen Straßenbahnwagen, an steif dastehenden Fabriken und riesigen Kirchen vorbei, zum Obuchow - Werk, einer staatlichen Munitionsfabrik jenseits des Schlüsselburg - Prospekts. Die Versammlung fand zwischen den ungeputzten Mauern eines mächtigen, im Bau unterbrochenen Hauses statt. Wohl an die Zehntausend dunkelgekleidete Männer und Frauen drängten sich um eine rotdrapierte Tribüne, saßen auf Balken oder Steinhaufen oder thronten auf hohen Gerüsten, voll grimmiger Entschlossenheit und ihren Willen mit Donnerstimme hinausschreiend. Durch den trüben, wolkenschweren Himmel brach dann und wann die Sonne und goß durch die leeren Fensteröffnungen einen rötlichen Schimmer über die zu uns aufgekehrten einfachen Gesichter. Lunatscharski, eine schmächtige, studentenhafte Erscheinung mit einem sensitiven Künstlerantlitz, setzte auseinander, warum die Sowjets unter allen Umständen die Macht übernehmen müßten. Niemand anders könnte die Revolution gegen ihre Feinden schützen, die mit Vorbedacht das Land und die Armee zugrunde richteten und einem neuen Kornilow das Feld bereiteten. Ein Soldat sprach, von der rumänischen Front, abgemagert, voll bebender Leidenschaft: "Genossen, wir hungern an der Front, wir frieren, wir sterben und wissen nicht wofür. Ich bitte die amerikanischen Genossen, es in Amerika zu sagen, daß wir Russen unsere Revolution bis zum Tode verteidigen werden. Wir werden alles daran halten, unsere Feste zu halten, bis die Massen der ganzen Welt sich erheben werden, um uns zu Hilfe zu eilen. Sagt den amerikanischen Arbeitern, daß sie aufstehen mögen zum Kampf für die soziale Revolution!"

Petrowski redete, hart, unerbittlich:

"Jetzt ist keine Zeit für Worte, jetzt muß gehandelt werden. Die ökonomische Situation ist schlecht, aber wir müssen uns daran gewöhnen. Sie versuchen uns auszuhungern, im Frost umkommen zu lassen. Sie wollen uns provozieren. Aber sie sollen wissen, daß sie darin zu weit gehen können - daß, wenn sie es wagen sollte, an die Organisationen des Proletariats zu rühren, wir sie vom Antlitz der Erde wegfegen werden!"

Die bolschewistische Presse wuchs plötzlich an. Neben den zwei Parteizeitungen "Rabotschi Put" und "Soldat" erschien eine neue Zeitung für die Bauern, "Derewenskaja Bednota" (Die Dorfarmut), die in eine Auflage von einer halben Million herauskam, und am 17. Oktober "Rabotschi i Soldat". Dessen Leitartikel faßte den bolschewistischen Standpunkt wie folgt zusammen:

"Ein viertes Kriegsjahr wird die Vernichtung der Armee und des Landes bedeuten.....Petrograd ist bedroht......Die Konterrevolution freut sich über das Unglück des Volkes.....Die zur Verzweiflung gebrachten Bauern gehen zum offenen Aufstand über; die Großgrundbesitzer und die Regierungsbehörden schicken blutige Strafexpeditionen gegen sie aus; Betriebe werden geschlossen, den Arbeiter droht der Hungertod.....Die Bourgeoisie und ihre Generale wollen eine blinde Disziplin in der Armee wiederherstellen.....Von der Bourgeoisie unterstützt, bereiten sich die Kornilowleute offen darauf vor, den Zusammentritt der Konstituierenden Versammlung zu verhindern.....Die Kerenskiregierung ist gegen das Volk. Sie wird das Land zugrunde richten......Wir stehen auf seiten des Volkes und bei dem Volk - bei den besitzlosen Klassen, den Arbeitern, Soldaten und Bauern. Das Volk kann nur durch die Vollendung der Revolution gerettet werden....Und zu diesem Zweck muß die gesamte Macht in die Hände der Sowjets übergehen.....Wir treten für folgende Forderungen ein:

Alle Macht den Sowjets, in der Hauptstadt sowohl wie in der Provinz.

Sofortiger Waffenstillstand an allen Fronten. Ein ehrlicher Friede zwischen den Völkern.

Die großen Güter - ohne Entschädigung - in die Hände der Bauern.

Kontrolle der Arbeiter über die industrielle Produktion.

Eine auf ehrliche Weise gewählte Konstituierende Versammlung.

Hier noch eine interessante Stelle aus demselben Organ der Bolschewiki, die in der ganzen Welt als deutsche Agenten bezeichnet wurden:

"Der deutsche Kaiser, an dessen Händen das Blut von Millionen Gefallener klebt, will seine Armee gegen Petrograd schicken. Man muß an die deutschen Arbeiter appellieren, an die Soldaten und Bauern, die den Frieden nicht weniger wünschen als wir, daß sie aufstehen mögen gegen diesen verdammten Krieg! Das kann jedoch nur eine revolutionäre Regierung tun, die wirklich im Namen der Arbeiter, Soldaten und Bauern Rußlands spricht, die über die Köpfe der Diplomaten hinweg sich direkt an die deutschen Truppen wendet, die die deutschen Schützengräben mit Proklamationen in deutscher Sprache überschwemmen würde....Unsere Flieger würden diese Proklamationen in ganz Deutschland abwerfen...."

Im Rat der Russischen Republik vertiefte sich der Riß mit jedem Tage mehr. "Die besitzenden Klassen", erklärte Karelin für die linken Sozialrevolutionäre, "sind bestrebt , den revolutionären Staatsapparat auszunützen, um Rußland an den Kriegswagen der Alliierten zu binden. Die revolutionären Parteien sind entschiedene Gegner dieser Politik...." Der alte Nikolai Tschaikowski, der Vertreter der Volkssozialisten, sprach gegen die Übergabe des Landes an die Bauern und stellte sich auf die Seite der Kadetten:

"In der Armee muß sofort die straffeste Disziplin hergestellt werden......Ich habe seit dem Beginn des Krieges nicht aufgehört zu erklären, daß ich es als ein Verbrechen betrachte, soziale und wirtschaftliche Reformen durchzuführen, solange der Krieg währt. Wir begehen jetzt dieses Verbrechen. Trotzdem bin ich kein Gegner dieser Reformen; denn ich bin Sozialist."

Von links antworten ihm heftige Zurufe: "Wir glauben Ihnen nicht." Rechts findet er mächtigen Beifall. Für die Kadetten erklärte Adshemow, daß es nicht notwendig sei, den Soldaten zu sagen, wofür sie kämpften, da jeder Soldat wissen müsse, daß es vor allem darauf ankomme, die Feinde Rußlands aus dem Land zu jagen. Kerenski selber erschien zweimal, um einen leidenschaftlichen Appell für die nationale Einheit an die Kammer zu richten, einmal sogar am Schlusse seiner Rede in Tränen ausbrechend. Er wurde mit Eiseskälte angehört und oft durch ironische Zwischenrufe unterbrochen.

Das Smolny - Institut, der Hauptsitz des Zentralexekutivkomitees der Sowjets und des Petrograder Sowjets, lag einige Kilometer außerhalb der Stadt, am Ufer der mächtigen Newa. Ich fuhr dorthin in einer Art Omnibus, der in schneckengleichem Tempo und knarrend über das miserable und schmutzige Pflaster der kolossal belebten Straße holperte. Am Ende des Weges erhob sich in wunderbarer Grazie die rauchblaue, mit mattem Gold verzierte Kuppel des Smolny - Klosters; daneben die an eine Kaserne erinnernde Fassade des Smolny - Instituts, sechshundert Fuß lang und drei mächtige Stockwerk hoch, über dem Eingang immer noch riesengroß das in Stein gehauene kaiserliche Wappen. Unter dem alten Regime eine berühmte Klosterschule für die Töchter des russischen Adels und unter dem Patronat der Zarin selber stehend, wurde das Institut nach der Umwälzung von den revolutionären Organisationen der Arbeiter und Soldaten übernommen. In seinem Innern befinden sich über hundert große Zimmer, weiß und schmucklos. Kleine weiße Emailleschildchen weisen den Vorübergehenden darauf hin, welcher Bestimmung einst die einzelnen Zimmer dienten. "Damenklassenzimmer Nr. 4", lese ich, oder "Büro für das Lehrpersonal" usw. Darüber aber hängen mit ungeschickten Schriftzeichen Tafeln, die Merkmale der neuen Ordnung: "Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets", "Zentralexekutivkomitee der Sowjets" und "Büro des Auswärtigen", "Verband sozialistischer Soldaten", "Zentralrat der Gesamtrussischen Gewerkschaften", "Fabrikkomitees", "Zentrales Armeekomitee" und das Zentralbüro und Fraktionszimmer der politischen Parteien. In den langen, gewölbten, von wenigen elektrischen Birnen erhellten Korridoren geschäftig hin- und hereilende Soldaten und Arbeiter, einige tief gebeugt unter der Last riesiger Bündel Zeitungen, Proklamationen, Propagandaschriften aller Art; mit dem Aufklappen ihrer schweren Stiefel verursachten sie ein tiefes, unaufhörliches Getöse auf dem hölzernen Fußboden. Überall waren Plakate: "Genossen! Im Interesse eurer Gesundheit, achtet auf Reinlichkeit!" In jeder Etage, auf allen Treppenabsätzen standen lange Tische, bedeckt mit Flugschriften und Literatur der verschiedenen politischen Parteien, die zum Verkauf auslagen. Der im Erdgeschoß gelegene, sehr geräumige, aber niedrige Speisesaal des einstigen Klosters diente auch jetzt seinem alten Zweck. Für zwei Rubel kaufte ich einen Bon, der mir Anrecht auf ein Mittagessen gab, und schloß mich einer wohl tausend Personen langen Reihe an, um Schritt für Schritt den großen Serviertischen näher zu kommen, wo zwanzig Männer und Frauen aus mächtigen Kesseln Kohlsuppe, Fleisch, ganze Berge Kascha (Brei) und Stücke schwarzen Brotes verteilten. Für fünf Kopeken gab es einen Zinnbecher Tee. Einem zur Hand stehenden Korb entnahm man einen fettigen Holzlöffel.... An den hölzernen Tischen drängten sich auf den Bänken hungrige Proletarier, die ihr Brot verzehrten, diskutierten und den weiten Raum mit ihren derben Späßen erfüllten. In der oberen Etage war ein weiterer Eßraum für das Zentralexekutivkomitee der Sowjets reserviert, wenngleich hinging, wer wollte. Hier gab es dick mit Butter belegtes Brot und Tee in unbeschränkten Mengen. Im Südflügel befand sich in der zweiten Etage der große Sitzungssaal, der ehemalige Ballsaal des Instituts. Ein prächtiger, ganz in weiß gehaltener Raum, von weißglasierten Leuchtern mit Hunderten elektrischer Lampen erhellt und durch zwei Reihen massiver Säulen geteilt; an dem einen Ende eine Balustrade, von zwei hohen, vielverzweigten Leuchtern flankiert, dahinter ein goldener Rahmen, aus dem man das Porträt des Zaren herausgeschnitten hatte. Hier hatten bei festliche Anlässen in fürstlicher Umgebung die Galauniformen und geistliche Gewänder geprangt. Auf der anderen Seite des Saals befand sich das Büro der Mandatsprüfungskomission für den Sowjetkongreß. Hier stand ich und musterte die neuangekommenen Delegierten: bärtige Soldaten, Arbeiter in schwarzen Blusen, einige wenige langhaarige Bauern. Das den Dienst versehende Mädchen, ein Mitglied der Plechanowgrupee, lächelte verächtlich. "Wie verschieden sind diese Leute von den Delegierten des ersten Kongresses", bemerkte sie. "Sehen Sie nur, wie roh und unwissend sie aussehen. Das sind die dunkelsten Schichten des russischen Volkes........" Sie hatte recht. Rußland war bis zum Grunde aufgewühlt, und das unterste war zuoberst gekehrt. Die Mandatsprüfungskomission, noch von dem alten Zentralexekutivkomitee der Sowjets eingesetzt, wies einen nach dem anderen die Delegierten als nicht ordnungsgemäß gewählt zurück. Aber Karachin vom Zentralkomitee der Bolschewiki lächelte nur: "Unbesorgt, wenn die Zeit herankommt, werden wir schon sehen, daß ihr eure Sitze bekommt."

"Rabotschi i Soldat" schrieb: "Die Aufmerksamkeit der Delegierten zum Gesamtrussischen Kongreß sei auf die Versuche gewisser Mitglieder des Organisationskomitees gelenkt, das Stattfinden des Kongresses zu hintertreiben, indem sie behaupten, daß er nicht stattfinden werde und daß die Delegierten gut daran tun würden, Petrograd zu verlassen.....Schenkt diesen Lügen keinen Glauben.....Große Tage nahen heran..."

Da es mittlerweile zweifellos war, daß der Kongreß bis zum 2. November nicht vollständig beisammen sein würde, vertagte man seine Eröffnung auf den 7. November. Das ganze Land war jetzt aber in Bewegung, und die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, als sie ihre Niederlage erkannten, änderten plötzlich ihre Taktik und gaben ihren Provinzialorganisationen telegrafische Anweisungen, soviel gemäßigte sozialistische Delegierte zum Kongreß zu wählen, wie ihnen noch möglich wäre. Gleichzeitig berief das Exekutivkomitee der Bauernsowjets einen außerordentlichen Bauernkongreß für den 13. Dezember ein, der alle eventuellen Aktionen der Arbeiter und Soldaten wieder abbiegen sollte. Die Frage war: Was werden die Bolschewiki tun? Gerüchte liefen um, daß sie eine bewaffnete Demonstration der Arbeiter und Soldaten planten. Die bürgerliche und reaktionäre Presse sagte einen Aufstand voraus und forderte von der Regierung die Verhaftung des Petrograder Sowjets oder zum mindesten die Verhinderung des Kongreßzusammentritts. Blätter wie "Nowaja Rus" gingen bis zur Aufforderung zu einem Bolschewistengemetzel. Gorkis Blatt "Nowaja Shisn" war ebenso wie die Bolschewiki der Meinung, daß die Reaktionäre die Revolution zunichte machen wollten und daß man ihnen, falls notwendig, bewaffneten Widerstand entgegensetzen müsse; alle revolutionären demokratische Parteien Müßten jedoch als eine geeinte Front auftreten. "Solange die Demokratie ihre Hauptkräfte noch nicht mobilisiert hat, solange der Widerstand gegen ihren Einfluß noch stark ist, sollte man nicht zum Angriff übergehen. Wenn aber die gegnerischen Kräfte zur Gewalt greifen, dann sollte die revolutionäre Demokratie den Kampf um die Macht aufnehmen, dann wird sie von den breitesten Schichten des Volkes unterstützt werden." Gorki stellte fest, daß sowohl die reaktionäre als auch die Regierungspresse die Bolschewiki zur Gewalt provozierten. Indessen konnte seiner Meinung nach der Aufstand nur einem neuen Kornilow nützlich sein, und er forderte die Bolschewiki auf, die umlaufenden Gerüchte zu dementieren. Im menschwistischen "Den" (Der Tag) veröffentlichte Potressow einen sensationell aufgemachten Bericht mit einer Karte, der angeblich den geheimen bolschewistischen Kriegsplan enthüllen sollte. Wie durch Zauberei waren alle Straßenzüge mit Warnungen, Proklamationen, Aufrufen der Zentralkomitees der "gemäßigten" und konservativen Parteien und des Zentralexekutivkomitees der Sowjets bedeckt, die die Demonstration verurteilten und die Arbeiter und Soldaten dringend aufforderten, den Hetzern keine Folge zu leisten. Hier ein solcher Aufruf der Militärabteilung der Sozialrevolutionären Partei:

"Wieder gehen in der Stadt Gerüchte um über eine beabsichtigte bewaffnete Demonstration. Wo ist die Quelle dieser Gerüchte? Welche Organisation ermächtigt diese Agitatoren, den Aufstand zu predigen? Die Bolschewiki leugneten auf eine im Zentralexekutivkomitee an sie gerichtete Frage, daß sie irgend etwas damit zu tun hätten....Doch diese Gerüchte bergen eine große Gefahr in sich. Es kann leicht geschehen, daß einzelne unverantwortliche Hitzköpfe, die keine rechte Vorstellung von der geistigen Verfassung der Mehrheit der Arbeiter, Soldaten und Bauern haben, die Arbeiter und Soldaten auf die Straße rufen und sie zu einer Erhebung aufhetzen.....In dieser fürchterlichen Zeit, die das revolutionäre Rußland durchlebt, kann jede Erhebung leicht zum Bürgerkrieg führen und das Ergebnis die Zerstörung aller mit so viel Arbeit aufgebauten Organisationen des Proletariats sein......Die konterrevolutionären Verschwörer wollen die Erhebung ausnutzen, um die Revolution zu zerstören, im Interesse Wilhelms die Front zu öffnen und die Konstituierende Versammlung zu verhindern.....Bleibt auf euren Posten! Geht nicht auf die Straße!"

Am 28. Oktober sprach ich in dem Korridor des Smolny Kamenew, einen kleinen Mann mit rötlichem Spitzbart und gallischer Beweglichkeit. Er war noch keineswegs sicher, ob genug Delegierte zum Kongreß erscheinen würden: "Sollte der Kongreß zustande kommen, dann wird er auch die überwältigende Mehrheit des Volkes repräsentieren. Und ist die Mehrheit eine bolschewistische, wie ich überzeugt bin, daß sie es sein wird, dann werden wir die Übernahme der Macht durch die Sowjets fordern, und die Provisorische Regierung wird zurücktreten müssen." Wolodarski, ein hochgewachsener blasser Jüngling mit einer Brille und ungesunder Gesichtsfarbe, war in seinen Äußerungen bestimmter: "Liber, Dan und die anderen Kompromißler sabotieren den Kongreß. Sollte es ihnen gelingen, sein Zusammentreten zu verhindern, nun - dann werden wir real genug sein, nicht von ihm abzuhängen."

In meinen Papieren finde ich unter dem 24. Oktober folgende, den Zeitungen vom gleichen Tage entnommene Notizen: "Mogiljow (Generalstabsquartier). Konzentrierung treuer Garderegimenter, der ,Wilden Division', der Kosaken und der Todesbataillone. Die Offiziersschüler von Pawlowsk, Zarskoje Selo und Peterhof von der Regierung nach Petrograd beordert. Ankunft der Schüler von Oranienbaum in der Stadt. Teilweise Stationierung der Panzerwagendivision der Petrograder Garnison im Winterpalast. Auf Befehl Trotzkis Auslieferung einiger Tausend Gewehre an die Delegierten der Petrograder Arbeiter durch die staatliche Waffenfabrik in Sestrorezk. Annahme einer Resolution in einer Versammlung der Stadtmiliz des unteren Litejnyviertels, die die Übergabe der gesamten Macht an die Sowjets fordert."

Das sind nur einige Proben von den verwirrenden Ereignissen jener fiebrigen Tage, da jeder ahnte, daß sich etwas vorbereitete, aber niemand wußte, was. In einer Sitzung des Petrograder Sowjets im Smolny, in der Nacht des 30. Oktober, brandmarkte Trotzki die Behauptungen der bürgerlichen Presse, daß der Sowjet den bewaffneten Aufstand plane, als "einen Versuch der Reaktion, den Sowjetkongreß zu diskreditieren und zu verhindern.......Der Petrograder Sowjet", erklärte er, "hat keine Aktion angeordnet. Sollte dies notwendig werden, werden wir es tun, und wir werden die Unterstützung der Petrograder Garnison haben.....Sie (die Regierung) bereitet die Konterrevolution vor; wir werden darauf mit einer Offensive antworten, die erbarmungslos und entscheidend sein wird." Es ist richtig, daß der Petrograder Sowjet keine bewaffnete Demonstration angeordnet hatte, aber das Zentralkomitee der bolschewistischen Partei diskutierte die Frage des Aufstandes. Am 23. Oktober tagte das Zentralkomitee die ganze Nacht. Anwesend waren alle Intellektuellen der Partei, die Führer, und die Delegierten der Petrograder Arbeiter und der Garnison. Von den Intellektuellen waren nur Lenin und Trotzki für den Aufstand. Selbst die Militärfachleute lehnten ihn ab. Es wurde eine Abstimmung vorgenommen und der Aufstand verworfen. Da aber erhob sich mit wutverzerrten Zügen ein Arbeiter: "Ich spreche für das Petrograder Proletariat", stieß er rauh hervor. "Wir sind für den Aufstand, macht, was ihr wollt. Aber das eine sage ich euch, wenn ihr gestattet, daß die Sowjets auseinandergejagt werden, dann sind wir mit euch fertig." Einige Soldaten schlossen sich dieser Erklärung an.....Eine zweite Abstimmung wurde vorgenommen und - der Aufstand beschlossen. Der rechte Flügel der Bolschewiki unter Rjasanow, Kamenew und Sinowjew fuhr trotzdem fort, gegen die bewaffnete Erhebung zu polemisieren. Am Morgen des 31. Oktober erschien im "Rabotschi Put" der erste Teil von Lenins "Brief an die Genossen", eine der kühnsten politischen Propagandaschriften, die die Welt je gesehen. Als Text die Einwendungen Kamenews und Rjasanows nehmend, trug Lenin hier alle Argumente zusammen, die zugunsten des Aufstandes sprachen. "Entweder", schrieb er, "offener Verzicht auf die Losung ,Alle Macht den Sowjets' oder Aufstand. Einen Mittelweg gibt es nicht." Am selben Nachmittag hielt in dem Rat der Russischen Republik der Kadettenführer Miljukow eine scharfe Rede, in der er den "Nakas" Skobelews als "prodeutsch" bezeichnete und erklärte, daß die "revolutionäre Demokratie" im Begriff sei, Rußland zugrunde zu richten. Er machte sich über Tereschtschenko lustig und sprach es offen aus, daß er die deutsche Diplomatie der russischen vorziehe. Während seiner ganzen Rede herrschte auf den linken Bänken wilder Tumult. Die Regierung ihrerseits konnte sich der Bedeutung des Erfolges der bolschewistischen Propaganda nicht verschließen. Am 29. Entwarf eine gemeinsame Komission der Regierung und des Rates der Russischen Republik in aller Hast zwei neue Gesetze, deren eines die vorübergehende Übergabe des Landes an die Bauern bestimmte, während das andere die Einleitung einer energischen auswärtigen Friedenspolitik bedeuten sollte. Einen Tag darauf beseitigte Kerenski die Todesstrafe in der Armee. Am selben Nachmittag erfolgte die feierliche Eröffnung der ersten Sitzung der "Komission zur Festigung des republikanischen Regimes und Bekämpfung der Anarchie und Konterrevolution", die allerdings in der ferneren Entwicklung nicht die geringsten Spuren hinterlassen hat.... Am folgenden Morgen interviewte ich, zusammen mit zwei anderen Journalisten, Kerenski - das letztemal, daß dieser Journalisten empfing. "Das russische Volk", meinte er bitter, "leidet unter seiner ökonomische Ermattung und den Enttäuschungen, die die Alliierten ihm bereiteten! Die Welt gibt sich dem Wahn hin, daß die russische Revolution zu Ende sei. Irre man sich nicht. Die russische Revolution steht erst an ihrem Beginn." Worte, prophetischer, als er es selbst geahnt haben mochte. Am 30. Oktober fand eine die ganze Nacht währende ungemein stürmische Sitzung des Petrograder Sowjets statt, auf der ich zugegen war. Die "gemäßigten" sozialistischen Intellektuellen, Offiziere, Armeekomitees, das Zentralexekutivkomitee der Sowjets waren zahlreich erschienen. Gegen sie erhoben sich, leidenschaftlich und einfach, Arbeiter, Bauern und niedere Soldaten. Ein Bauer berichtete von den Unruhen in Twer, die, wie er sagte, durch die Verhaftung des Bodenkomitees verursacht waren. "Dieser Kerenski", rief er, "ist nichts anderes als ein Schild für die Grundbesitzer, die wissen, daß auf der Konstituierenden Versammlung wir uns das Land irgendwie nehmen werden, und die diese darum unmöglich machen wollen." Ein Maschinist aus den Putilow - Werken schilderte, wie die Direktion die Abteilungen, eine nach der anderen, schließe, unter dem Vorwande, daß man weder Feuerung noch Rohmaterialien habe, währenddessen die Fabrikkomitees riesige Mengen an Materialien entdeckt hätten, die versteckt worden waren. "Das ist Provokation", sagte er, "Man will uns aushungern oder zur Gewalt treiben!" Ein Soldat begann mit den Worten: "Genossen! Ich überbringe euch Grüße von dorther, wo Männer ihre eigenen Gräber schaufeln und diese Schützengräben nennen." Dann erhob sich, von mächtigem Beifallssturm begrüßt, ein langer, hagerer, noch junger Soldat. Es war Tschudnowski, als in den Julikämpfen gefallen gemeldet und jetzt mit einem Male von den Toten auferstanden: "Die Soldatenmassen trauen ihren Offizieren nicht mehr. Sogar die Armeekomitees, die es ablehnten, unsern Sowjet einzuberufen, haben uns verraten. Die Massen der Soldaten bestehen auf dem Zusammentritt der Konstituierenden Versammlung genau an dem Tag, für den sie einberufen war. Die es wagen sollten, sie hinauszuschieben, werden ihre Strafe finden, und nicht nur platonisch - die Armee hat auch Kanonen." Er berichtete von der im Augenblick in der Fünften Armee geführten Wahlkampagne für die Konstituierende Versammlung. "Die Offiziere, und besonders die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, tun alles, um die Wahltätigkeit der Bolschewiki unmöglich zu machen. Man verbietet die Verbreitung unserer Zeitungen in den Schützengräben und verhaftet unsere Redner."

"Warum sprichst du nicht davon, daß wir kein Brot haben?" rief ein anderer Soldat dazwischen. "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", antwortete Tschudnowski streng. Ihm folgte ein Offizier und menschewistische Sozialpatriot des Witebsker Sowjets. "Es handelt sich nicht darum, in wessen Händen die Macht liegt. Nicht die Regierung ist das Problem, sondern der Krieg......, und der muß gewonnen werden, bevor an irgendeine Änderung zu denken ist." (Lärm und ironische Beifall.) "Die bolschewistischen Agitatoren sind Demagogen." (Allgemeines Gelächter.) "Laßt uns nur einen Augenblick den Klassenkampf vergessen." Weiter kam er jedoch nicht. Laut rief eine Stimme: "Das könnte dir wohl so passen!" Petrograd bot in jenen Tagen ein eigenartiges Schauspiel, die Komiteeräume in den Fabriken starrten vor Waffen, Kuriere kamen und gingen, die Roten Garden exerzierten.... In den Kasernen Abend für Abend Versammlungen und tagsüber heiße Diskussionen. In den Straßen drängten sich gegen Abend riesige Menschenmassen, den Newski auf- und niederflutend und sich um die herauskommenden Zeitungen reißend..... Raubüberfälle mehrten sich in einem Maße, daß es gefährlich war, sich in die Nebenstraßen zu wagen. Auf der Sadowaja sah ich eines Nachmittags, wie eine Volksmenge von einigen hundert Menschen einen beim stehlen erwischten Soldaten niederschlug und zu Tode trampelte. Geheimnisvolle Individuen strichen um die in der Kälte stundenlang nach Brot und Milch anstehenden, vor Frost zitternden Frauen herum, tuschelnd, daß die Juden die Lebensmittel auf die Seite brächten und daß, während das Volk hungere, die Sowjetmitglieder im Luxus schwelgten. Der Smolny wurde aufs schärfst bewacht. Niemand kam hinein und heraus, der keinen Passierschein hatte. In allen Komiteeräumen herrschte geschäftiges Leben den ganzen Tag hindurch, und auch des Nachts waren dort Hunderte von Arbeitern und Soldaten, die auf dem nackten Boden schliefen, wo immer sich ein Plätzchen bot. Oben, in dem großen Saal, strömten die Menschen zu den lärmerfüllten Sitzungen des Petrograder Sowjets. In der Stadt taten sich zahllose Spielklubs auf, die bis zum Morgengrauen in Betrieb waren, wo der Champagner in Strömen floß und Einsätze von zwanzigtausend Rubeln keine Seltenheit waren. Im Zentrum der Stadt promenierten Dirnen, juwelen- und pelzgeschmückt, und drängten sich in die Cafes. Monarchistenverschwörungen, Schmuggler, deutsche Spione, die ihre Unternehmungen vorbereiteten. Und in dem kalten Regen, unter einem unfreundlichen grauen Himmel, die große pulsierende Stadt, die rascher und rascher dahinstürmt - wohin?

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III. AM VORABEND

Wo immer ein revolutionäres Volk einer schwachen Regierung gegenübersteht, kommt unausbleiblich früher oder später der Moment, da jede Handlung der Regierung die Massen erbittert und jede Unterlassung ihre Verachtung weckt. Der Plan, Petrograd preiszugeben, beschwor einen Sturm herauf; Kerenskis öffentliche Erklärung, daß die Regierung eine derartige Absicht nie gehabt hätte, wurde mit einem Hohngelächter beantwortet. "Durch den Vorstoß der Revolution an die Wand gedrückt", so rief die Zeitung "Rabotschi Put" aus, "versucht sich die Regierung der bürgerlichen Favoriten mit Lügen und Ausflüchten aus der Affäre zu ziehen. Nie habe sie daran gedacht, aus Petrograd zu flüchten; niemals sei es ihr in den Sinn gekommen, die Hauptstadt preiszugeben." In Charkow akzeptierte eine Versammlung von dreißigtausend organisierten Bergarbeitern den Grundsatz der IWW (Industriearbeiter der Welt. Anm. d. Tippse).

"Die arbeitenden und die besitzenden Klassen haben nichts miteinander gemein." Kosaken jagten die Bergarbeiter auseinander; einige wurden von den Bergwerksbesitzern ausgesperrt, der Rest rief den Generalstreik aus. Der Minister für Handel und Industrie, Konowalow, gab seinem Vertreter Orlow unbeschränkte Vollmacht, der Schwierigkeiten mit allen ihm gutdünkenden Mitteln Herr zu werden. Die Bergarbeiter haßten Orlow. Aber das Zentralexekutivkomitee der Sowjets bestätigte nicht nur seine Ernennung, sonder lehnte auch die Forderung ab, die Kosaken aus dem Donezbecken zurückzurufen. Dazu kam die Sprengung des Sowjets in Kaluga. Die Bolschewiki hatten dort die Mehrheit erlangt und einige politische Gefangene freigesetzt. Die Stadtduma rief mit Zustimmung des Regierungskomissars Truppen aus Minsk herbei, die das Gebäude des Sowjets mit Artillerie beschossen. Die Bolschewiki kapitulierten. Während sie das Gebäude verließen, wurden sie plötzlich von Kosaken mit dem Ruf überfallen: "So werden wir es mit allen bolschewistischen Sowjets machen, die von Petrograd und Moskau nicht ausgenommen!" Der Zwischenfall hatte eine durch ganz Rußland wogende zornige Erregung zur Folge. In Petrograd ging gerade ein Bezirkssowjetkongreß für Nordrußland zu Ende, dem der Bolschewik Krylenko präsidierte. Der Kongreß sprach sich mit überwältigender Mehrheit für die Übernahme der Macht durch den Gesamtrussischen Sowjetkongreß aus. Er grüßte die in den Kerkern schmachtenden Bolschewiki, ihnen Mut zurufend, da die Stunde der Befreiung nahe sei. Zur selben Zeit erklärte sich der Erste Gesamtrussische Kongreß der Fabrik- und Werkstättenkomitees mit Entschiedenheit für die Sowjets. Ein Beschluß dieses Kongresses erklärte: "..Nachdem die Selbstherrschaft auf politischen Gebiet gestürzt worden ist, strebt die Arbeiterklasse danach, auch auf dem Gebiet ihrer Produktionstätigkeit der demokratischen Ordnung zum Siege zu verhelfen. Ausdruck dieses Bestrebens ist die Idee der Arbeiterkontrolle, die in der bestehenden Situation der wirtschaftlichen Zerrüttung durch die verbrecherische Politik der herrschenden Klasse heraufbeschworen wurde..." Der Verband der Eisenbahner forderte den Rücktritt Liwerowskis, des Verkehrsministers..... Im Namen des Zentralexekutivkomitees bestand Skobelew darauf, daß der "Nakas" der Konferenz der Alliierten vorgelegt werden müsse, und protestierte formell gegen die Entsendung Tereschtschenkos nach Paris. Tereschtschenko bot seinen Rücktritt an..... General Werchowski, außerstande, seine Reorganisation der Armee durchzuführen, kam nur in langen Zwischenräumen in die Kabinettssitzungen.... Am 3. November kam Burzews "Obschtscheje Delo" mit großen Schlagzeilen heraus:

"B ü r g e r ! R e t t e t d a s V a t e r l a n d !

Ich erfahre eben, daß gestern in einer Sitzung der Komission für Verteidigung im Rat der Russischen Republik der Kriegsminister, General Werchowski, einer der Hauptschuldigen für den Sturz Kornilows, den Vorschlag der Unterzeichnung eines Sonderfriedens, unabhängig von den Alliierten gemacht hat. Das ist der Verrat Rußlands! Tereschtschenko erklärte, daß die Provisorische Regierung es abgelehnt habe, den Vorschlag Werchowskis auch nur zu prüfen. ,Man könnte meinen', erklärte Tereschtschenko, ,wir wären in einem Irrenhause.' Die Mitglieder der Komission waren über die Worte des Generals erstaunt. General Alexejew weinte. Nein! Das ist nicht Wahnsinn! Das ist Schlimmeres. Das ist der direkte Verrat Rußlands! Kerenski, Tereschtschenko und Nekrassow müssen unverzüglich auf die Worte Werchowskis antworten. Bürger, wacht auf. Rußland soll verkauft werden! Rettet es!"

In Wirklichkeit hatte Werchowski darauf hingewiesen, daß man die Alliierten zwingen müsse, einen Friedensvorschlag zu machen, weil die russische Armee nicht länger kämpfen könne ....Sowohl in Rußland wie im Auslande war die Sensation ungeheuer. Werchowski erhielt "unbeschränkten Krankenurlaub" und trat aus der Regierung aus. "Obschtscheje Delo" wurde verboten. Zum Sonntag, dem 4. November, war eine riesige Veranstaltung geplant, ein sogenannter Tag des Petrograder Sowjets, mit Massenversammlungen in der ganzen Stadt, nach außen hin zum Zwecke der Sammlung von Geld für die Organisation und die Presse, in Wahrheit eine Demonstration, bestimmt, die Macht der revolutionären Massen zu zeigen. Plötzlich wurde bekannt, daß am gleichen Tag auch die Kosaken einen "Krestni Chod" (Kreuzprozession) zu veranstalten beabsichtigten, zu Ehren des Heiligen von 1912, dessen wunderbares Eingreifen die Vertreibung Napoleons aus Moskau ermöglicht haben soll. Eine ungeheure Spannung lag in der Luft. Ein Funke konnte den Bürgerkrieg entfachen. Der Petrograder Sowjet veröffentlichte ein Manifest, betitelt:

A n u n s e r e B r ü d e r , d i e K o s a k e n !

"Man will euch, Kosaken, gegen uns Arbeiter und Soldaten aufhetzen. Diese Kainsarbeit stammt von unseren gemeinsamen Feinden: von den Gewalttätern - den Adligen, Bankiers, Gutsbesitzern, alten Beamten und ehemaligen Lakaien des Zaren ... Sie hassen uns bitter, die Spekulanten, Kapitalisten, Fürsten, der Adel, die Generale, mit Einschluß eurer Kosakengenerale. Sie sind jeden Moment bereit, den Petrograder Sowjet auseinanderzujagen und die Revolution niederzuschlagen. Irgend jemand hat zum 4. November eine Kirchenprozession für die Kosaken organisiert. Es ist eine persönliche Angelegenheit jedes einzelnen, ob er dorthin gehen will oder nicht. Wir werden uns da nicht einmischen oder jemanden hindern. Wir warnen euch aber, Kosaken! Seid achtsam, daß unter dem Vorwand einer Kreuzesprozession eure Kaledins euch nicht gegen die Arbeiter und Soldaten hetzen!"

Die Prozession wurde eiligst abgesagt. In den Fabriken, in den Arbeitervierteln propagierten die Bolschewiki ihre Parole: "Alle Macht den Sowjets", während die Agenten der Schwarzhunderter unaufhörlich zur Abschlachtung der Juden, Geschäftsinhaber und der sozialistische Führer hetzten. Auf der einen Seite die monarchistische Presse, blutige Unterdrückungsmaßregeln fordernd, auf der anderen Lenins mächtige Stimme: "Aufstand!....Man darf nicht länger warten!" Auch der bürgerlichen Presse war nicht wohl. Die "Birshewyje Wedomosti" (Börsennachrichten) nannten die bolschewistische Propaganda einen Angriff auf die elementarsten Grundlagen der Gesellschaft: die persönliche Sicherheit und die Achtung vor dem Privateigentum. Am wütendsten gebärdeten sich jedoch die "gemäßigten" sozialistischen Blätter. "Die Bolschewiki sind die gefährlichsten Feinde der Revolution", schimpften "Delo Naroda" und der menschewistische "Den", "die Regierung muß sich und uns schützen." Das Blatt Plechanows, "Jedinstwo",wies die Regierung auf die Tatsache hin, daß die Petrograder Arbeiter bewaffnet wurden, und forderte die allerstrengsten Maßnahmen gegen die Bolschewiki. Die Regierung wurde von Tag zu Tag hilfloser. Selbst die Stadtverwaltung hörte auf zu funktionieren. Die Spalten der Morgenzeitungen waren voll von Nachrichten über verwegene Raubüberfälle und Morde. Den Banditen geschah absolut nichts. Andrerseits begannen die Arbeiter einen Sicherheitsdienst zu organisieren. Bewaffnete Patrouillen durchstreiften die Stadt, die den Kampf mit dem Verbrechertum aufnahmen und Waffen beschlagnahmten, wo sie welche fanden. Am 1. November erließ der General Polkownikow, der Petrograder Stadtkommandant, folgenden Befehl:

"Ungeachtet der für das Vaterland angebrochenen schweren Tage hören die unverantwortlichen Aufrufe zu bewaffneten Demonstrationen nicht auf, in Petrograd zu zirkulieren, und Räuberei und Anarchie nehmen täglich zu. Dieser Zustand der Dinge desorganisiert das Leben der Bürger und hindert die Arbeit der Regierung und der Stadtverwaltung. Im vollen Bewußtsein meiner Verantwortung und Pflicht gegenüber dem Vaterlande befehle ich:

1. Jede militärische Einheit hat, ihren besonderen Instruktionen gemäß, in ihrem Gebiet die Stadtverwaltung, die Kommissare und die Miliz kräftig zu unterstützen und die Regierungsinstitutionen zu verteidigen.

2. Zusammen mit den Bezirkskommandanten und Vertretern der Stadtmiliz sind Patrouillen zu organisieren und Maßnahmen zur Verhaftung der Verbrecher und Deserteure zu treffen.

3. Alle Personen, die in den Kasernen zu bewaffneten Demonstrationen und Metzeleien aufrufen, sind zu verhaften und an das Hauptquartier des Zweiten Stadtkommandanten auszuliefern.

4. Straßendemonstrationen, Versammlungen und Prozessionen sind nicht zugelassen.

5. Bewaffnete Demonstrationen und Pogrome sind mit allen zur Verfügung stehenden bewaffneten Kräften sofort im Keime zu ersticken.

6. Den Kommissaren ist jede erdenkliche Hilfe zum Zwecke der Verhinderung unbefugter Haussuchungen und Verhaftungen zu leisten.

7. Dem Stab des Militärbezirks ist über alle sich im Bezirk abspielenden Vorkommnisse Bericht zu erstatten.

An alle Armeekomitees und Organisationen richte ich die Aufforderung, die Kommandeure bei der Ausführung der ihnen aufgetragenen Aufgaben zu unterstützen."

Im Rat der Russischen Republik gab Kerenski die Erklärung ab, daß die Regierung die bolschewistischen Vorbereitungen mit Aufmerksamkeit verfolge, daß sie aber stark genug sei, um keinerlei Demonstrationen fürchten zu müssen. Er klagte "Nowaja Rus" und "Rabotschi Put" an, die gleiche Wühlarbeit zu leisten. "Sie sind", sagte er, "nur die zwei Seiten derselben Propaganda, deren Endzweck die von den reaktionären Mächten so heiß ersehnte Konterrevolution ist. Aber", fügte er hinzu, "die Regierung ist durch die bestehende Freiheit der Presse gehindert, gegen die gedruckten Lügen ihrer Feinde vorzugehen."

Am 2. November waren erst fünfzehn Kongreßdelegierte angekommen. Am nächsten Tag waren es hundert und am übernächsten hundertfünfundsiebzig, davon hundertdrei Bolschewiki. Vierhundert Delegierte mußten mindestens zusammenkommen, und bis zum Eröffnungstermin waren es nur noch drei Tage. Ich habe einen großen Teil dieser Zeit im Smolny zugebracht. Dort hineinzugelangen war nicht mehr leicht. Die Tore waren von doppelten Postenketten bewacht, und auch, wenn man das Hauptportal hinter sich hatte, war man noch nicht drinnen, sondern mußte sich einer langen Reihe schon wartender Leute anschließen, die, nachdem sie einem peinlich genauen Verhör über ihre Identität und ihre Geschäfte unterzogen worden waren, immer vier auf einmal, eingelassen wurden. Ausweise wurden ausgestellt und das Ausweissystem alle paar Stunden geändert, um den zahllosen Spionen das Durchschlüpfen unmöglich zu machen. Eines Tages kam ich gerade dazu, als Trotzki und seine Frau von einem Soldaten angehalten wurden. Trotzki suchte in allen seinen Taschen, fand aber seinen Ausweis nicht. "Macht nichts", sagte er endlich, "Sie kennen mich ja. Mein Name ist Trotzki." "Wenn Sie keinen Ausweis haben, kommen Sie nicht hinein", versetzte hartnäckig der Soldat. "Namen bedeuten mir gar nichts." "Aber ich bin der Vorsitzende des Petrograder Sowjets." "Wenn Sie eine so wichtige Persönlichkeit sind, dann müssen Sie doch auch irgendein Papier bei sich haben." Trotzki verlor die Ruhe nicht. "Lassen Sie mich den Kommandanten sehen", sagte er. Der Soldat zögerte und brummte, er könne nicht wegen jedes x-beliebigen den Kommandanten behelligen. Schließlich rief er den Wachhabenden herbei. Dem setzte Trotzki seinen Fall auseinander und wiederholte, daß er Trotzki sei. "Trotzki?" Der Soldat kratzte sich am Kopf. "Den Namen habe ich schon einmal gehört", meinte er endlich. "Ich denke, es wird seine Richtigkeit haben, Sie können hineingehen, Genosse."

Im Korridor traf ich Karachan vom bolschewistischen Zentralkomitee, der mir erklärte, was die neue Regierung sein wird: "Eine lockere Organisation, die in vollem Einklang mit dem Willen des Volkes handelt, wie er in den Sowjets seinen Ausdruck findet, und den lokalen Kräften volle Aktionsfreiheit läßt. Zur Zeit sind die lokalen Kräfte in der Betätigung ihres demokratischen Willens durch die Provisorische Regierung genauso behindert wie früher durch die Zarenregierung. Die Initiative der neuen Gesellschaft muß von unten kommen. Die Form der Regierung wird dem Statut der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands entsprechen. Das neue Zentralexekutivkomitee der Sowjets wird das Parlament sein und den häufig zusammentretenden Gesamtrussischen Sowjetkongressen Rechenschaft abzulegen haben, An der Spitze der verschiedenen Ministerien werden nicht, wie bisher, einzelne Minister, sondern Kollegien stehen. Die Ministerien sollen den Sowjets direkt verantwortlich sein." Am 30. Oktober hatte ich eine Unterredung mit Trotzki. Ich traf ihn in einem im Dachgeschoß des Smolny gelegenen kleinen, völlig kahlen Zimmer, in dem sich nur ein einfacher Tisch und ein paar Stühle befanden. Ich stellte einige wenige Fragen, und Trotzki sprach schnell und ununterbrochen länger als eine Stunde. Den wesentlichen Inhalt dessen, was er sagte, führe ich hier mit seinen eigenen Worten an: "Die Provisorische Regierung ist absolut machtlos. Es herrscht die Bourgeoisie; nur wird diese Herrschaft von einer Scheinkoalition mit den Sozialpatrioten verdeckt. Jetzt, während der Revolution, häufen sich die Aufstände der Bauern, die es müde sind, auf das ihnen versprochene Land zu warten, und auch bei den übrigen werktätigen Klassen des ganzen Landes zeigt sich die gleiche tiefe Unzufriedenheit. Die Bourgeoisie kann ihre Herrschaft nur mittels des Bürgerkrieges aufrechterhalten. Die Kornilowmethode ist die einzige, deren sie sich bedienen kann. Aber ihr geht die Kraft aus. Die Armee ist mit uns. Die Kompromißler und Pazifisten, Sozialrevolutionäre und Menschewiki, haben allen Kredit bei den Volksmassen verloren; denn der Kampf zwischen Bauern und Gutsbesitzern, Arbeitern und Kapitalisten, Soldaten und Offizieren ist heute schärfer und unversöhnlicher denn je. Nur die vereinte Aktion der Volksmassen, der Sieg der proletarischen Diktatur, kann die Revolution vollenden und das Volk retten. Die Sowjets sind die denkbar vollkommenste Vertretung des Volkes, vollkommen in ihrer revolutionären Erfahrung wie in ihren Ideen und Zielen. Direkt basierend auf der Armee in den Schützengräben, den Arbeitern in den Fabriken, den Bauern auf ihren Feldern , sind sie das Rückgrat der Revolution. Das Resultat des Versuchs, eine Macht im Lande ohne die Sowjets zu schaffen, war nur die absolute Machtlosigkeit. In den Korridoren des Rates der Russischen Republik werden zur Zeit alle möglichen konterrevolutionären Pläne ausgeheckt. Der Vorkämpfer der Konterrevolution ist die Kadettenpartei, während die Sache des Volkes von den Sowjets vertreten wird. Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es ernstzunehmende politische Gruppen nicht. Es ist der Endkampf. Die bürgerliche Konterrevolution sammelt alle ihre Kräfte und wartet auf den Moment, um gegen uns loszuschlagen. Unsere Antwort wird entscheidend sein. Wir werden das im März begonnene und während der Kornilow -Affäre fortgesetzte Werk vollenden." Über die auswärtige Politik der neuen Regierung sagte er: "Unsere erste Handlung wird ein Aufruf zum sofortigen Abschluß eines Waffenstillstandes an allen Fronten sein. Wir werden sofort eine Völkerkonferenz vorschlagen, deren Aufgabe es sein wird, über einen Friedensschluß auf demokratische Grundlage zu diskutieren. Wie demokratisch dieser Friedensschluß sein wird, hängt von der Stärke des revolutionären Widerhalls in Europa ab. Die Errichtung einer Sowjetregierung hier in Rußland wird ein mächtiger Faktor für die Beschleunigung des Friedensschlusses in Europa sein; denn diese Regierung wird sich mit ihrem Waffenstillstandsvorschlag an die Völker unmittelbar und direkt, über die Köpfe ihrer Regierungen hinweg, wenden. Im Moment des Friedensschlusses wird der Druck der russischen Revolution sich gegen Annexionen und Kriegsentschädigungen, für die Selbstbestimmung der Völker und für die Errichtung einer föderativen Republik von Europa auswirken. Ich sehe Europa am Ende dieses Krieges neugeschaffen, nicht von Diplomaten, sondern vom Proletariat. Eine föderative Republik von Europa, die Vereinigten Staaten von Europa - das ist es, was es werden muß. Nationale Autonomie genügt nicht mehr. Die wirtschaftliche Entwicklung erheischt die Beseitigung der nationalen Grenzen. Bleibt Europa auch weiterhin in nationale Gruppen zersplittert, dann beginnt der Imperialismus sein Werk von neuem. Nur eine föderative Republik von Europa kann der Welt den Frieden geben. Im Augenblick jedoch, ohne das aktive Eingreifen der Massen in Europa, sind diese Ziele nicht zu verwirklichen."

Während alle Welt erwartete, die Bolschewiki eines Morgens auf der Straße erscheinen zu sehen, um jeden niederzuschießen, der einen weißen Kragen umhatte, ging der Aufstand in Wirklichkeit ganz anders, sehr natürlich und in aller Öffentlichkeit vor sich. Die Provisorische Regierung plante die Entsendung der Petrograder Garnison an die Front. Derselben Petrograder Garnison von zirka sechzigtausend Mann, die einen so großen Anteil an dem Siege der Revolution gehabt hatte. Die Petrograder Truppen waren es gewesen, die die Kämpfe der Märztage entschieden, die die Sowjets der Soldatendeputierten geschaffen und Kornilow von den Toren der Stadt verjagt hatten. Jetzt waren sie zum großen Teil Bolschewiki. Als die Provisorische Regierung sich mit dem Gedanken trug, Petrograd preiszugeben, war es die Petrograder Garnison, die erklärte: "Wenn ihr unfähig seid, die Hauptstadt zu verteidigen, so schließt Frieden. Könnt ihr den Frieden nicht schließen, dann tretet zurück und macht einer Volksregierung Platz, die beides vermag." Es lag auf der Hand, daß das Schicksal jedes Aufstandsversuchs von der Haltung der Petrograder Truppen abhing. Der Plan der Regierung war, die bisherigen Garnisonregimenter durch ihr ergebene Truppen, Kosaken, Todesbataillone usw., zu ersetzen. Die Armeekomitees, die "gemäßigten" Sozialisten, das Zentralexekutivkomitee der Sowjets unterstützten dieses Vorhaben der Regierung. Eine ausgedehnte Agitation wurde an der Front und in Petrograd in Szene gesetzt, die vor allem mit der Behauptung arbeitete, daß die Petrograder Truppen seit nun schon acht Monaten in den Kasernen der Hauptstadt ein gemächliches Leben führten, während ihre Kameraden in den Schützengräben starben und hungerten. Bis zu einem gewissen Grade traf es sicher zu, daß die Garnisonregimenter nur geringe Lust verspürten, ihr verhältnismäßig angenehmes Leben gegen die Mühsalen eines Winterfeldzuges zu vertauschen. Aber es waren andere Gefühle, weshalb sie sich weigerten zu gehen. Der Petrograder Sowjet mißtraute der Regierung, und von der Front kamen hunderte Delegierte der breiten Soldatenmassen, die erklärten: "Es ist wahr, wir brauchen Verstärkung; wichtiger aber ist uns, Petrograd und die Revolution in guten Händen zu wissen. Hütet ihr die Heimat, Genossen! Wir werden die Front halten."

Am 25. Oktober diskutierte das Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets in geschlossener Sitzung die Errichtung eines besonderen Militärkomitees, um die ganze Frage zur Entscheidung zu bringen. Am nächsten tag nahm die Soldatensektion des Petrograder Sowjets die Wahl des Komitees vor, das sofort den Boykott der Bourgeoisiezeitungen aussprach und das Zentralexekutivkomitee der Sowjets aufs schärfste verurteilte, weil es sich dem Sowjetkongreß widersetzte. Am 29. Schlug in öffentlicher Sitzung des Petrograder Sowjets Trotzki die formelle Anerkennung des Revolutionären Militärkomitees durch den Sowjet vor. "Wir müssen",sagte er, "unsere besondere Organisation schaffen, um weiterzukämpfen und, wenn notwendig, zu sterben." Es wurde ein Beschluß gefaßt, zwei Delegationen an die Front zu entsenden, und zwar eine vom Sowjet und eine von der Garnison, die mit den Soldatenkomitees und dem Generalstab unterhandeln sollten. In Psowk wurde die Sowjetdelegation von dem Kommandeur der Nordfront, General Tscheremissow, empfangen, der kurz und bündig erklärte, daß er die Petrograder Garnison an die Front kommandiert und dem nichts hinzuzufügen habe. Das Garnisonkomitee durfte Petrograd nicht verlassen. Eine Delegation der Soldatensektion des Petrograder Sowjets forderte die Zulassung eines Vertreters der Sektion in den Petrograder Bezirksstab. Das wurde abgelehnt. Das gleiche Schicksal hatte ein antrag des Petrograder Sowjets, der verlangte, daß alle herausgehenden Befehle die Gegenzeichnung der Soldatensektion zu tragen hätten. Man erklärte den Delegierten schroff: "Für uns existiert nur das Zentralexekutivkomitee der Sowjets. Euch erkennen wir nicht an. Wir werden euch einsperren, sobald ihr euch gegen die Gesetze vergeht." Am 30. Beschloß eine Delegiertenversammlung sämtlicher Petrograder Regimenter folgende Resolution: "Die Petrograder Garnison erkennt die Provisorische Regierung nicht mehr an. Unsere Regierung ist der Petrograder Sowjet. Wir folgen nur den Befehlen des im Auftrage des Petrograder Sowjets handelnden Revolutionären Militärkomitees."

Den lokalen Truppeneinheiten wurde befohlen, auf Instruktionen der Soldatensektion des Petrograder Sowjets zu warten. Am nächsten Tag berief das Zentralexekutivkomitee eine eigene Versammlung ein, die hauptsächlich von Offizieren besucht war. Ein Komitee wurde gewählt, zur Zusammenarbeit mit dem Stab, und für sämtliche Quartiere der Stadt wurden besondere Kommissare ernannt. Ein am 3. Im Smolny abgehaltenes großes Soldatenmeeting erklärte: "Die Petrograder Garnison begrüßt die Errichtung des Revolutionären Militärkomitees und ist gewillt, dasselbe in allen seinen Aktionen rückhaltlos zu unterstützen und nichts zu unterlassen, um Front und Heimat im Interesse der Revolution aufs engste zusammenzuschließen. Die Garnison erklärt weiter, daß sie zusammen mit dem Petrograder Proletariat die revolutionäre Ordnung in Petrograd aufrechterhalten wird. Jeder Versuch einer Provokation seitens der Kornilowleute oder der Bourgeoisie wird erbarmungslos niedergeschlagen werden." Seiner Macht bewußt, richtete jetzt das Revolutionäre Militärkomitee an den Petrograder Stab die schroffe Aufforderung, sich seinem Befehl zu unterstellen. Sämtlichen Druckereien wurde verboten, Aufrufe und Proklamationen irgendwelcher Art zu drucken, die nicht die Autorisation des Komitees hätten. Bewaffnete Kommissare beschlagnahmten im Kronberg - Arsenal große Mengen Waffen und Munition und hielten einen Schiffstransport von zehntausend Bajonetten an, die für Nowotscherkassk, das Hauptquartier Kaledins, bestimmt waren. Die Regierung, ihre gefährliche Lage endlich erkennend, versprach Straflosigkeit, wenn das Komitee sich auflösen würde. Es war zu spät. Am 5. November erschien Malewski, von Kerenski selbst geschickt, um dem Petrograder Sowjet eine Vertretung im Stab anzubieten. Das Revolutionäre Militärkomitee nahm an. Eine Stunde später wurde das Angebot von dem amtierenden Kriegsminister, General Manikowski, widerrufen. Am Dienstagmorgen wurde die Stadt durch das Erscheinen eines Plakates in Aufregung versetzt, das die Unterschrift trug: "Revolutionäres Militärkomitee beim Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten."

" A n d i e B e v ö l k e r u n g P e t r o g r a d s !

Bürger! Die Konterrevolution hat ihr verbrecherisches Haupt erhoben. Die Kornilowleute mobilisieren ihre Kräfte, um den Gesamtrussischen Sowjetkongreß zu sprengen und die Konstituierende Versammlung zum Scheitern zu bringen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Pogromhelden gleichzeitig versuchen werden, in den Straßen Petrograds Wirren und ein Gemetzel hervorzurufen. Der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten übernimmt den Schutz der revolutionären Ordnung gegen konterrevolutionäre Anschläge und Pogrome. Die Garnison Petrograds wird keine Gewalttaten und Ausschreitungen dulden. Die Bevölkerung wird dazu aufgerufen, die Gewalttäter und die Agitatoren der Schwarzhunderter festzunehmen und sie den Kommissaren des Sowjets bei der nächsten Heereseinheit vorzuführen. Beim ersten Versuch dunkler Elemente, auf den Straßen Petrograds Unruhen, Plünderungen, Messerstechereien und Schießereien hervorzurufen, werden die Verbrecher vom Antlitz der Erde getilgt. Bürger! Wir rufen euch auf, völlige Ruhe und Selbstbeherrschung zu wahren. Die Sache der Ordnung und der Revolution ist in festen Händen."

Das Plakat enthielt außerdem eine Liste der Regimenter, bei denen sich Kommissare des Revolutionären Militärkomitees befanden. Am 3. Fand, ebenfalls hinter verschlossenen Türen, eine weitere, historisch bedeutungsvolle Sitzung der bolschewistischen Führer statt. Von Salkind in Kenntnis gesetzt, wartete ich im Korridor an der Tür, und als Wolodarski kam, hörte ich von ihm, was vorging. Lenin sprach: "Der 6. November ist zu zeitig. Wir benötigen für die Erhebung eine Gesamtrussische Basis, und am 6. November werden noch nicht alle Delegierten auf dem Kongreß erschienen sein. Der 8. November wäre dagegen zu spät. Bis dahin wird sich der Kongreß konstituiert haben, und für eine umfangreich Körperschaft ist es schwer, schnell und entscheidend zu handeln. Wir müssen am 7. In Aktion treten, wenn der Kongreß zusammentritt, damit wir sagen können: ,Hier ist die Macht. Was denkt ihr damit zu tun?`" Währenddem saß in einem der oberen Zimmer ein Mensch mit langem Haar und hagerem Gesicht, ein ehemaliger Zarenoffizier und späterer Revolutionär, der lange in der Verbannung gelebt hatte: ein gewisser Owsejenko, allgemein Antonow gerufen, Mathematiker und Schachkünstler, damit beschäftigt, sorgfältig ausgearbeitete Pläne für die Einnahme der Hauptstadt zu entwerfen. Aber auch die Regierung traf ihre Vorbereitungen. In aller Stille beorderte sie aus den allerverschiedensten Divisionen die ihr am meisten ergebenen Regimenter nach Petrograd. Der Winterpalast wurde von der Artillerie der Offiziersschüler besetzt, und in den Straßen Petrograds zeigten sich - zum ersten Male seit den Julitagen - Kosakenpatrouillen. Polkownikow erließ einen Befehl nach dem anderen, die unbarmherzigste Ahndung jeder Widersetzlichkeit androhend. Der Minister für Volksbildung Kischkin, das meistgehaßte Mitglied der Regierung, wurde zum Außerordentlichen Kommissar ernannt, um in Petrograd die Ordnung aufrechtzuerhalten; er nahm sich zwei nicht weniger unbeliebte Männer, Rutenberg und Paltschinski, zu Hilfe. Über Petrograd, Kronstadt und Finnland wurde der Belagerungszustand verhängt. Die bürgerliche Zeitung "Nowoje Wremja" (Neue Zeit) bemerkte dazu ironisch: "warum Belagerungszustand? Die Regierung hat aufgehört, eine Macht zu sein. Sie hat weder moralische Autorität noch den erforderlichen Apparat, um Gewalt anzuwenden..Im besten Fall kann sie verhandeln, wenn sich jemand findet, der mit ihr verhandeln will. Eine andere Macht hat sie nicht...."Am Montagmorgen - es war der 5. November - ging ich zum Marienpalast, um zu sehen, was im Rat der Russischen Republik vor sich gehe. Hitzige Debatten über Tereschtschenkos Außenpolitik. Diskussionen über die Affäre Burzew - Werchowski. Sämtliche Diplomaten waren anwesend mit Ausnahme des italienischen Gesandten, der, wie allgemein gesagt wurde, durch die Katastrophe im Karst völlig niedergeschlagen war. Als ich eintrat, verlas gerade der linke Sozialrevolutionär Karelin einen Leitartikel aus der Londoner "Times", in dem es hieß, daß es gegen den Bolschewismus nur ein Mittel gebe: die Kugel. Zu den Kadetten gewandt, rief er: "Genauso denken auch Sie." "Sehr richtig, sehr richtig!" schallte es ihm von rechts entgegen. "Ich kenne ihre Meinung", replizierte Karelin hitzig, "nur fehlt ihnen der Mut, es zu versuchen." Dann sprach Skobelew, der mit seinem gepflegten Bart und dem welligen blonden Haar wie der Liebhaber in einem Bühnenstück aussah, und verteidigte den Sowjet -"Nakas" mit halbem Herzen. Ihm folgte Tereschtschenko, von der Linken mit dem heftigen Ruf "Abdanken, abdanken!" empfangen. Er meinte, daß die Delegierten der Regierung und des Zentralexekutivkomitees der Sowjets in Paris einen gemeinsamen Standpunkt vertreten müßten - der natürlich sein eigener sein sollte. Zum Schluß einige wenige Worte über die Wiederherstellung der Disziplin in der Armee, über die Weiterführung des Krieges bis zum Siege..Allgemeiner Tumult...und dann, gegen den Widerspruch der lärmenden Linken, Übergang zur Tagesordnung. Leer gähnten die Bänke der Bolschewiki, die mit ihrem Austritt aus dem Rat der Russischen Republik soviel Leben mit sich genommen hatten. Und während ich die Stufen des Palastes hinunterschritt, konnte ich mich trotz des mitangehörten hitzigen Streitens des Eindrucks nicht erwehren, daß keine wirkliche Stimme aus der Außenwelt diese hohen und kalten Mauern zu durchdringen vermochte, daß die Provisorische Regierung an derselben Klippe "Krieg oder Friede" zu scheitern verurteilt war, die schon dem Kabinett Miljukow den Untergang gebracht hatte. Während mir der Pförtner meinen Mantel umhing, brummte er vor sich hin: "Ich möchte wissen, was aus dem armen Rußland noch werden soll - Menschewiki, Bolschewiki, Trudowiki, Ukraine, Finnland, deutsche Imperialisten, englische Imperialisten! In meinem ganzen fünfundvierzigjährigen Leben habe ich nicht soviel Worte gehört wie hier an diesem Ort." Im Korridor traf ich Professor Schazki, einen Menschen mit rattenähnlichem Gesicht, in elegantem Überrock, sehr einflußreich in den Beratungen der Kadettenpartei. Ich befragte ihn um seine Meinung über die vielbesprochenen Demonstrationen der Bolschewiki. Geringschätzig lächelnd zuckte er die Achseln: "Das ist ja Rindvieh - Kanaille. Sie werden es nicht wagen, und - wenn sie es sollten, werden wir sie schnell heimschicken. Von unserem Standpunkt aus wäre dies gar nicht ungünstig; denn sie würden sich dabei zugrunde richten und in der Konstituierenden Versammlung machtlos sein. Wenn es Sie übrigens interessiert, will ich ihnen den Plan einer Regierungsform schildern, den wir in der Konstituierenden Versammlung vorzulegen gedenken. Ich bin, wie Sie ja wissen, der Vorsitzende eine Kommission, die, in Gemeinschaft mit der Provisorischen Regierung, ein Verfassungsprojekt ausarbeiten soll. Wir werden, wie Sie in den Vereinigten Staaten, eine aus zwei Kammern bestehende gesetzgebende Versammlung haben. Die untere Kammer wird nach dem Grundsatz der Territorialvertretung zusammengesetzt sein, während sich das Oberhaus aus den Vertretern der freien Berufe, der Semstwos, der Genossenschaften und Gewerkschaften zusammensetzen wird." Draußen war es kalt, ein feuchter Westwind wehte, und der kalte Straßenschmutz durchnäßte meine Schuhe. Langbemäntelt und steif zogen zwei Kompanien Offiziersschüler vorüber und schwenkten in die Morskaja ein, in rauhem Chor eines der alten Soldatenlieder singend, wie sie unter dem Zaren üblich waren. An der nächsten Straßenkreuzung fiel mir auf, daß die Leute der Stadtmiliz beritten waren. Um sie herum standen Gruppen von Passanten, sie stumm anstarrend. An der Ecke des Newski kaufte ich eine Flugschrift von Lenin: "Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten?" und zahlte mit einer der Briefmarken, deren man sich zu der Zeit zum Wechseln bediente. Schwerfällig krochen die gewohnten Straßenbahnwagen vorbei, brechend voll, sogar an den Außenseiten an den unmöglichsten Stellen klammerten sich Bürger und Soldaten fest. Längs des Bürgersteiges verkauften uniformierte Deserteure Zigaretten und Sonnenblumenkerne. Auf dem Newski rauften sich die Menschen in dem trüben Zwielicht um die neuesten Zeitungen, und ganze Menschenknäuel waren bemüht, die zahllosen Aufrufe und Proklamationen zu entziffern, mit denen jedes irgendwie geeignete Plätzchen beklebt war: vom Zentralexekutivkomitee der Sowjets, vom Bauernsowjet, von den "gemäßigten" sozialistischen Parteien, den Armeekomitees - alle baten, drohten, und beschworen die Arbeiter und Bauern, zu Hause zu bleiben und die Regierung zu unterstützen. Ein Panzerauto fuhr langsam auf und nieder, unaufhörlich hupend. An jeder Straßenecke, auf jedem Platz waren undurchdringliche Menschenmassen versammelt, diskutierende Soldaten und Studenten. Die Dunkelheit senkte sich mit großer Schnelligkeit herab, in weiten Zwischenräumen flammten Straßenlaternen auf, und immer noch fluteten in endlosen Wogen die Menschenmassen. So ist es immer in Petrograd, wenn etwas in der Luft liegt. Die Stadt war in höchster nervöser Spannung. Jeder scharfe Laut ließ sie auffahren. Aber noch immer kein Zeichen von den Bolschewiki; die Soldaten blieben in ihren Kasernen, die Arbeiter in ihren Fabriken. Wir gingen in ein Kino in der Nähe der Kasaner Kathedrale, wo ein blutrünstiger italienischer Film von Leidenschaft und Intrige gezeigt wurde. In den vorderen Reihen saßen einige Soldaten und Matrosen, die in kindlicher Verwunderung auf die Leinwand starrten, unfähig, den Sinn und die Notwendigkeit von soviel Aufregung und Blutvergießen zu begreifen. Von hier aus eilte ich zum Smolny. Im Zimmer Nr. 10 tagte in Permanenz das Revolutionäre Militärkomitee, unter dem Vorsitz eines achtzehnjährigen jungen Menschen, Lasimir mit Namen. Er drückte mir im Vorbeigehen, fast schüchtern, die Hand. "Eben ist die Besatzung der Peter- Pauls- Festung zu uns übergegangen", erzählte er mit einem vergnügten Grinsen, "und vor kaum einer Minute erhielten wir von einem Regiment, das von der Regierung nach Petrograd beordert war, die Nachricht, daß es zu uns stehe. Die Soldaten hatten Verdacht geschöpft. Sie hielten ihren Zug in Gattschina an und Sandten eine Delegation aus, um zu hören, was los sei. ,Was habt ihr uns zu sagen`, fragten sie, ,wir haben soeben eine Resolution beschlossen, die sich für die Übergabe der ganzen Macht an die Sowjets erklärt. Die Antwort des Revolutionären Militärkomitees lautete: ,Brüder! Wir grüßen euch im Namen der Revolution. Bleibt, wo ihr seid, bis ihr weitere Instruktionen erhaltet!'". Sämtliche Telefonleitungen waren, wie er mir sagte, zerschnitten. Aber mit den Kasernen und Fabriken war vermittels Feldtelefonen eine provisorische Verbindung hergestellt worden. Ununterbrochen kamen und gingen Kuriere und Kommissare. Vor der Tür warteten wohl ein Dutzend Freiwillige, bereit, die Anordnungen des Komitees sofort in die entferntesten Stadtviertel zu tragen. Einer von ihnen, in der Uniform eines Leutnants,

sagte zu mir auf französisch: "Alles ist bereit. Ein Druck auf den Knopf und wir marschieren." Ich sah Podwoiski, einen mageren, bärtigen Zivilisten, den Strategen des Aufstandes, dann Antonow, unrasiert, mit schmierigem Kragen und wie betrunken von allzulangem Wachen, den untersetzten Soldaten Krylenko mit seinem stets lächelnden, breiten Gesicht, heftig gestikulierend und ununterbrochen redend, und endlich die Riesengestalt des Matrosen Dybenko, bärtig und gelassen. Das waren die Männer jener Stunden und der, die noch in der Zukunft lagen. Unten, in dem Büro der Fabrikkomitees, unterzeichnete Seratow unermüdlich Anweisungen für das Staatsarsenal auf Lieferung von Waffen an die Arbeiter - je Fabrik hundertfünfzig Gewehre. In einer Reihe warteten etwa vierzig Delegierte, um die Anweisungen sofort in Empfang zu nehmen. Im Saal stieß ich auf einige der unteren Führer der Bolschewiki. Einer wies auf seinen Revolver. "das Spiel beginnt", sagte er bleichen Antlitzes, "ob wir wollen oder nicht. Die andere Seite weiß, daß sie mit uns Schluß machen muß oder selber unterzugehen hat." Der Petrograder Sowjet tagte ununterbrochen Tag und Nacht. Als ich in den großen Saal eintrat, hörte ich noch den Schluß einer Rede Trotzkis. "Man stellt uns die Frage", sagte er, "ob wir eine Demonstration beabsichtigen. Ich kann auf diese Frage eine klare Antwort geben.

Der Petrograder Sowjet fühlt, daß die Stunde gekommen ist, wo die Macht in die Hände der Sowjets überzugehen hat. Die Übergabe der Regierungsgewalt wird der Gesamtrussische Sowjetkongreß besorgen. Ob eine bewaffnete Demonstration notwendig sein wird, hängt ....von denen ab, die sich dem Willen des Gesamtrussischen Kongresses widersetzen wollen. Wir wissen, daß unsere den Leuten des Provisorischen Kabinetts anvertraute Regierung eine erbärmliche und hilflose Regierung ist, die es so schnell wie möglich hinwegzufegen gilt, um Platz zu machen für eine wirkliche Volksregierung. Aber wir sind bemüht - auch jetzt noch, heute noch, Gewalt zu vermeiden. Wir hoffen, daß der Gesamtrussische Sowjetkongreß die Macht und Autorität, die auf der organisierten Freiheit des Volkes beruht, in seine Hände nehmen wird, Sollte indes die Regierung die kurze Zeit - die vierundzwanzig, achtundvierzig oder zweiundsiebzig Stunden - , die sie noch zu leben hat, zu einem Angriff gegen uns verwenden, dann werden wir mit dem Gegenangriff antworten, und dann gilt für uns: Hieb für Hieb und Stahl für Eisen." Unter lebhaftem Beifall teilte er dann mit, daß sich die linken Sozialrevolutionäre beriet erklärt hätte, eine Vertretung in das Revolutionäre Militärkomitee zu entsenden. Als ich um drei Uhr morgens den Smolny verließ, bemerkte ich, daß das Haupttor von zwei Schnellfeuergeschützen flankiert war. Die Eingänge und die nächsten Straßenecken wurden von starken Soldatenpatrouillen bewacht. Bill Schatow kam die Stufen heraufgestürmt: "Es geht los. Kerenski hat Offiziersschüler geschickt, um unsere Zeitungen ,Soldat' und ,Rabotschi Put' zu schließen. Aber unsere Truppen sind bereits hinunter, um die Regierungssiegel abzureißen, und jetzt sind wir dabei, Abteilungen loszuschicken, die die Büros der bürgerlichen Zeitungen besetzen sollen." Er klopfte mir vergnügt auf die Schulter und rannte ins Haus.

Am 6. Morgens hatte ich mit dem Zensor zu tun, der sein Büro im Ministerium des Auswärtigen hatte. Überall, an allen Wänden, hysterische Aufrufe an das Volk, "ruhig" zu bleiben. Polkownikow erließ Befehl um Befehl: "Ich befehle allen Einheiten und Mannschaften, bis zum Erhalt eines Befehls des Bezirksstabes in ihren Kasernen zu bleiben ... Alle Offiziere, die dem Befehl ihres Vorgesetzten zuwiderhandeln, werden wegen bewaffneten Aufruhrs vor Gericht gestellt. Kategorisch verbiete ich, daß Truppen irgendwelchen ,Befehlen`, die von verschiedenen Organisationen ausgehen, Folge leisten ...." Am Morgen berichteten die Blätter, daß die Regierung die Zeitungen "Nowaja Rus", "Shiwoje Slowo", "Rabotschi Put" und "Soldat" verboten und die Verhaftung der Führer des Petrograder Sowjets und des Revolutionären Militärkomitees angeordnet habe.

Als ich den Schloßplatz überquerte, kamen in scharfem Trab mehrere Batterien der Offiziersschüler durch das Rote Tor gezogen und nahmen vor dem Palast Aufstellung. Das mächtige rote Gebäude des Generalstabs war ungewöhnlich belebt. Vor dem Tor hielten Panzerautos, und Automobile mit Offizieren fuhren an und ab. Der Zensor war aufgeregt wie ein kleiner Junge in einer Zirkusvorstellung. Wie er mir sagte, war Kerenski zum Rat der Russischen Republik gegangen, um seinen Rücktritt anzubieten. Ich stürmte nach dem Marienpalast und kam noch gerade zurecht, um den Schluß der leidenschaftlichen und ziemlich konfusen Rede Kerenskis zu hören, mit der er seine eigene Politik zu verteidigen suchte und die heftigsten Anklagen gegen seine Gegner schleuderte: "Ich zitiere hier die charakteristischsten Stellen aus einer ganzen Reihe von Artikeln, die im "Rabotschi Put" Uljanow - Lenin veröffentlicht hat, ein Hochverräter, der sich gegenwärtig verborgen hält und den aufzufinden wir uns bemühen ... Dieser Hochverräter hört nicht auf, das Proletariat und die Petrograder Garnison zur Wiederholung der Versuche vom 16. Bis 18. Juli aufzuhetzen, und ist der hartnäckigste Befürworter eines sofortigen bewaffneten Aufstandes ... Neben ihm haben andere bolschewistische Führer in zahlreichen Versammlungen zur sofortigen bewaffneten Erhebung aufgefordert. Insbesondere ist der Tätigkeit des derzeitigen Vorsitzenden des Petrograder Sowjets, Bronstein - Trotzki, Beachtung zu schenken. Ich muß feststellen...., daß die Schreibweise einer ganzen Reihe von Artikeln im "Rabotschi Put" und "Soldat sich absolut nicht unterscheidet von der der "Nowaja Rus" ... Wir haben es hier nicht mit der Bewegung einer politischen Partei zu tun, sondern mit der Ausbeutung der politischen Unwissenheit und verbrecherischen Instinkte eines Teiles der Bevölkerung, mit einer Organisation, deren Ziel es ist, in Rußland um jeden Preis Zerstörung und Plünderung zu provozieren; denn angesichts des gegebenen geistigen Zustandes der Massen wird jede Aktion in Petrograd die schrecklichsten Metzeleien auslösen, die den Namen des freien Rußlands mit ewiger Schande bedecken werden... ...Nach dem Eingeständnis Uljanow - Lenins selbst befindet sich der extrem-linke Flügel der Sozialdemokraten in Rußland in einer sehr günstigen Lage." (Kerenski zitiert hier den folgenden Auszug aus einem Leninschen Artikel): ",Man bedenke nur: die Deutschen haben ... mit nur einem Liebknecht ... ohne Presse, ohne Versammlungsfreiheit, ohne Sowjets, trotz der ungeheuren Feindseligkeit aller Bevölkerungsklassen ...einen Aufstand ... begonnen. Wir aber, die wir Dutzende von Zeitungen, die wir Versammlungsfreiheit haben, über die Mehrheit in den Sowjets verfügen, wir, die bestgestellten proletarischen Internationalisten in der ganzen Welt, wir sollen darauf verzichten, die deutschen Revolutionäre durch unseren Aufstand zu unterstützen.'". Kerenski fuhr fort: "Die Organisatoren des Aufstandes erkennen also ausdrücklich an, daß wir jetzt die vollkommensten Bedingungen für die Freiheit des Handelns für jede politische Partei haben, in diesem Rußland, das von einer Provisorischen Regierung regiert wird, an deren Spitze nach der Meinung dieser Partei ,ein Usurpator steht, ein Mann der sich an die Bourgeoisie verkauft hat', mit einem Wort - der Ministerpräsident Kerenski ... ...Die Organisatoren des Aufstandes kommen nicht dem deutschen Proletariat zu Hilfe, sondern den deutschen herrschenden Klassen, und sie öffnen die russische Front den Eisenfäusten Wilhelms und seiner Freunde ... Für die Provisorische Regierung ist es gleichgültig, was für Motive diese Leute leiten, ob sie bewußt handeln oder unbewußt. In vollem Bewußtsein nenne ich dieses Vorgehen einer russischen politischen Partei den Verrat an Rußland! Ich stelle mich entschieden auf den Rechtsstandpunkt und fordere die sofortige Einleitung einer Untersuchung und die Vornahme der notwendigen Verhaftungen" (Stürmische Unterbrechungen auf der Linken.) "Hören Sie mir zu" - rief er mit mächtiger Stimme - "in dem Moment, da bewußter oder unbewußter Verrat die Sicherheit des Staates gefährdet, sind die Mitglieder der Provisorischen Regierung -und ich mit ihnen - entschlossen, eher zu sterben, als das Leben, die Ehre und Unabhängigkeit Rußlands zu verraten."

In diesem Augenblick wurde Kerenski ein Flugblatt gereicht. "soeben erhalte ich den Befehl, den sie an die Regimenter verteilen. Hören Sie den Inhalt." Er liest: ",Der Petrograder Sowjet ist bedroht. Wir befehlen die sofortige kriegsmäßige Mobilisierung der Regimenter. Sie haben sich bereit zu halten und neue Befehle abzuwarten. Jede Verzögerung oder Verweigerung dieses Befehls wird als Verrat an der russischen Revolution gewertet. Das Revolutionäre Militärkomitee. Für den Vorsitzenden, Podwoiski. Der Sekretär, Antonow.'

Das ist wahrlich ein Versuch, den Pöbel gegen die bestehende Ordnung aufzuwiegeln, die Konstituierende Versammlung zu vereiteln und den mit der eisernen Faust Wilhelms zusammengeschweißten Regimentern die russische Front zu öffnen. Ich sage absichtlich ,Pöbel', weil die bewußte Demokratie und ihr Zentralexekutivkomitee der Sowjets, weil alle Armeeorganisationen, alles, worauf das freie Rußland stolz ist und stolz sein darf, die Vernunft, die Ehre und das Gewissen der großen russischen Demokratie, gegen dergleichen protestieren. Ich bin nicht hierhergekommen, um zu bitten, sondern um meiner festen Überzeugung Ausdruck zu geben, daß die unsere junge Freiheit verteidigende Provisorische Regierung - daß der neue, einer herrlichen Zukunft entgegengehende russische Staat die einmütige Unterstützung aller finden wird, mit Ausnahme höchstens jener, die nie gewagt haben, der Wahrheit ins Antlitz zu schauen ...

...Die Provisorische Regierung hat niemals die Freiheit der Staatsbürger, von ihren politischen Rechten Gebrauch zu machen, angetastet ... Jetzt aber, in dieser Stunde, erklärt die Provisorische Regierung: Jene Gruppen und Parteien, die es gewagt haben, ihre Hand gegen den freien Willen des russischen Volkes zu erheben, und die damit drohen, die Front den Deutschen zu öffnen, müssen mit Entschlossenheit liquidiert werden. Möge Petrograds Bevölkerung wissen, daß sie eine feste Gewalt finden wird. Vielleicht werden noch in letzter Stunde Vernunft, Bewußtsein und Ehre in dem Herzen derer den Sieg davontragen, die sie noch nicht völlig verloren haben...."

Während dieser ganzen Rede herrschte in dem Saal ohrenbetäubender Lärm. Nachdem der Ministerpräsident geendet und blassen Gesichts und von Schweiß durchnäßt mit seinem Offiziersgefolge den Saal verlassen hatte, traten die Redner der Linken und des Zentrums auf, einer nach dem andern heftige Angriffe gegen die vor Wut schäumende Rechte schleudernd. Sogar die Sozialrevolutionäre, durch den Mund von Goz: "Die Politik der Bolschewiki ist gewiß demagogisch und verbrecherisch, sie beutet die Unzufriedenheit der Volksmassen aus. Aber es gibt eine ganze Reihe Forderungen der Volksmassen, die bis heute noch nicht erfüllt sind ... die Frage des Friedens, die Landfrage und die Frage der Demokratisierung der Armee sollten in einer Wiese gestellt werden, daß kein Soldat, Bauer oder Arbeiter den geringsten Zweifel hätte, daß die Regierung fest und unerschütterlich daran arbeitet, alle diese Fragen zu lösen ... Wir und die Menschewiki denken nicht daran, eine Regierungskrise herbeizuführen, und wir sind bereit, die Provisorische Regierung mit unserer ganzen Energie zu verteidigen, bis zu unserm letzten Blutstropfen - wenn nur die Provisorische Regierung auf alle diese brennenden Fragen die klaren und präzisen Worte finden wird, die das Volk mit Ungeduld erwartet..."

Dann Martow, empört: "Die Worte des Ministerpräsidenten, der sich erlaubte, vom Pöbel zu sprechen gegenüber einer Bewegung von, wenn auch irregeleiteten Teilen des Proletariats und der Armee, sind eine einzige Aufforderung zum Bürgerkrieg."Die Abstimmung ergab die Annahme der von der Linken vorgeschlagenen Tagesordnung. Das bedeutete praktisch ein Mißtrauensvotum.

"1. Die seit einigen Tagen vorbereitete bewaffnete Demonstration hat den Staatsstreich zum Ziel, sie droht den Bürgerkrieg zu provozieren, sie schafft Bedingungen, die Pogrome und die Konterrevolution sowie die Mobilisierung konterrevolutionärer Kräfte, wie der Schwarzhunderter, begünstigen; sie wird die Einberufung der Konstituierenden Versammlung unmöglich machen, wird eine militärische Katastrophe, den Untergang der Revolution herbeiführen, sie wird das ökonomische Leben des Landes lähmen und Rußland zugrunde richten.

2. Die Bedingungen, die diese Agitation begünstigen, wurden durch die Verzögerung dringender Maßnahmen wie durch objektive Bedingungen geschaffen, die der Krieg und die allgemeine Unordnung verursachten. Es ist daher vor allem notwendig, sofort ein Dekret zu erlassen, das das Land den bäuerlichen Bodenkomitees übergibt; in den Fragen der Außenpolitik ist ein energisches Vorgehen vonnöten, indem den Alliierten der Vorschlag gemacht wird, ihre Friedensbedingungen bekanntzugeben und Friedensverhandlungen zu beginnen.

3. Zum Kampf gegen die anarchistischen Manifestationen und Pogrome ist es unerläßlich, sofort Maßnahmen zu ergreifen, um diese Bestrebungen zu unterdrücken, und zu diesem Zwecke in Petrograd ein Komitee für öffentliche Sicherheit zu schaffen, das aus Vertretern der Stadtverwaltung und den Organen der revolutionären Demokratie zusammengesetzt ist und im Einvernehmen mit der Provisorischen Regierung handelt..."

Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre stimmten dieser Resolution zu. Kerenski ließ Awxentjew zum Winterpalast kommen, um von ihm zu hören, wie die Abstimmung gemeint war. Für den Fall, daß es ein Mißtrauensvotum sein sollte, bat er Awxentjew, die Bildung eines neuen Kabinetts in die Hand zu nehmen. Dan, Goz und Awxentjew spielten hier ihre Kompromißlerrolle zum letzten Male. Sie erklärten Kerenski, daß die Abstimmung nicht als eine Kritik der Regierung gedacht war.

An der Ecke der Morskaja und des Newski hielten Trupps von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett sämtliche passierenden Privatautomobile an, setzten die Insassen auf die Straße und dirigierten die Wagen nach dem Winterpalast. Eine große Menschenmenge hatte sich angesammelt und sah dabei zu. Niemand wußte, zu wem die Soldaten gehörten, ob es Regierungstruppen waren oder Truppen des Revolutionären Militärkomitees. Die gleichen Vorgänge spielten sich vor der Kasaner Kathedrale ab. Hier wurden die Wagen den Newski hinaufdirigiert. Fünf oder sechs Matrosen kamen daher, mit Gewehren bewaffnet, Übermütig lachend, und begannen eine Unterhaltung mit zwei von den Soldaten. An den Mützen hatten sie Bänder mit den Namen der Zwei führenden bolschewistischen Kreuzer "Aurora" und "Sarja Swobody" (Morgenröte der Freiheit.) Ich hörte, wie einer von ihnen sagte: "Die Kronstädter kommen." Das war dasselbe, als wenn 1792 in den Straßen von Paris jemand gesagt hätte: "Die Marseiller kommen." In Kronstadt befanden sich fünfundzwanzigtausend Matrosen, alles überzeugte Bolschewiki, die den Tod nicht scheuten. "Rabotschi i Soldat" war eben heraus, die ganze Vorderseite füllte eine Proklamation:

" S o l d a t e n ! A r b e i t e r ! B ü r g e r !

Die Volksfeinde sind in der Acht zum Angriff übergegangen. Die zum Stab gehörenden Kornilowanhänger versuchen, aus der Umgebung Offiziersschüler und Stoßbataillone zusammenzuziehen. Die Offiziersschüler von Oranienbaum und die Angehörigen des Stoßbataillons in Zarskoje Selo haben sich geweigert auszurücken. Man plant einen verräterischen Anschlag gegen den Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten ...Das Vorgehen der konterrevolutionären Verschwörer richtet sich gegen den Gesamtrussischen Sowjetkongreß am Vorabend seiner Eröffnung, gegen die Konstituierende Versammlung, gegen das Volk. Der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten steht für die Revolution auf der Wacht. Das Revolutionäre Militärkomitee leitet den Widerstand gegen den Ansturm der Verschwörer. Die gesamte Garnison und das gesamte Proletariat von Petrograd sind bereit, Den Volksfeinden einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Das Revolutionäre Militärkomitee ordnet an:

1. Alle Regiments-, Kompanie- und Mannschaftskomitees mit den Kommissaren des Sowjets und alle revolutionären Organisationen müssen in Permanenz tagen und alle Nachrichten über die Pläne und Aktionen der Verschwörer in ihren Händen konzentrieren.

2. Kein Soldat darf ohne Genehmigung des Komitees seine Einheit verlassen.

3. Es sind unverzüglich zwei Vertreter Einheit und je fünf Vertreter aller Bezirkssowjets in das Smolny - Institut zu entsenden.

4. Alle Aktionen der Verschwörer sind unverzüglich dem Smolny - Institut zu melden.

5. Alle Mitglieder des Petrograder Sowjets und alle Delegierten des Gesamtrussischen Sowjetkongresses werden aufgefordert, sofort zu einer außerordentlichen Sitzung im Smolny zu erscheinen.

Die Konterrevolution hat ihr verbrecherisches Haupt erhoben. Allen Errungenschaften und Hoffnungen der Soldaten, Arbeiter und Bauern droht große Gefahr. Aber die Kräfte der Revolution sind den Kräften ihrer Gegner unermeßlich überlegen. Die Sache des Volkes ist in festen Händen Die Verschwörer werden vernichtet. Keine Schwankungen, keine Zweifel! Festigkeit, Standhaftigkeit, Ausdauer und Entschlossenheit sind vonnöten. Es lebe die Revolution!

Das Revolutionäre Militärkomitee

Im Smolny tagte ununterbrochen der Petrograder Sowjet. Die Delegierten waren zum Umfallen müde, sie schliefen während der Tagung ein, um sich dann plötzlich wieder aufzuraffen und erneut an der Debatte teilzunehmen. Trotzki, Kamenew, Wolodarski sprachen sechs, acht und zwölf Stunden am Tag. In dem im ersten Stock gelegenen Zimmer Nr. 18 hielten die bolschewistischen Delegierten ihre Besprechungen. Eine rauhe Stimme - den Redner selbst konnte ich in der Menge nicht sehen - sagte: "Die Kompromißler meinen, wir seien isoliert. Laßt euch nichts einreden. Wenn es losgehen wird, werden wir sie mit uns mitreißen, und wenn sie nicht wollen, dann werden sie selber ihre Anhänger verlieren und isoliert dastehen." Ein Blatt Papier in die Höhe haltend, rief er: "Da seht, sie kommen schon. Soeben ist ein schreiben der Menschewiki und Sozialrevolutionäre eingelaufen, in dem diese erklären, daß sie unsere Aktion zwar verurteilen, daß sie sich aber der Sache des Proletariats nicht widersetzen wollen, falls die Regierung uns angreift." (Jubelnder Beifall.)

Als der Abend kam, füllte sich der große Saal mit Soldaten und Arbeitern. Das Zentralexekutivkomitee der Sowjets hatte sich endlich entschlossen, die Delegierten des neuen Sowjetkongresses offiziell zu empfangen, obwohl dieser Kongreß seinen Sturz und möglicherweise den Zusammenbruch der von ihm errichteten Ordnung bedeutete. Indessen hatten in dieser Versammlung nur die Mitglieder des Zentralexekutivkomitees Stimmrecht. Es war schon Mitternacht, als Goz die Versammlung eröffnete und Dan unter allgemeiner Spannung und bedrohlicher Stille das Wort ergriff: "Tragische Stunden sind es, die wir durchleben. Vor den Toren Petrograds steht der Feind, und während die demokratischen Mächte bemüht sind, die Verteidigung zu organisieren, erwarten uns blutige Kämpfe in den Straßen Petrograds selbst, droht der Hunger nicht nur unsere einheitliche Regierung, sondern die Revolution zu vernichten. Die Massen sind krank und erschöpft. Die Revolution interessiert sie nicht. Schlagen die Bolschewiki los, so wird dies das Ende der Revolution sein....(Zurufe: "Das ist eine Lüge.") "die Konterrevolution wartet nur darauf, um gleichzeitig mit den Bolschewiki den Aufruhr ins Land zu tragen und ein großes Blutbad anzurichten. Kommt es zu bewaffneten Demonstrationen, dann ade, Konstituierende Versammlung!" (Zurufe: "Lügner! Schämen Sie sich!")

"Es ist unerträglich, daß die Petrograder Garnison sich den Befehlen des Stabes nicht unterordnet ... Ihr müßt den Befehlen des Stabes und des von euch gewählten Zentralexekutivkomitees gehorchen. Alle Macht den Sowjets - das würde den Tod bedeuten! Räuber und Diebe warten nur auf den Augenblick, wo sie ungehindert plündern und mordbrennen können ... Die Parole ,Hinein in die Häuser, nehmt euch die Stiefel und Kleider der Bourgeoisie' ..." (Tumult. Rufe: "Niemals wurde eine solche Parole ausgegeben. Lüge! Lüge!) "Nun, es mag in anderer Weise beginnen, das Ende würde aber bestimmt so sein! Das Zentralexekutivkomitee hat absolute Vollmacht, zu handeln ... Wir fürchtenden Kampf nicht ... Das Zentralexekutivkomitee wird die Revolution bis zum letzten Blutstropfen verteidigen..." (Rufe: "Es ist ja selbst schon lange tot!") Wilder, anhaltender Tumult, den Dan, mit der Faust aufs Pult schlagend, mit aller Kraft zu überschreien versucht: "Die dazu auffordern, begehen ein Verbrechen!" Eine Stimme: "Das Verbrechen begingt ihr, als ihr die Macht nahmt und sie an die Bourgeoisie ausliefertet!" Goz, heftig die Präsidentenglocke schwingend: "Ruhe, oder ich lasse Sie hinaussetzen!" Die Stimme: "Das versuchen Sie nur!" (Beifall und Zischen.)

"Nun zu unserer Politik in der Frage des Friedens." (Gelächter.) "Leider kann Rußland die Fortsetzung des Krieges nicht unterstützen. Der Friede wird geschlossen werden, aber nicht ein dauernder Friede - nicht ein demokratischer Friede ... Wir haben heute im Rate der Russischen Republik, um Blutvergießen zu vermeiden, eine Tagesordnung angenommen, die die Übergabe des Bodens an die Bodenkomitees und sofortige Friedensverhandlungen fordert...." (Gelächter und Rufe: "Zu spät!")

Dann bestieg, von minutenlangem tosendem Beifallssturm begrüßt, für die Bolschewiki Trotzki die Tribüne. Mit boshafter Ironie: "Dans Taktik zeigt in der Tat, daß die Massen - die großen, stumpfen, indifferenten Massen - mit ihm sind." (Große Heiterkeit.) Zum Präsidenten gewendet, dramatisch: "Als wir erklärten, daß das Land den Bauern gegeben werden müsse, da waren Sie dagegen. Wir sagten den Bauern: ,Wenn sie euch das Land nicht geben wollen, nehmt es euch selbst.' Die Bauern sind unserm Rat gefolgt, und jetzt wollen Sie sich einsetzen für Dinge, die wir vor sechs Monaten schon taten. Kerenskis neuer Befehl über die Aufhebung der Todesstrafe in der Armee ist ihm nicht von seinen eigenen Idealen diktiert worden. Es war die Petrograder Garnison, die ihn überzeugte, indem sie sich weigerte, ihm weiter zu gehorchen. Heute beschuldigt man Dan, er habe im Rat der Russischen Republik eine Rede gehalten, die ihn als heimlichen Bolschewiken entlarvt ...

Es wird de Tag kommen, wo Dan selbst sagen wird, daß am Aufstand vom 16. bis 18. Juli die Elite der Revolution teilgenommen habe ... In Dans heutiger Resolution im Rat der Russischen Republik war nicht mehr die Rede davon, daß die Disziplin in der Armee erhöht werden muß, obwohl die Propaganda seiner Partei dies mit Nachdruck fordert. Die Geschichte der letzten sieben Monate zeigt, daß die Massen den Menschewiki nicht mehr folgen. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre besiegten die Kadetten; aber als sie die Macht erobert hatten, haben sie sie an die Kadetten ausgeliefert. Dan meint, ihr hättet kein Recht, einen Aufstand zu machen. Nun, ich sage euch: Die Revolte ist das Recht aller Revolutionäre. Wenn sich die niedergedrückten Massen erheben, so ist das ihr Recht."

Auf Trotzki folgte Liber, mit Ach-Rufen und ironischem Lachen empfangen: "Marx und Engels haben gesagt, daß das Proletariat kein Recht habe, die Macht zu ergreifen, solange es nicht reif ist. In einer bürgerlichen Revolution, wie die jetzige eine ist, bedeutet die Machtergreifung durch das Proletariat das tragische Ende der Revolution. Trotzki muß als sozialdemokratischer Theoretiker selbst bekämpfen, was er hier verteidigt."

(Rufe: "Schluß! Herunter mit ihm!") Der nächste war Martow, durch fortgesetzte Zwischenrufe unterbrochen: "Die Internationalisten sind nicht gegen die Übergabe der Macht an die Demokratie; aber sie verwerfen die Methoden der Bolschewiki. Der jetzige Moment ist für die Machtergreifung nicht geeignet."

Wieder ergriff Dan das Wort, heftig protestierend gegen das Vorgehen des Revolutionären Militärkomitees, das einen Kommissar in die Redaktion der "Iswestija" entsandt hatte, der die Zeitung zensieren sollte. Allgemeine wilde Erregung, in der Martow vergebens versuchte, sich Gehör zu verschaffen. Im ganzen Saal hatten sich die Delegierten der Armee und der Baltischen Flotte von ihren Sitzen erhoben und schrien, daß ihre Regierung der Sowjet sei. Inmitten dieser Konfusion wurde von Erlich ( Sozialrevolutionär) [Hier irrte John Reed: Erlich war ein Führer der Menschewiki. Anm.d. Schreibkraft] eine Resolution eingebracht, die 1. Die Arbeiter und Soldaten beschwor, die Ruhe zu bewahren und den Aufforderungen zu Demonstrationen keine Folge zu leisten, 2. Die sofortige Bildung eines Sicherheitsausschusses für notwendig erklärte und 3. Die sofortige Einbringung eines Gesetzes für die Übergabe des Landes an die Bauern und die unverzügliche Einleitung von Friedensverhandlungen verlangte. Da aber sprang Wolodarski von seinem Platz auf und erklärte schroff, daß am Vorabend des Sowjetkongresses das Zentralexekutivkomitee nicht befugt sei, sich die Funktionen dieses Kongresses anzumaßen. Das Komitee sei in Wirklichkeit erledigt und die Resolution nur ein Trick, ihm die entglittene Macht wieder in die Hände zu spielen. "Wir werden", sagte er, "uns an dieser Abstimmung nicht beteiligen." Die Bolschewiki verließen hierauf den Saal, und die Resolution wurde angenommen. Gegen vier Uhr früh traf ich in der Vorhalle Sorin mit einem Gewehr. "Wir marschieren", sagte er ernst, aber augenscheinlich befriedigt. "Wir haben den Vizejustizminister und den Kulturminister festgesetzt; sie sind unten im Keller. Ein Regiment ist weg, um die Telefonzentrale zu besetzen, ein anderes ist zur Telegrafenagentur und ein drittes zur Staatsbank. Auch die Rote Garde ist unterwegs." Als wir auf die Treppe hinaustraten, sahen wir die Rote Garde vorbeiziehen: junge Burschen in Arbeitskleidung, mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten, aufgeregt miteinander sprechend. Plötzlich, die Stille unterbrechend, ertönte westwärts fernes Gewehrfeuer. Das waren die Offiziersschüler, die die Zugbrücken der Newa zu öffnen versuchten, um den Arbeitern und Soldaten des Wiborgviertels die Vereinigung mit den Sowjetkräften im Zentrum der Stadt unmöglich zu machen. Die Kronstädter Matrosen waren jetzt dabei, sie wieder zu schließen. Hinter uns lag der Smolny, hell erleuchtet und summend wie ein riesiger Bienenkorb.

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IV DER STURZ DER PROVISORISCHEN REGIERUNG

Mittwoch, 7. November. Ich hatte mich sehr spät erhoben. Vom Peter - Paul schlug bereits die Mittagsglocke, als ich den Newski hinunterschritt. Der Tag war kalt und ungemütlich. Vor den geschlossenen Türen der Staatsbank standen Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett. "Wozu gehört ihr?" fragte ich, "zur Regierung?" "Die Regierung ist futsch. Slawa Bogu" (Gott sei Dank). Das war alles was ich herausbekam. Die Straßenbahnen fuhren wie gewöhnlich, nicht nur innen überfüllt, sondern auch außen behangen mit Männern, Frauen und kleinen Jungen, die sich anklammerten, wo nur ein Plätzchen sich fand. Die Läden waren geöffnet, und die Straßen schienen sogar weniger unruhig als am Abend vorher. Die Mauern der Häuser waren in der Nacht mit unzähligen gegen den Aufstand gerichteten Appellen beklebt - an die Bauern, an die Frontsoldaten, an die Petrograder Arbeiter. Einer lautete wie folgt:

" V o n d e r P e t r o g r a d e r S t a d t d u m a !

Die Stadtduma bringt den Bürgern zur Kenntnis, daß sie in einer außerordentlichen Sitzung vom 6. November ein Komitee für die öffentliche Sicherheit gebildet hat, das sich zusammensetzt aus Mitgliedern der Zentralduma und den Stadtbezirksdumas sowie aus Vertretern der folgenden revolutionären demokratischen Organisationen: Zentralexekutivkomitee der Sowjets, Gesamtrussisches Exekutivkomitee der Bauerndeputierten, die Armeeorganisationen, Zentroflot, Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten (!), Gewerkschaftsrat u. a. Zu erreichen sind die Mitglieder des Komitees für öffentliche Sicherheit im Haus der Stadtduma. Telefon Nr.15-40, 223-77, 138-36. 7. November1917"

Dies war (mir wurde das erst später klar) die Kriegserklärung der Duma an die Bolschewiki. Ich kaufte eine Nummer des "Rabotschi Put", wie es schien die einzige Zeitung, die zu haben war, und etwas später, aus zweiter Hand, von einem Soldaten, für fünfzig Kopeken ein Exemplar des "Den". Das in Großformat in der beschlagnahmten Druckerei der "Russkaja Wolja" hergestellte Blatt der Bolschewiki enthielt auf der Vorderseite in großen Lettern die Parolen: "Alle Macht den Sowjets der Arbeiter, Soldaten und Bauern! Friede, Land, Brot!" Der Leitartikel war von Sinowjew gezeichnet, der sich, wie Lenin, verborgen halten mußte. Er begann: "Jeder Soldat und jeder Arbeiter, jeder wahre Sozialist und jeder ehrliche Demokrat begreift, daß es heute nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder - die Macht verbleibt in den Händen der Bourgeoisie und der Gutsbesitzer, das hieße: Unterdrückung der revolutionären Arbeiter, Soldaten und Bauern, Fortsetzung des Krieges, unvermeidliche Hunger und Tod ...,oder die revolutionären Arbeiter, Soldaten und Bauern übernehmen die Macht, das wäre die völlige Zerschmetterung der Gutsbesitzertyrannei, die Niederlage der Kapitalisten, sofortiger Vorschlag eines gerechten Friedens. Die Bauern würden das Land erhalten, die Arbeiter die Kontrolle über die Industrie, die Hungernden Brot, der wahnsinnige Krieg ginge zu Ende!"

Der "Den" enthielt - allerdings sehr unvollständige - Nachrichten über die Ereignisse der letzten bewegten Nacht: Besetzung der Telefonzentrale, der Telegrafenagentur und des Baltischen Bahnhofs durch die Bolschewiki; die Offiziersschüler von Peterhof außerstande, nach Petrograd zu kommen; die Kosaken unentschlossen; Verhaftung einiger Minister; Erschießung Mejers, des Chefs der Stadtmiliz. Verhaftungen, Gegenverhaftungen; Handgemenge zwischen Soldaten, Offiziersschülern und Rotgardisten! An der Ecke der Morskaja traf ich den Hauptmann Gomberg, Sekretär der Militärsektion der menschewistischen Sozialpatrioten. Auf meine Frage, ob der Aufstand wirklich stattgefunden habe, zuckte ermüde die Achseln. "Tschort snajet" (Weiß der Teufel.) "Vielleicht gelingt es den Bolschewiki in der Tat die Macht an sich zu reißen; aber sie werden sie keine drei Tage halten können. Es fehlen ihnen die Männer, die fähig wären, die Regierungsgeschäfte zu führen. Vielleicht ist es ganz gut, sie den Versuch machen zu lassen. Sie werden um so schneller abwirtschaften..." Das Militärhotel an der Ecke des St. Isaak - Platzes war von bewaffneten Matrosen umstellt. In der Hotelhalle waren viele elegante junge Offiziere, aufgeregt auf und ab gehend oder miteinander flüsternd. Die Matrosen ließen niemand heraus. Plötzlich ein Gewehrschuß, darauf das Geknatter einer ganzen Salve. Ich rannte hinaus. Am Marienpalast, dem Sitz des Rates der Russischen Republik, schien sich etwas ereignet zu haben. Quer über den weiten Platz waren in langen Reihen Soldaten mit schußbereiten Gewehren aufmarschiert und starrten zu Dach des Gebäudes empor. "Provokazia! Auf uns wurde geschossen!" schrie einer, während ein anderer zur Tür lief. An der Westecke des Palastes stand ein Panzerauto, rotbeflaggt und mit roten, noch frischen Schriftzeichen: "SRSD" (Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten). Seine Geschütze waren auf den St.-Isaaks-Platz gerichtet. Am Ausgang der Nowaja Uliza erhob sich, die Passage versperrend, eine Barrikade aus Kisten, Fässern, einer alten Matratze, einem umgestürzten Wagen. Am Ende des Moika- Ufers lag, denn Zugang hindernd, ein großer Haufen geschnittenen Holzes. Auch entlang der ganzen Häuserfront waren Holzklötze, die von einem in der Nachbarschaft lagernden Stapel stammten, zu einer Brustwehr aufgeschichtet. "Erwarten Sie denn hier Kämpfe?" fragte ich. "Das wird bald losgehen", antwortete aufgeregt ein Soldat. "Gehen Sie weg, Genosse, sonst werden Sie zu Schaden kommen. Sie müssen von dort drüben kommen." Dabei zeigte er in Richtung der Admiralität. "Wer muß kommen?" "Das kann ich nicht sagen, Brüderchen", antwortete er und spuckte aus.

Vor dem Tore des Palastes eine Ansammlung von Matrosen und Soldaten, denen ein Matrose von dem Ende des Rates der Russischen Republik erzählte: "Wir gingen hinein, postierten an allen Ausgängen unsere Genossen, und dann ging ich zu dem den Vorsitz führenden Konterrevolutionär hin und sagte einfach: ,Schluß mit dem Rat. Geht schnell nach Hause.'" Die Umstehenden lachten. Alle möglichen Ausweispapiere schwingend, gelang es mir, bis zur Tür der Pressegalerie vorzudringen. Dort aber hielt mich ein riesiger Matrose an, der, als ich ihm meinen Ausweis zeigte, lächelnd sagte: "Lieber Genosse, wenn Sie St. Michael selber wären, könnten Sie doch nicht passieren." Durch die Scheiben der Tür bemerkte ich das wutverzerrte Gesicht und die gestikulierenden Arme eines dort eingeschlossenen französischen Korrespondenten .....

Nicht weit entfernt stand, von einem Haufen Soldaten umringt, ein kleiner graubärtiger Mann in der Uniform eines Generals, mit vor Erregung hochrotem Gesicht. "Ich bin General Alexejew", schrie er, "als Ihr vorgesetzter Offizier und Mitglied des Rates der Russischen Republik fordere ich Sie auf, mich passieren zu lassen." Der Posten kratzte sich den Kopf, im unklaren, was er machen sollte. Er rief einen sich nähernden Offizier heran, der sehr aufgeregt wurde, als er sah, wen er vor sich hatte, und stramm militärisch grüßte, noch ehe er begriff, was er tat. "Exzellenz", stammelte er in der unter dem alten Regime üblichen Manier, "der Zutritt zum Palast ist strikt untersagt, und ich habe keine Befugnis-." Ein Automobil kam vorüber. Ich erkannte den im Wagen sitzenden Goz, der die Situation anscheinend sehr belustigend fand und laut lachte. Dann ein zweites Auto, auf dem Vordersitz bewaffnete Soldaten, im Wageninnern verhaftete Mitglieder der Provisorischen Regierung. Plötzlich sah ich Peters, ein lettisches Mitglied des Revolutionären Militärkomitees, über den Platz gelaufen kommen. "Ich denke, Sie hatten alle diese Herrschaften schon gestern abend festgesetzt", sagte ich, auf das Auto weisend. "Ach", antwortete er mit einer unzufriedenen Grimasse, "diese Dummköpfe haben die meisten wieder laufen lassen, noch ehe wir uns klargeworden waren, was wir eigentlich wollten...." Den Woskressenski- Prospekt hinunter waren gewaltige Scharen Matrosen aufmarschiert, dahinter, soweit das Auge reichte, Soldaten. Wir gingen durch den Admiraltejski- Prospekt zum Winterpalast. Sämtliche Zugänge zum Schloßplatz waren von Wachen besetzt, die niemand passieren ließen, und quer über den ganzen westlichen Teil des Platzes zog sich ein Truppenkordon, von einem Haufen aufgeregter Bürger umlagert. Mit Ausnahme einiger weiter entfernter Soldaten, die aus dem Schloßhof Holz zu holen schienen, um es an der Vorderseite zu einer Art Brustwehr aufzustapeln, war alles ruhig. Es war nicht möglich, herauszubekommen, ob die Wachen zur Regierung gehörten oder zu den Sowjets. Unsere im Smolny ausgestellten Passierscheine nützten uns indessen nichts, und so näherten wir uns der Linie von einer anderen Seite, zeigten mit wichtiger Miene unsere amerikanischen Pässe vor, erklärten, daß wir in "amtlichen Geschäften!" kämen und - schlüpften durch. An der Tür nahmen uns die gleichen alten Palastdiener in ihren mit gelben Messingknöpfen besetzten Uniformen mit rot- und goldverziertem Kragen höflich unsere Hüte und Mäntel ab, und wir gingen nach oben. In den dunklen, trüben, ihrer Wandverkleidung beraubten Korridoren lungerten einige alte Diener herum, und vor Kerenskis Tür schritt ein junger Offizier auf und nieder, seinen Schnurrbart kauend. Wir fragten, ob wir den Ministerpräsidenten sprechen könnten. Er verbeugte sich höflich und schlug die Hacken zusammen.

"Nein, ich bedauere", sagte er auf französisch. "Alexander Fjodorowitsch ist sehr beschäftigt..." Er musterte uns einen Moment und fügte hinzu: "Er ist gar nicht hier..." "Wo ist er denn?" "Er ist zur Front gefahren. Wissen Sie, er hatte nicht einmal genügend Brennstoff für sein Auto, wir waren daher gezwungen, die Hilfe des englischen Hospitals in Anspruch zu nehmen." "Sind die Minister hier?" "Die tagen hier in irgendeinem Raum. Wo, weiß ich nicht." "Was meinen Sie, werden die Bolschewiki kommen?" "Gewiß, die kommen sicher, Ich erwarte jede Minute die telefonische Meldung, daß sie anrücken. Wir sind jedoch bereit. Wir haben die Offiziersschüler hier. In der Vorderseite des Palastes. Dort, durch diese Tür." "Können wir dort hinein?" "Nein, gewiß nicht. Das ist nicht gestattet." Hastig schüttelte er uns allen die Hand und ging davon. Wir wandten uns der verbotenen Tür zu, die durch eine den Saal teilende provisorische Wand führte und von außen verschlossen war. Von der anderen Seite hörten wir Stimmen. Irgendwer lachte. Sonst Grabesstille in den weiten Räumen des alten Palastes. Ein alter Diener kam herbeigelaufen. "Aber nicht doch, Barin, da können Sie nicht hinein." "Warum ist die Tür verschlossen?" "Um die Soldaten festzuhalten", versetzte er, und einige Minuten später etwas von "Tee holen wollen" murmelnd, ging er nach dem hinteren Teil des Saals davon. Wir öffneten die Tür. Unmittelbar vor uns standen ein paar Wachen, die indes nichts sagten. Am Ende des Korridors war ein großer geschmückter Raum mit vergoldeter Deckenverzierung und riesigen Kristallkronleuchtern und dahinter mehrere kleine Zimmer mit dunkler Holztäfelung. Auf dem Parkettboden lagen zu beiden Seiten lange Reihen schmutziger Matratzen und Decken, auf denen sich faul Soldaten rekelten. Überall war ein wüstes Durcheinander von Zigarettenenden, Brotresten, Kleidungsstücken und leeren Weinflaschen. In der schier unerträglichen Atmosphäre von Tabaksqualm und ungewaschenen Menschenmassen kamen immer mehr Soldaten zum Vorschein, mit den roten Achselstücken der Offiziersschulen. Einer hatte eine Flasche weißen Burgunders, die offenbar aus den Kellereien des Palastes stammte. Sie sahen uns verwundert nach, als wir so von Raum zu Raum wanderten, bis wir zu einer Reihe mächtiger Staatssalons kamen, deren lange schmutzige Fensterreihen nach dem Schloßplatz blickten. Die Wände bedeckten riesige Gemälde in massiven Goldrahmen, Schlachtenszenen aus der russischen Geschichte: "12. Oktober 1812" und "6. November 1812" und "16.-28. August 1813". Eines der Bilder war an der rechten oberen Ecke beschädigt. Das ganze war - nach dem Zustand der Wände und des Fußbodens zu urteilen - offenbar schon seit Wochen eine einzige große Kaserne. Auf den Fensterbänken sah ich schußfertige Maschinengewehre, zwischen den Lagerstätten Gewehrpyramiden. In die Betrachtung der Bilder versunken, fühlte ich plötzlich zu meiner Linken einen intensiven Alkoholdunst. Dann eine Stimme in hartem, aber fließendem Französisch: "Ah, die Herrschaften sind Ausländer. Ihre Art, die Bilder zu bewundern, sagt mir das." Ein kleiner, gedunsener Mensch, der, als er die Mütze lüftete, einen kahlen Kopf zeigte. "Amerikaner? Sehr erfreut. Ich bin Stabshauptmann Wladimir Arzybaschew. Ganz zu ihren Diensten." Er schien absolut nicht verwundert, daß vier Ausländer, darunter eine Frau, die Kampfstellungen einer Armee durchwandern, die jeden Augenblick den Angriff erwartet. Er beklagte den Zustand Rußlands. "Wenn es nur die Bolschewiki wären". Sagte er. "aber die ganze glänzende Tradition der russischen Armee ist niedergebrochen. Blicken Sie um sich. Die Leute, die Sie hier sehen, sind alles Offiziersschüler, Anwärter für die Offizierslaufbahn. Aber haben sie das Aussehen von Gentlemen? Kerenski hat die Offiziersschulen allen geöffnet, auch dem einfachen Soldaten, sofern er nur ein Examen zu machen in der Lage war. Natürlich sind nun sehr, sehr viele von der Revolution angesteckt..." Ohne Umstände wechselte er das Thema. "Ich möchte lieber heute als morgen Rußland verlassen. Ich habe mich entschlossen, zur amerikanischen Armee zu gehen. Wollen Sie das bitte bei ihrem Konsul in die Wege leiten? Ich gebe ihnen meine Adresse." Da half kein Protest; er schrieb sie auf ein stück Papier, und gleich schien ihm leichter ums Herz zu sein. Ich habe sie heute noch: "2. Offiziersschule Oranienbaum, Alter Petershof". "Wir hatten heute morgen Parade", fuhr er fort, während er uns durch die Zimmer führte. "Das Frauenbataillon hat beschlossen, zur Regierung zu halten." "Ist das Frauenbataillon im Palast?" "Ja, in den hinteren Räumen. Dort ist es in Sicherheit, wenn es zu Kämpfen kommen sollte." Seufzend: "Die Verantwortung ist groß." Wir standen einen Augenblick am Fenster und blickten auf den Platz vor dem Palast hinunter, wo drei Kompanien Offiziersschüler in langen Mänteln und bewaffnet aufmarschiert waren. Ein hochgewachsener, energisch blickender Offizier, in dem ich Stankewitsch, den Chef des Militärkommissariats der Provisorischen Regierung erkannte, sprach zu ihnen. Nach einigen Minuten schulterten zwei der Kompanien ihre Gewehre, stießen drei scharfe Hurras aus und marschierten über den Platz durchs Rote Tor der Stadt zu. "Sie wollen die Telefonzentrale besetzen", sagte irgendjemand. Drei Kadetten standen neben uns, und wir kamen ins Gespräch. Sie erzählten, sie seien aus den Reihen der einfachen Soldaten in die Schule gekommen, und nannten uns ihre Namen: Robert Olew, Alexej Wassilenko und Erni Sachs, ein Este. Aber jetzt wollten sie nicht mehr Offizier werden, weil die Offiziere sehr unbeliebt seien. Sie wußten anscheinend nicht recht, was sie tun sollten. Fest stand jedenfalls, daß sie nicht sehr glücklich waren.

Bald aber fingen sie an, große Reden zu führen. "Wenn die Bolschewiki kommen, werden wir ihnen zeigen, was kämpfen heißt. Die wagen es ja nicht. Das sind doch alles Feiglinge. Wenn wir aber doch überwältigt werden sollten, nun ja, dann behält jeder eine Patrone für sich selbst..." Da plötzlich in nicht allzu weiter Entfernung Gewehrfeuer. Draußen auf dem Platze begannen die Leute zu rennen und warfen sich flach auf den Boden. Die an den Ecken haltenden Droschken rasten davon. Auch im Palast war allgemeine Aufregung, Soldaten liefen wild durcheinander, ihre Gewehre und Patronengürtel greifend und schreiend: "Sie kommen, sie kommen!"... Nach einigen Minuten war alles wieder ruhig. Die Droschken kamen zurück, und die am Boden liegenden Leute erhoben sich. Durchs Rote Tor kamen die Offiziersschüler gezogen, nicht mehr ganz im Schritt marschierend, einer von ihnen auf zwei Kameraden gestützt. Wir verließen den Palast ziemlich spät. Am Platze waren die Wachen verschwunden. Das weite Halbrund der Regierungsgebäude lag wie ausgestorben. Wir gingen in das Hotel France, um zu essen. Wir waren noch bei der Suppe, als der Kellner mit todblassem Gesicht hereinkam und uns aufforderte, für den Rest des essens in den Hauptspeisesaal im hinteren teil des Hauses zu kommen, weil die Lichter ausgemacht werden sollten. "Es wird eine große Schießerei geben", sagte er. Als wir wieder an der Morskaja anlangten, herrschte tiefe Dunkelheit. Nur an der Ecke des Newski flackerten ein paar Straßenlaternen. Darunter stand ein großer Panzerwagen mit laufendem Motor, der schwarze Rauchwolken ausstieß. Ein kleiner Junge war daran hochgeklettert und starrte in den Lauf eines Maschinengewehrs. Überall standen Matrosen und Soldaten, offenbar auf irgend etwas wartend. Wir gingen zum Roten Tor zurück. Auch dort war ein Haufe von Soldaten versammelt, zu den hellerleuchteten Fenstern des Winterpalastes hinaufstarrend und laut miteinander redend.

"Aber nein, Genossen!" hörte ich einen sagen. "Wir können unmöglich schießen. Das Frauenbataillon ist drinnen. Man würde sagen, wir schössen auf russische Frauen." Am Newski kam wieder ein Panzerauto um die Ecke gebogen, und ein Mann schrie, seinen Kopf aus dem Türmchen heraussteckend: "Los, hinüber und angegriffen!" Der Führer eines anderen Autos kam heran und schrie, den Lärm des arbeitenden Motor übertönend: "Das Komitee sagt, wir sollen warten. Die haben da Artillerie hinter ihren Holzstapeln..." Straßenbahnen fuhren hier nicht, man sah kaum einen Fußgänger, die Laternen waren gelöscht. Ein paar Straßen weiter jedoch ging das Leben seinen gewohnten Gang: überfüllte Straßenbahnen, auf und nieder wogende Menschenmassen, erleuchtete Schaufenster, die Reklamezeichen der Lichtspieltheater. Wir hatten Einlaßkarten für das Ballett des Marientheaters - alle Theater waren geöffnet -; wir fanden es jedoch draußen interessanter.... In der Dunkelheit bahnten wir uns mühsam unseren Weg über Haufen geschnittenen Holzes, die den Zugang zur Polizeibrücke versperrte, und sahen vor dem Stroganowpalast einige Soldaten, beschäftigt, ein Dreizollfeldgeschütz in Stellung zu bringen. Soldaten in den allerverschiedensten Uniformen liefen ziellos hin und her, unablässig redend... Den Newski hinab promenierten unübersehbare Menschenmassen. Die ganze Stadt war offenbar unterwegs. An jeder Straßenecke Ansammlungen und hitzige Debatten. Wachposten standen an den Kreuzungen, jeweils ein Dutzend Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett.; rotgesichtige alte Männer in kostbaren Pelzmänteln drohten ihnen mit der Faust, elegant gekleidete Frauen kreischten Verwünschungen. Die Soldaten lächelten verlegen, gaben ausweichende Antworten... Panzerwagen fuhren die Straße auf und ab. Sie trugen die Namen der alten Zaren - Oleg, Rurik, Swjatoslaw - und in riesengroßen Buchstaben aufgemalt die Aufschrift "RSDRP" (Rossiskaja Sozial- Demokratitscheskaja Rabotschaja Partija - Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands). Am Michailowski erschien ein Mann, den Arm voller Zeitungen, und war sofort umringt von einer wütenden Menge, die, einen Rubel, fünf und zehn Rubel bietend, sich um die Zeitungen raufte. Es war "Rabotschi i Soldat", ein vierseitiges Blättchen in kleinem Format und Riesenlettern, das den Sieg der proletarischen Revolution und die Befreiung der noch immer in den Kerkern schmachtenden Bolschewiki ankündigte und die Truppen der Front zur Verteidigung der Revolution aufforderte. Im übrigen enthielt das Blatt nichts wesentlich Neues... An der Ecke der Sadowaja waren über zweitausend Menschen versammelt und starrten zum Dach eines hohen Gebäudes empor, wo ab und zu ein kleiner roter Funke aufglühte. "Seht!" sagte ein hochgewachsener Bauer hinaufzeigend. "Ein Provokateur. Gleich wird er auf die Leute schießen..." Anscheinend dachte niemand daran, den Vorgang zu untersuchen.

Wir waren am Smolny, dessen massige Fassade ganz in Licht getaucht war. Aus dem Dämmer der angrenzenden Straßen ergossen sich endlose Scharen dunkler Gestalten. Ein unaufhörliches An- und Abfahren von Automobilen und Motorrädern. Aus dem Torweg ratterte ein riesiges elefantenfarbenes Panzerauto mit zwei vom Turm flatternden roten Fahnen. Es war kalt, und die am äußeren Tor postierten Rotgardisten hatten ein Feuer angezündet. Auch am Innentor war ein Feuer, bei dessen flackerndem Schein die Wachen schwerfällig unsere Ausweise durchbuchstabierten und uns von oben bis unten musterten. Von den zu beiden Seiten des Torweges aufgestellten vier Maschinengewehren waren die Segeltuchdecken abgenommen, und von den Bodenstücken hingen die Patronengurte herab. Unter den Bäumen im Hofe stand eine dunkle Herde Panzerautos mit ratterndem Motor. Die endlos langen, kahlen, fast dunklen Korridore hallten wider von dem dumpfen Getöse marschierender Füße, von Rufen und Schreien. Aus dem Treppenhaus wälzte sich eine dunkle Menge: Arbeiter in Blusen und runden schwarzen Pelzmützen, die meisten mit Gewehren bewaffnet; Soldaten in rauhen, erdfarbenen Mänteln und grauen, flachgedrückten Pelzmützen; dann und wann ein Führer - Lunatscharski, Kamenew - inmitten dahineilender, aufgeregt redender Gruppen, mit abgespannten besorgten Gesichtern, riesige Aktenbündel unter dem Arm. Die außerordentliche Sitzung des Petrograder Sowjets war eben vorüber. Ich hielt Kamenew an, einen beweglichen Mann mit breitem, lebhaften Gesicht und kurzem gedrungenem Hals. Ohne Umstände zu machen , las er mir in fließendem Französisch die eben angenommene Resolution vor: "Der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten begrüßt die siegreiche Revolution des Proletariats und der Garnison Petrograds. Der Sowjet hebt insbesondere die Geschlossenheit, Organisiertheit und Disziplin sowie die völlige Einmütigkeit hervor, die die Massen bei diesem außergewöhnlich unblutigen und außergewöhnlich erfolgreichen Aufstand an den Tag gelegt haben. Der Sowjet bringt seine unerschütterliche Überzeugung zum Ausdruck, daß die Arbeiter-und-Bauern-Regierung, die von der Revolution als Sowjetregierung geschaffen wird und die dem städtischen Proletariat die Unterstützung seitens der ganzen Masse der armen Bauernschaft sichert, unbeirrt zum Sozialismus schreiten wird, dem einzigen Mittel zur Rettung des Landes vor den unsagbaren Leiden und Schrecken des Krieges. Die neue Arbeiter-und-Bauern-Regierung wird sofort allen kriegführenden Völkern einen gerechten demokratischen Frieden anbieten. Sie wird sofort das Eigentum der Gutsbesitzer an Grund und Boden aufheben und den Boden den Bauern übergeben. Sie wird die Arbeiterkontrolle über die Produktion und Verteilung der Produkte sowie die allgemeine Kontrolle des Volkes über die Banken einführen und diese gleichzeitig in ein einziges Staatsunternehmen verwandeln. Der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten fordert alle Arbeiter und die gesamte Bauernschaft auf, die Arbeiter- und Bauernrevolution mit aller Energie und Hingabe zu unterstützen. Der Sowjet bringt seine Überzeugung zum Ausdruck, daß die städtischen Arbeiter im Bunde mit der armen Bauernschaft eine unbeugsame kameradschaftliche Disziplin an den Tag legen und die straffste revolutionäre Ordnung schaffen werden, die für den Sieg des Sozialismus notwendig ist. Der Sowjet ist überzeugt, daß das Proletariat der westeuropäischen Länder uns helfen wird, die Sache des Sozialismus zum vollen und dauernden Siege zu führen." "Dann meinen Sie also gesiegt zu haben?" Er zuckte die Schultern. "Vorläufig haben wir noch schrecklich viel zu tun. Wir stehen erst am Anfang." Auf der Treppe traf ich Rjasanow, den stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaften, der finster blickend an seinem grauen Bart kaute. "Verrückt! Total verrückt!" schrie er. "Die europäischen Arbeiter denken gar nicht daran, zu marschieren. Das ganze Rußland..." Er hob den Arm zu einer zerstreuten Geste und rannte davon. Rjasanow und Kamenew hatten beide gegen den Aufstand gesprochen und waren von Lenin scharf zurechtgewiesen worden. Es war eine bedeutsame Sitzung gewesen. Im Namen des Revolutionären Militärkomitees hatte Trotzki das Ende der Provisorischen Regierung verkündet. "Die Eigentümlichkeit bürgerlicher Regierungen ist, daß sie das Volk betrügen. Wir, die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerdeputierten, sind im Begriff, ein Experiment zu machen, das in der Geschichte nicht seinesgleichen hat. Wir gehen daran, eine Regierung zu bilden, die kein anderes Ziel kennen wird als das Wohlergehen der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernmassen."

Lenin war erschienen. Von ungeheurem Beifallssturm begrüßt, sagte er die siegreiche Erhebung des Proletariats in der ganzen Welt voraus.

Sinowjew: "Das russische Proletariat hat mit dem heutigen Tage seine Schuld gegenüber dem internationalen Proletariat beglichen. Wir haben einen fürchterlichen Schlag gegen den Krieg geführt, einen tödlichen Schlag gegen alle Imperialisten und gegen den Henker Wilhelm im besonderen."

Dann hatte Trotzki mitgeteilt, daß man die Front von dem Sieg der Revolution in Kenntnis gesetzt habe, daß aber bisher keine Antwort eingetroffen sei. Gegen Petrograd seien vielmehr Truppen in Anmarsch, und man müsse an diese eine Delegation entsenden, um ihnen die Wahrheit mitzuteilen. Rufe. "Ihr greift dem Willen des Gesamtrussischen Sowjetkongresses vor!" Was Trotzki zu der kühlen Bemerkung veranlaßte: "Es ist der Aufstand der Petrograder Arbeiter und Soldaten, der dem Sowjetkongreß vorgegriffen hat." Wir hatten Mühe, uns durch die lärmenden Massen hindurchzuzwängen, die den Eingang des großen Sitzungssaales belagerten. In qualvoller Enge saßen hier auf ihren Sitzen, auf allen Fensterbänken, auf dem Rand der Tribüne die Vertreter der Arbeiter und Soldaten ganz Rußlands. Die einen in betretenem Schweigen, die anderen wild erregt, erwarteten sie das Glockenzeichen des Präsidenten. Der Saal war nicht geheizt, aber die ungewaschenen Menschenleiber verbreiteten eine stickige Hitze. Über der Masse hing, schwer und atembeklemmend, stinkiger Zigarettenqualm. Dann und wann stieg jemand auf die Tribüne und forderte die Versammlung auf, das Rauchen einzustellen, worauf alle - die Raucher nicht ausgenommen - in den Ruf einstimmten: "Nicht rauchen, nicht rauchen!" und unentwegt weiterqualmten. Ich fand einen Platz neben Petrowski, einem anarchistischen Delegierten aus dem Obuchow - Werk, der, unrasiert und schmutzig, sich vor Müdigkeit kaum aufrecht halten konnte. Er hatte drei Nächte hindurch, ohne zu schlafen, im Revolutionären Militärkomitee gearbeitet. Auf der Tribüne die Führer des alten Zentralexekutivkomitees - zum letztenmal saßen sie über den Sowjets, die sie vom ersten Tag an beherrscht und die sich nun gegen sie erhoben hatten. Die erste Etappe der russischen Revolution, die in ruhige Bahnen zu lenken sie sich so große Mühe gegeben hatten, war zu Ende. Ihre drei bedeutendsten Vertreter fehlten in der Versammlung. Kerenski auf der Flucht zur Front durch ein in Aufruhr geratenes Land. Der alte Adler Tscheidse, der sich in grimmiger Verachtung in seine georgischen Berge zurückgezogen hatte und dort an Schwindsucht darniederlag. Völlig geknickt sogar der immer optimistische Zereteli, aber doch entschlossen, zu erscheinen, um mit seiner glühenden Beredsamkeit für die verlorene Sache zu streiten. Goz war da. Neben ihm Dan, Liber, Bogdanow, Broido, Filippowski, bleich, hohläugig, schäumend vor Wut. Ihnen zu füßen kocht und brodelt die Masse der Delegierten des Zweiten Gesamtrussischen Sowjetkongresses, über ihren Häuptern arbeitete das Revolutionäre Militärkomitee bis zur Weißglut. Hier laufen alle Fäden des Aufstandes zusammen, hier ist der starke Arm der überall zupackt. Es war 10:40 abends.

Dan - ein magerer Mann mit sanftem Gesicht, in schlechtsitzender Uniform eines Militärarztes - gab das Glockenzeichen. Plötzlich gespannte Stille, die nur durch das Zanken und Streiten der Leute an der Tür unterbrochen wurde. "Die Macht ist in unseren Händen", begann er, hielt einen Moment inne und fuhr mit leiser Stimme fort: "Genossen! Der Kongreß tritt unter so ungewöhnlichen Umständen und in einem so außerordentlichen Moment zusammen, daß Sie es verstehen werden, warum das Zentralexekutivkomitee es für unnötig erachtet, sich mit einer politischen Rede an Sie zu wenden. Das wird ihnen umso klarer werden, wenn Sie daran denken, daß ich ein Mitglied des Zentralexekutivkomitees bin und daß in diesem Moment im Winterpalast unsere Parteigenossen beschossen werden, die pflichttreu nur die Aufgaben erfüllen, die das Zentralexekutivkomitee ihnen aufgetragen hat," (Bewegung). "Ich erkläre die erste Sitzung des Zweiten Gesamtrussischen Sowjetkongresses der Arbeiter- und Soldatendeputierten für eröffnet!"

Die Wahl des Präsidiums erfolgte unter allgemeiner Unruhe. Awanessow gab bekannt, daß die Bolschewiki, die linken Sozialrevolutionäre und die Menschewiki - Internationalisten sich auf eine proportionelle Besetzung des Präsidiums geeinigt hätten. Einige Menschewiki protestierten. Ein bärtiger Soldat rief ihnen zu: "Denkt daran, wie ihr mit uns Bolschewiki verfuhrt, als wir in der Minderheit waren!" Resultat: 14 Bolschewiki, 7 Sozialrevolutionäre, 3 Menschewiki und 1 Internationalist (Gorki -Gruppe). Gendelman erklärte für den rechten Flügel und das Zentrum der Sozialrevolutionäre, daß sie es ablehnten, in das Präsidium einzutreten; dieselbe Erklärung gab Chintschuk im Namen der Menschewiki ab; die Menschewiki -Internationalisten erklärten, daß sie bis zur Prüfung gewisser Umstände am Präsidium nicht teilnehmen könnten. Vereinzelter Beifall und Zischen. Eine Stimme: "Renegaten, und ihr nennt euch Sozialisten!" Ein Vertreter der ukrainischen Delegation verlangte einen Sitz, der ihm zugebilligt wurde. Die Männer des alten Zentralexekutivkomitees verließen die Tribüne. An ihre Stelle traten Trotzki, Kamenew, Lunatscharski, Frau Kollontai, Nogin. Im ganzen Saal stürmischer Beifall. Der Aufstieg der Bolschewiki war ungeheuer. Von der verachteten und gehetzten Sekte noch vor kaum vier Monaten, bis zu ihrer jetzigen Stellung als Führer des großen, in vollem Aufstand begriffenen Rußlands. Kamenew machte die Tagesordnung bekannt: 1. Übernahme der Macht, 2. Krieg und Friede, 3. Konstituierende Versammlung. Losowski erhob sich und teilte der Versammlung mit, daß sämtliche Fraktionen des Büros sich einig geworden waren, dem Kongreß vorzuschlagen, den Bericht des Petrograder Sowjets entgegenzunehmen und zu diskutieren, darauf den Mitgliedern des Zentralexekutivkomitees der Sowjets sowie den Vertretern der verschiedenen politischen Parteien das Wort zu geben und dann erst zur Tagesordnung überzugehen. Da plötzlich ein ganz neuer Ton, tiefer als der Tumult der Menge, andauernd, beunruhigend - die scharfen Einschläge von Kanonen. Alles blickte ängstlich nach den Fenstern, fieberhaft erregt. Martow, sich zu Wort meldend, schrie heiser: "Das ist der beginnende Bürgerkrieg, Genosse! Die allererste Frage muß sein: Wie können wir diese Krise friedlich überwinden? Wir müssen sofort prinzipiell und von einem politischen Standpunkt aus die Mittel und Wege diskutieren, durch die der Bürgerkrieg vermieden werden kann. In den Straßen erschießt man unsere Brüder. In diesem Moment, da noch vor der Eröffnung des Sowjetkongresses eine der revolutionären Parteien den Versuch macht, die Frage der macht durch eine militärische Verschwörung zu entscheiden..." (hier wurde seine Stimme einen Moment lang von rasenden Tumulten übertönt). "Es ist die Pflicht aller revolutionären Parteien, sich die Tatsachen vor Augen zu führen. Die erste dem Kongreß vorliegende Frage ist die Frage der Macht, und diese Frage wird eben in den Straßen mittels der Gewalt der Waffen entschieden.... Wir müssen eine Macht schaffen, die von der gesamten Demokratie anerkannt wird. Wenn der Kongreß die Stimme der revolutionären Demokratie sein will, so darf er nicht mit gefalteten Händen dasitzen angesichts des sich entwickelnden Bürgerkrieges, den wir mit dem gefährliche Ausbruch der Konterrevolution bezahlen werden... Die Möglichkeit einer friedlichen Lösung liegt allein in der Errichtung einer gemeinsamen demokratischen Gewalt... Wir müssen eine Delegation wählen, um mit den andern sozialistischen Parteien und Organisationen zu verhandeln..." Und währenddem unaufhörlich das taktfeste dumpfe Dröhnen der Kanonen. Die Delegierten aufeinander einschreiend... So, unter dem krachen der Geschütze, in dunkler Nacht ´, mit Haß, Furcht und sorglosem Wagen, kam das neue Rußland zur Welt. Martows Vorschlag fand die Zustimmung der linken Sozialrevolutionäre und der vereinigten Sozialdemokraten und wurde angenommen. Ein Soldat teilte mit, daß der Gesamtrussische Bauernsowjet es abgelehnt habe, Delegierte zum Kongreß zu entsenden; er schlug vor, ein Komitee zu ihnen zu senden, das sie formell einladen sollte. "Einige Delegierte sind hier anwesend", sagte er. "Ich stelle den Antrag, daß man ihnen Stimmrecht gibt." Das wurde angenommen.

Charrasch, in der Uniform eines Hauptmanns, ergriff hitzig das Wort: "Die politischen Heuchler, die diesen Kongreß beherrschen, erzählen uns, wir seien hier, um die Frage der Macht zu entscheiden. Dabei wird diese Frage hinter unserm Rücken, noch ehe der Kongreß seine Arbeiten begonnen hat, erledigt. Die Schläge, die in diesem Moment auf den Winterpalast niederfallen, nageln den Sarg einer der politischen Partei, die diese Abenteuer gewagt hat!" (Toben.) Ihm folgte Garra: Während wir hier Friedensvorschläge diskutieren, schlägt man sich in den Straßen. Die Sozialrevolutionäre und Menschewiki lehnen jede Verantwortung für die jetzigen Vorgänge ab, und sie fordern alle öffentlichen Gewalten zum entschiedenen Widerstand gegen jeden auf die gewaltsame Eroberung der Macht gerichteten Versuch auf." Kutschin, Delegierter der Zwölften Armee und Vertreter der Trudowiki: " Ich bin hier nur zur Information. Ich kehre jetzt zur Front zurück, deren sämtliche Armeekomitees die Übernahme der Macht durch die Sowjets, knapp drei Wochen vor dem Zusammentritt der Konstituierenden Versammlung, als einen Dolchstoß in den Rücken der Armee und als ein Verbrechen gegen das Volk betrachten." Lärm und Rufe: "Lügner!" Als man ihn wieder hört: "Laßt uns Schluß machen mit diesem Petrograder Abenteuer! Ich fordere alle Delegierten auf, den Saal zu verlassen, um das Land und die Revolution zu retten." Ohrenbetäubender Lärm. Einige der Delegierten dringen drohend auf den die Tribüne verlassenden Redner ein. Dann sprach Chintschuk, ein Offizier mit langem braunen Knebelbart, verbindlich und überzeugend: "Ich rede im Namen der Delegierten von der Front. Die Armee ist auf diesem Kongreß unvollkommen vertreten, die Armee erachtet den Sowjetkongreß in diesem Moment für überflüssig angesichts der Tatsache, daß es nur noch drei Wochen bis zur Eröffnung der Konstituierenden Versammlung sind" -Zurufe und Lärm, der immer heftiger anwuchs. "Die Armee bestreitet dem Sowjetkongreß jede Autorität!" - Die Soldaten begannen sich im ganzen Saal zu erheben. "Für wen sprechen Sie? Wen vertreten Sie?" riefen sie. "Das Zentralexekutivkomitee der Sowjets der Fünften Armee, das Zweite F-Regiment, das Erste N-Regiment, die Dritten S-Schützen..." "Wann sind Sie gewählt worden? Sie vertreten die Offiziere, nicht die Soldaten! Was sagen die Soldaten darüber?" Beifall und toben. "Wir Frontsoldaten lehnen jede Verantwortung ab für alles, was geschehen ist und was noch geschieht, und wir halten es für notwendig, alle selbstbewußten revolutionären Kräfte für die Rettung der Revolution zu mobilisieren! Die Frontsoldaten werden den Kongreß verlassen....Kämpfen muß man draußen auf der Straße!" Wilder Lärm. "Sie reden für den Stab - nicht für die Armee!" "Ich fordere alle pflichtbewußten Soldaten auf, diesen Kongreß zu verlassen!"

"Kornilowbandit! Konterrevolutionär! Provokateur!" wurde ihm zugerufen. Für die Menschewiki erklärte Chintschuk, daß sie die einzige Möglichkeit für eine friedliche Lösung in der Einleitung von Verhandlungen mit der Provisorischen Regierung über die Bildung eines neuen Kabinetts sähen, das sich auf alle Klassen der Gesellschaft zu stützen hätte. Minutenlang war er außerstande, weiterzusprechen. Mit fast zum Schreien gesteigerter Stimme verlas er dann die menschewistische Erklärung: "Die von den Bolschewiki mit Hilfe des Petrograder Sowjets ohne Konsultation der übrigen Fraktionen und Parteien angezettelte militärische Verschwörung macht es uns unmöglich, an dem Kongreß teilzunehmen. Wir ziehen unsere Delegationen darum zurück. Die anderen Gruppen fordern wir auf, unserem Beispiel zu folgen und in einer Besprechung zur Lage Stellung zu nehmen." "Deserteur!" schallte es zu ihm hinauf. Wildes, fast ununterbrochenes toben, in dem der Sozialrevolutionär Gendelman nur zeitweilig zu hören war, als er gegen die Beschießung des Winterpalastes protestierte. "Wir sind entschieden gegen diese Art Anarchie." Er hatte kaum geendet, da schwang sich blitzenden Auges ein junger Soldat mit magerem Gesicht auf die Tribüne, mit einer Handbewegung Ruhe heischend. "Genossen!" rief er, und der Lärm legte sich: "Ich heiße Peterson. Ich spreche für die Zweiten Lettischen Schützen. Ihr habt die Ausführungen der Vertreter der Armeekomitees gehört. Diese Ausführungen würden einen Wert haben, wenn die Männer, die sie machten, berechtigt wären, sich die Vertreter der Armee zu nennen." (Stürmischer Beifall.) "Aber sie sind nicht die Vertreter der Soldaten." Mit erhobener Faust: "Seit langem schon fordert die Zwölfte Armee die Neuwahl des Sowjets und des Armeekomitees. Aber wie euer Zentralexekutivkomitee hat auch unser Komitee es abgelehnt, die Vertreter der Massen bis Ende September zusammenzuberufen, sodaß die Reaktionäre die Möglichkeit hatten, ihre eigenen falschen Delegierten zu diesem Kongreß zu entsenden. Laßt euch sagen, was die Meinung der lettischen Soldaten schon seit langem ist: Keine papiernen Resolutionen, keine Reden mehr, sondern taten! Wir müssen die Macht in unsere Hände nehmen! Mögen die falschen Delegierten nur den Kongreß verlassen. Die Armee ist nicht mit ihnen." Beifallssturm durchraste den Saal. In den ersten Augenblicken der Tagung, durch die sich überstürzenden Ereignisse betäubt und geängstigt durch den Kanonendonner, hatten die Delegierten geschwankt. Wohl eine Stunde lang waren Hammerschlag auf Hammerschlag von der Rednertribüne herniedergesaust, sie zwar zusammenschweißend, aber auch niederdrückend. Standen sie wirklich allein? Erhob sich Rußland gegen sie? War es wahr, daß die Armee gegen Petrograd marschierte? Dann war dieser hellhäutige junge Soldat gekommen und hatte gesprochen, und mit einemmal war ihnen die Wahrheit offenbar. Das war die Stimme der Soldaten. Die Millionen der Arbeiter und Bauern im Soldatenrock waren Männer wie sie, die fühlten und dachten wie sie. Weitere Soldaten... Gsheltschak, für die Frontdelegierten, teilte mit, daß nur eine kleine Mehrheit von ihnen den Beschluß gefaßt habe, den Kongreß zu verlassen, und daß die bolschewistischen Mitglieder an der Abstimmung nicht einmal teilgenommen hätten. "Hunderte von Frontdelegierten", erklärte er, "wurden ohne Teilnahme der Soldaten gewählt, weil die Armeekomitees aufgehört haben, die wirklichen Vertreter der Soldatenmassen zu sein..." Ein anderer, Lukjanow, rief, daß Offiziere, wie Charrasch und Chintschuk, nicht berechtigt seien, die Armee auf diesem Kongreß zu vertreten - sie vertreten allein das Oberkommando. "Die wirklichen Bewohner der Schützengräben wünschen aufrichtig den Übergang der Macht in die Hände der Sowjets, und sie erhoffen sich davon sehr viel!" Das Blatt wendete sich. Dann sprach Abramowitsch für den "Bund", das Organ der jüdischen Sozialdemokraten - mit funkelnden Augen hinter dicken Brillengläsern, schäumend vor Wut: "Was hier in Petrograd vor sich geht, ist schändlich! Die Vertreter des Bundes schließen sich der Erklärung der Menschewiki und Sozialrevolutionäre an und werden den Kongreß verlassen." Mit lauter Stimme und erhobener Faust: "Unsere Pflicht gegenüber dem russischen Proletariat gestattet es uns nicht, hier zu bleiben und die Verantwortung für diese verbrechen zu übernehmen. Da die Beschießung des Winterpalastes nicht aufhört, hat die Stadtduma zusammen mit den Menschewiki und Sozialrevolutionären und dem Exekutivkomitee des Bauernsowjets den Beschluß gefaßt, mit der Provisorischen Regierung unterzugehen, und wir werden uns jetzt zu ihnen begeben! Unbewaffnet werden wir unsere Brust den Maschinengewehren der Terroristen darbieten....Wir fordern alle Delegierten dieses Kongresses auf..." (der Rest ging in einem Sturm von zurufen und Drohungen unter, die sich zu einem Höllenlärm steigerten, als fünfzig Delegierte aufstanden und den Kongreßsaal verließen...).

Kamenew schwang die Glocke: "Sitzen bleiben! Wir fahren in unseren Geschäften fort!" Und dann Trotzki, mit blassem, hartem Gesicht, voller Verachtung, mit schneidender Stimme: "Mögen sie gehen, die Sozialkompromißler, diese Menschewiki, Sozialrevolutionäre, diese Herrschaften vom ,Bund'. Was sind sie anderes wert, als auf den Kehrichthaufen der Geschichte gefegt zu werden!" Rjasanow stellte im Namen der Bolschewiki fest, daß auf Ersuchen der Stadtduma das Revolutionäre Militärkomitee eine Delegation nach dem Winterpalast geschickt habe, um Verhandlungen anzubieten. "Wir haben alles getan, was in unseren Kräften stand, um Blutvergießen zu verhindern..." Wir eilten hinweg, blieben aber doch eine Moment lang vor dem Zimmer stehen, in dem in fieberhafter Eile das Revolutionäre Militärkomitee arbeitete. Keuchend kamen und gingen Kuriere. Nach allen Richtungen der Stadt eilten Kommissare davon, ausgerüstet mit Vollmacht über Leben und Tod der Bürger. Die Tür öffnete sich. Eine Wolke verbrauchter Luft und Zigarettenqualms drang heraus. Drinnen, beim Schein einer abgeblendeten elektrischen Lampe, beugten sich aufgelöste Gesichter über eine große Karte. Genosse Josefow -Duchwinski, ein lächelnder junger Bursche mit hellblondem Haarschopf, stellte uns Passierscheine aus. Als wir in die kalte Nacht hinaustraten, fanden wir die Frontseite des Smolny in einen riesigen Park ankommender und abfahrender Automobile verwandelt, deren Lärm von dumpfen Kanonenschüssen übertönt wurde, die in gemessenen abständen aufeinander folgten. Vom Dröhnen seines Motors geschüttelt, stand dort ein großes Lastauto. Männer mit Gewehren verstauten mächtige Bündel, die ihnen von unten zugeworfen wurden. "Wohin fahren Sie?" schrie ich hinauf. "Überall hin! Durch die ganze Stadt!" antwortete frohlockend ein kleiner Arbeiter. Wir zeigten unsere Passierscheine. "Fahren Sie mit uns!" luden Sie uns ein. "Aber es wird vielleicht geschossen werden!" Wir kletterten hinauf. Knarrend ging der Hebel herum. Der Wagen ruckte vorwärts, und wir fielen nach hinten auf die noch während des Fahrens Nachkletternden. Vorbei ging es an dem inneren, dann an dem äußeren Tor des Smolny, mit den riesigen Feuern, die einen roten Schein über die Gesichter der herumstehenden bewaffneten Arbeiter gossen, in immer schnellerem Tempo den Suworowski- Prospekt entlang. Ein Genosse riß von einem Bündel die Umhüllung ab und begann Händevoll Zeitungen aus dem Wagen hinauszuwerfen. Wir taten es ihm nach, auf diese Weise einen dicken Schweif flatternder weißer Blätter hinter uns herziehend, während wir durch die dunklen Straßen ratterten. Verspätete Passanten bückten sich nach den Blättern, um sie aufzuheben, und von den Wachtfeuern an den Straßenecken liefen die Wachen herbei, bemüht, die in der Luft herumflatternden Blätter mit ihren Bajonetten aufzufangen. Dann und wann tauchten aus dem Dunkel Bewaffnete auf, hoben das Gewehr und riefen "Stoi". Aber unser Fahrer rief ihnen etwas Unverständliches zu und wir rasten weiter. Bei dem Scheine der vorbeihuschenden Straßenlaternen las ich eines der Blätter:

" A n d i e B ü r g e r R u ß l a n d s !

Die Provisorische Regierung ist gestürzt. Die Staatsmacht ist in die Hände des Organs des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, des Revolutionären Militärkomitees, übergegangen, das an der Spitze des Petrograder Proletariats und der Petrograder Garnison steht. Die Sache, für die das Volk gekämpft hat: das sofortige Angebot eines demokratischen Friedens, die Aufhebung des Eigentums der Gutsbesitzer an Grund und Boden, die Arbeiterkontrolle über die Produktion, die Bildung einer Sowjetregierung - diese Sache ist gesichert.

Es lebe die Revolution der Arbeiter, Soldaten und Bauern!

 

Das Revolutionäre Militärkomitee

 

des Petrograder Sowjets

 

der Arbeiter- und Soldatendeputierten"

 

Ein neben mir sitzender schlitzäugiger Mann mit einem Mongolengesicht, in einen kaukasischen Mantel aus Ziegenfell gehüllt, warnte: "Vorsicht! Hier sind die Fenster aus denen die Provokateure geschossen haben." Wir bogen an dem dunkel und fast menschenleer daliegenden Snamenskiplatz ein, und dann ging es den breiten Newski hinunter, während drei unserer Genossen mit schußbereitem Gewehr die Fenster im Auge behielten. Hinter uns eilten Menschen, sich nach unseren Blättern bückend. Kanonendonner war nicht mehr zu hören, und je mehr wir uns dem Viertel des Winterpalastes näherten, um so stiller und menschenleerer wurden die Straßen. Die Stadtduma war hell erleuchtet. Weiter hinten sahen wir eine dunkle Volksmasse. Matrosen, die eine Kette bildeten, schrien uns ein wütendes Halt zu. Unser Motor stoppte, und wir kletterten hinunter. Eine erstaunliche Szene bot sich uns dar. An der Ecke des Jekaterina- Kanals, unter einer Bogenlampe, zog sich ein Kordon bewaffneter Matrosen quer über den Newski und versperrte einem in Viererreihen marschierenden Zug den Weg. Es mochten drei- oder vierhundert Menschen sein, Männer in Fräcken, elegant gekleidete Frauen, Offiziere. Unter ihnen erkannten wir viele Delegierte vom Kongreß, Führer der Menschewiki und Sozialrevolutionäre: Awxentjew, der rotbärtige Vorsitzende des Bauernsowjets, Sorokin, Kerenskis Sprecher, Chintschuk, Abramowitsch. An der Spitze marschierte weißbärtig der alte Schrejder, der Bürgermeister von Petrograd, und Prokopowitsch, der Ernährungsminister in der Provisorischen Regierung, den man am Morgen verhaftet, aber wieder freigelassen hatte. Ich sah Malkin, den Berichterstatter der "Russian Daily News". " Wir gehen zum Winterpalast, um zu sterben", rief er, anscheinend ganz vergnügt. Der Zug stockte, aber von der Spitze kam lautes Streiten. Schrejder und Prokopowitsch redeten auf den langen Matrosen ein, der das Kommando zu haben schien. "Wir verlangen, durchgelassen zu werden!" schrien sie. "Diese Genossen kommen aus dem Sowjetkongreß! Schaut ihre Mandate an! Wir wollen zum Winterpalast!" Der Matrose schien im unklaren zu sein, was er tun sollte. Er kratzte sich den Kopf: "ich habe ausdrücklich Befehl vom Komitee, niemand zum Winterpalast zu lassen", brummte er. "Ich will aber einen Kameraden schicken, damit er beim Smolny antelefoniert..." "Wir bestehen darauf, durchgelassen zu werden! Wir sind ohne Waffen! Wir werden gehen, ob Sie es erlauben oder nicht!" schrie der alte Schrejder, der sehr aufgeregt war. "Ich habe Befehl...", wiederholte der Matrose verdrießlich. "Schießt auf uns, wenn ihr wollt! Wir werden trotzdem gehen! Vorwärts!" - kam es von allen Seiten. "Wir sind bereit zu sterben, wenn ihr den Mut habt, auf Russen und auf Genossen zu schießen! Wir bieten unsere Brust euren Gewehren dar!" "Nein", sagte der Matrose mürrisch, "ich kann nicht gestatten, daß Sie weitergehen." "Was werden sie tun, wenn wir doch gehen? Werden Sie schießen?" "Nein, ich schieße nicht auf Menschen, die keine Gewehre haben. Wir werden unbewaffnete Russen nicht niederschießen..."

 

"Wir gehen weiter. Wie wollen Sie uns aufhalten?" "Wir werden Sie schon irgendwie aufhalten", antwortete der Matrose, der anscheinend nicht mehr weiter wußte. "Wir dürfen Sie nicht durchlassen. Etwas werden wir schon tun." "Was werden Sie tun, was?" Ein anderer Matrose kam jetzt heran, aufs höchste aufgebracht.

 

"Wir werden euch das Fell versohlen!" schrie er grob. "Und wenn nötig, werden wir euch zusammenschießen. Jetzt marsch nach Hause und laßt uns in Frieden!" Wütender Lärm und Schimpfen war die Antwort. Prokopowitsch war auf eine Art Kiste gestiegen, und seinen Regenschirm schwingend, hielt er eine Rede. "Genossen und Bürger!" - sagte er. "Gegen uns wird grobe Gewalt angewandt!... Wir können unser unschuldiges Blut nicht der Gewalt dieser dummen Menschen ausliefern...Es ist unter unserer Würde, uns hier auf der Straße von Weichenstellern niederschießen zu lassen..." (Was er mit "Weichenstellern" meinte, ist mir ein Rätsel geblieben.) "Laßt uns zur Duma zurückkehren und beraten, wie man das Land und die Revolution am Besten retten kann!" Worauf der Zug in würdevollem Schweigen umschwenkte und zum Newski zurückmarschierte, immer in Viererreihen . Wir nützten die allgemeine Verwirrung aus, um an dem posten vorbeizuschlüpfen und in der Richtung des Winterpalastes weiterzugehen. Hier war alles dunkel, nichts regte sich außer den Posten der Soldaten und Rotgardisten. Der Kasaner Kathedrale gegenüber lag ein dreizölliges Feldgeschütz in der Mitte der Straße, vom Rückschlag des letzten Schusses herumgeschleudert. In jedem Torweg standen Soldaten, die sich leise unterhielten und zur Polizeibrücke hinunterlugten. Jemand sagte: "Vielleicht haben wir Unrecht getan..." An den Ecken hielten Patrouillen alle Vorübergehenden an. Die Zusammensetzung dieser Patrouillen war interessant. Das Kommando über die regulären Truppen hatte immer ein Rotgardist....Das Schießen hatte aufgehört. Gerade als wir die Morskaja erreichten, hörten wir jemand schreien: "Die Offiziersschüler lassen sagen, wir möchten nur kommen und sie herausholen." Kommandorufe wurden laut, und in der Dämmerung sahen wir, wie die Masse sich vorwärts schob. Man hörte nichts als Schritte und das Klirren der Waffen. Wir schlossen uns den ersten Reihen an. Einem schwarzen Strome gleich die ganze Breite der Straße füllend, ohne Gesang, ohne Rufen, fluteten wir durch das Rote Tor, wo mein Vordermann uns leise zurief: "Achtung , Genossen, traut ihnen nicht, sie werden sicher schießen." Im Freien begannen wir zu rennen, uns tief hinunterbückend und zusammendrängend. Hinter dem Fuße der Alexandersäule stockten wir plötzlich. "Wie viele von euch sind gefallen?" fragte ich. "Ich weiß nicht. Vielleicht zehn..." Nach einigen Minuten der Verwirrung hatten die Massen ihre Sicherheit wiedererlangt, und ohne Befehl ging es weiter. In dem Lichtschein, der aus den Fenstern des Winterpalastes fiel, konnte ich sehen, daß die ersten zwei- bis dreihundert Mann Rotgardisten waren, zwischen ihnen nur einige wenige Soldaten. Wir erkletterten die aus Brennholz errichtete Barrikade, und auf der Innenseite herunterspringend, brachen wir in Siegesjubel aus, als wir auf einen Haufen Gewehre stießen, die die Offiziersschüler im Stich gelassen hatten. Die Türen zu beiden Seiten des Hauptportals standen offen, hellen Lichtschein auf die Straße werfend. Kein Laut drang aus dem riesigen Gebäude. Von der Masse geschoben, kamen wir zu dem rechten Eingang, der in einen großen, nackten, gewölbten Raum mündete, den Keller des Ostflügels, von dem ein Irrgarten von Korridoren und Treppen ausging. Große Kisten standen dort, auf die sich die Rotgardisten und Soldaten gierig stürzten, sie mit ihren Gewehren aufbrachen und den Inhalt: Teppiche, Vorhänge, Leinenzeug, Porzellanteller, Glassachen usw. herausrissen. Einer stolzierte mit einer Bronzeuhr auf der Schulter davon, ein anderer griff sich eine Straußenfeder und steckte sie an seinen Hut, Doch kaum hatte das Plündern begonnen, als auch schon der Ruf ertönte: "Genossen! Nichts anrühren, nichts nehmen, Eigentum des Volkes!" Und zwanzig Kehlen griffen den Ruf auf: "Halt! Alles zurücklegen, nichts nehmen, Volkseigentum!" Die Plünderer wurden gepackt, Damast und Teppiche wurden ihnen abgenommen, und zwei Männer trugen die Bronzeuhr wieder zurück. Ungestüm und hastig wurde alles wieder in die Kisten gepackt und durch freiwillige Posten bewacht. Das alles spielte sich völlig spontan ab. Durch die Korridore, die Treppen hinauf, immer leiser, tönte der Ruf: "Revolutionäre Disziplin! Eigentum des Volkes..." Wir gingen zum linken Eingang im Westflügel. Auch dort war man dabei, wieder Ordnung zu schaffen. "Räumt den Palast!" schrie ein Rotgardist aus einer der inneren Türen heraus. "Kommt, Genossen, wir wollen zeigen, daß wir keine Diebe und Räuber sind. Alles verläßt den Palast außer den Kommissaren, bis wir Posten aufgestellt haben." Zwei Rotgardisten, ein Soldat und ein Offizier, standen dort mit Revolvern in den Händen; ein anderer Soldat saß hinter ihnen am Tisch, mit Feder und Papier. Überall waren Rufe: "Alles heraus, alles heraus!" von nah und fern zu hören, und schreiend, schimpfend und sich stoßend begannen die Massen durch die Tür zu drängen. Jeder einzelne wurde, als er herauskam, festgehalten und von einem Komitee, das sich rasch gebildet hatte, peinlich genau durchsucht. Was er nicht ganz einwandfrei als sein Eigentum nachweisen konnte, wurde ihm erbarmungslos abgenommen. Der Mann am Tisch schrieb alles auf, und die Sachen wurden in einen kleinen Raum gebracht. Die wunderlichsten Dinge wurden Da zusammengetragen: Bronzen, Tintenflaschen, Bettdecken mit dem kaiserlichen Monogramm, Kerzen, kleine Ölgemälde, Schreibunterlagen, Säbel mit goldenem Griff, Seife, die verschiedenartigsten Kleidungsstücke, Decken. Ein Rotgardist trug drei Gewehre, zwei davon hatte er den Offiziersschülern abgenommen; ein anderer vier mit Dokumenten vollgestopfte Aktentaschen. Die Sünder gaben entweder ihre Beute mürrisch preis, oder sie baten wie Kinder. Die Mitglieder des Komitees, alle gleichzeitig redend, erklärten immer wieder, stehlen sei eines Vorkämpfers des Volkes unwürdig. Solche, die erwischt worden waren, blieben oft zurück und halfen, ihre Kameraden zu durchsuchen. Auch die Offiziersschüler kamen heraus, in Gruppen zu dreien und vieren. Die Komiteemitglieder packten mit einigem Übermaß an Eifer die sowieso schon verängstigten Menschen und durchsuchten sie ebenfalls, wobei sie sie mit Bemerkungen wie: Provokateure, Kornilowleute, Konterrevolutionäre, Volksmörder usw. überschütteten, sie im übrigen aber ungeschoren ließen. Auch die Offiziersschüler hatten die Taschen mit allem möglichen unbedeutenden Plunder gefüllt. Der Schreiber nahm ein Protokoll auf, und die gefundenen Sachen wurden in dem kleinen Zimmer angehäuft. Die Offiziersschüler wurden entwaffnet. Man fragte sie, ob sie je wieder die Waffen gegen das Volk erheben würden. Einer nach dem anderen antwortete: "Nein." Dann ließ man sie laufen. Wir fragten, ob wir hinein könnten. Das Komitee war sich darüber nicht klar, aber der Rotgardist erklärte entschieden, daß es verboten sei. "Wer sind Sie überhaupt? Wie kann ich wissen, ob Sie nicht alle miteinander Kerenskileute sind?" (Wir waren fünf Personen, darunter zwei Frauen.)

 

"Platz, Genosse!" Ein Soldat und ein Rotgardist erschienen in der Tür, die Menge zur Seite drängend, und andere Rotgardisten folgten mit aufgepflanzten Bajonetten. Hinter ihnen kamen einer nach dem anderen ein halbes Dutzend Zivilisten - die Mitglieder der Provisorischen Regierung. Zuerst Kischkin, das Gesicht müde und blaß. Dann Rutenberg, der finster zu Boden starrte; der nächste war Tereschtschenko, der scharf um sich blickte; er sah uns kalt an.... Sie gingen schweigend vorüber; die siegreichen Aufständischen drängten heran, um zu sehen, man hörte jedoch nur wenige wütende Zurufe. Erst später erfuhren wir, daß die Massen auf der Straße sie lynchen wollten; Schüsse waren abgefeuert worden - die Matrosen hatten sie jedoch heil nach der Peter-Pauls-Festung gebracht... Inzwischen waren wir ungehindert in den Palast gegangen. Dort war ein fortwährendes Kommen und Gehen, ein Bestaunen der neuentdeckten Zimmer in dem riesigen Gebäude, ein Suchen nach verborgenen Offiziersschülern, die indes nicht existierten. Wir gingen nach oben und durchwanderten Zimmer nach Zimmer. Dieser Teil des Palastes war auch von andern Abteilungen betreten worden, die von der anderen Seite der Newa kamen. Die Gemälde, Statuen, die Wandbehänge und Teppiche der großen Staatssäle waren unversehrt; in den Büros aber waren Pulte und Schränke durchwühlt, die Papiere auf dem Boden verstreut, und in den Wohnräumen die Bezüge von den Betten gerissen; die Kleiderschränke standen weit offen. Die am meisten geschätzte Beute waren Kleider, die das arbeitende Volk vor allem benötigte. In einem Zimmer, in dem Möbel aufgespeichert waren, kamen wir dazu, als zwei Soldaten die kostbare spanische Lederpolsterung von den Stühlen abschnitten. Sie erklärten uns, daß sie sich davon Stiefel machen wollten... Die alten Palastdiener in ihren blauen und roten, goldgestickten Uniformen standen nervös herum, gewohnheitsmäßig immer und immer wiederholend: "Sie können da nicht hineingehen, Herr! Es ist verboten...." Wir gelangten endlich zu dem Saal, in dem die Minister vor kurzem noch den ganzen Tag und die ganze Nacht getagt und die Diener sie an die Rotgardisten verraten hatten. Die lange, mit grünem Tuch überzogene Tafel war noch so, wie sie sie verlassen hatten, als man sie verhaftete. Vor jedem jetzt leeren Sitz Feder, Tinte und Papier; die Blätter bekritzelt mit den Anfängen von Aktionsplänen, flüchtigen Skizzen von Proklamationen und Manifesten, die meisten davon wieder ausgestrichen, nachdem ihre Zwecklosigkeit sich herausgestellt hatte, der Rest des Blattes mit verstreuten geometrischen Zeichnungen bedeckt, von den Schreibern hingemalt, während sie verzweifelt zuhörten, wie Minister nach Minister ihre zwecklosen Pläne entwickelten. Ich nahm eines dieser bekritzelten Blätter, auf dem ich die Handschrift Konowalows erkannte, das folgendermaßen begann: "Die Provisorische Regierung fordert alle Klassen auf, die Provisorische Regierung zu unterstützen..." Während dieser ganzen Zeit, das darf nicht vergessen werden, war die Regierung, obgleich der Palast umzingelt war, in ständiger Verbindung mit de Front und dem übrigen Rußland. Die Bolschewiki hatten am frühen Morgen das Kriegsministerium eingenommen, aber sie wußten weder etwas von der Telegrafenstation in den Bodenräumen, noch wußten sie etwas von der geheimen Telefonverbindung, die es mit dem Winterpalast verband. In diesen Bodenräumen hatte ein junger Offizier den ganzen Tag gesessen und eine Flut von Aufrufen und Proklamationen ins Land hinausgesandt; als er hörte, daß der Palast gefallen war, hatte er einfach die Mütze aufgesetzt und war seelenruhig hinausspaziert...

 

In interessiertes Schauen versunken, hatten wir geraume Zeit nicht bemerkt, daß sich die Haltung der Soldaten und Rotgardisten um uns herum uns gegenüber verändert hatte. Als wir so von Zimmer zu Zimmer wanderten, blieb uns eine kleine Gruppe ständig auf den Fersen; als wir die große Gemäldegalerie erreichten, in der wir am Nachmittag mit den Offiziersschülern zusammengewesen waren, war diese Gruppe auf etwa hundert Mann angewachsen. Ein Riese von Soldat trat uns entgegen, mit finsterem Argwohn: "Wer sind Sie?" brummte er. "Was tun sie hier?" Die anderen drängten heran, starrten uns an und fingen an zu murren. "Provokateure!" hörte ich jemand sagen. "Plünderer!" Ich zeigte unsere Ausweise vom Revolutionären Militärkomitee. Der Soldat nahm sie behutsam, drehte sie hin und her, verständnislos. Augenscheinlich konnte er nicht lesen. Sie zurückgebend, spie er auf den Fußboden. "Papiere", sagte er verächtlich. Der Haufe begann näher zu rücken. Ich erkannte plötzlich einen Offizier, der hilflos dreinschaute, ich rief ihn an. Er drängte sich durch die Menge zu uns heran. "Ich bin der Kommissar", sagte er mir. "Wer sind Sie? Was ist los?" Ich zeigte unsere Papiere. "Sie sind Ausländer?" fragte er in fließendem Französisch. "Es ist hier sehr gefährlich..." Dann wandte er sich zu der Menge, unsere Papiere emporhaltend. "Genossen", rief er, "diese Leute hier sind ausländische Genossen - von Amerika. Sie sind hierhergekommen, um ihren Landsleuten von dem Mut und der revolutionären Disziplin der proletarischen Armee zu berichten!" "Woher wissen Sie das?" erwiderte der riesenhafte Soldat. "Ich sage ihnen, es sind Provokateure! Sie erzählen uns, daß sie hergekommen sind, um die revolutionäre Disziplin der proletarischen Armee zu sehen. Aber sie sind durch den ganzen Palast gewandert, woher wissen wir, ob sie nicht ihre Taschen voll haben?" "Richtig!" brüllten die anderen, vorwärtsdrängend. "Genossen! Genossen!" mahnte der Offizier, dem der Schweiß auf der Stirn stand. "Ich bin der Kommissar des Revolutionären Militärkomitees. Vertraut ihr mir? Nun gut, ich sage euch, daß diese Ausweise mit denselben Namen gezeichnet sind wie mein eigener Ausweis!" Er führte uns durch den Palast und durch eine Tür hinaus zum Newa- Ufer. Beim Ausgang wurden uns vom Komitee die Taschen durchsucht...

 

"Sie sind mit knapper Not davongekommen", sagte er, indem er sich das Gesicht abwischte. "Was ist mit dem Frauenbataillon geschehen?" fragten wir. "Oh - die Frauen!" er lachte. "die hatten sich alle in einem der hinteren Räume zusammengedrängt. Wir wußten nicht, was mit ihnen anfangen. Viele hatten hysterische Anfälle, es war furchtbar. Wir haben sie schließlich zum Finnischen Bahnhof gebracht und in einen Zug nach Lewaschowo gesetzt, dort haben sie ein Lager..." Wir kamen hinaus in die kalte Nacht voller verhaltener Erregung, in der sich schattenhaft die Truppen bewegten und Wachposten laut die Passanten anriefen. Vom gegenüberliegenden Ufer, wo sich die dunkle Masse der Peter-Pauls-Festung erhob, kam heiseres Rufen...Zu unseren Füßen war der Bürgersteig mit herabgefallenem Stuck vom Gesims des Winterpalastes übersät. Dort waren zwei Geschosse vom Kreuzer "Aurora" eingeschlagen. Weiteren Schaden hatte das Artilleriefeuer nicht verursacht... Es war mittlerweile drei Uhr morgens vorbei. Auf dem Newski brannten wieder alle Straßenlaternen. Der Kanonendonner war verstummt. Nur die um die Feuer hockenden Soldaten und Rotgardisten erinnerten an den Krieg. Sonst war die Stadt ruhig, so ruhig wie vielleicht nie in ihrer ganzen Geschichte. In dieser Nacht gab es keinen einzigen Überfall oder Diebstahl.

 

Das Gebäude der Stadtduma war vollständig erleuchtet. Wir stiegen zu dem mit einer Galerie versehenen Alexandersaal hinauf, wo rotverhüllt die großen goldumrahmten Kaiserbilder hingen. Etwa hundert Menschen waren um die Rednertribüne versammelt. Skobelew sprach gerade. Er forderte die Erweiterung des Komitees für die öffentliche Sicherheit, die Zusammenfassung aller antibolschewistischen Elemente in einer großen Organisation, die den Namen "Komitee zu Rettung des Vaterlandes und der Revolution" tragen sollte. Die Bildung dieses Komitees - das zu einem der gefährlichsten Gegner der Bolschewiki werden sollte und in der folgenden Woche an die Öffentlichkeit trat, zeitweise unter seinem eigenen Parteinamen, dann wider als das absolut unparteiische Komitee für die öffentliche Sicherheit - erfolgte in unserem Beisein. Dan, Goz, Awxentjew waren da, einige der rebellierenden Sowjetdelegierten, Mitglieder des Exekutivkomitees der Bauernsowjets, der alte Prokopowitsch und sogar Mitglieder des Rates der Russischen Republik, unter ihnen Winawer und andere Angehörige der Kadettenpartei. Liber erklärte, daß die Einberufung der Sowjets unrechtmäßig sei und daß das alte Zentralexekutivkomitee der Sowjets seine Funktion immer noch ausübe. Ein Aufruf an das Land wurde beraten. Wir bemühten uns um eine Droschke. "Wohin?" Als der Kutscher hörte,, daß wir zum Smolny wollten, schüttelte er den Kopf. "Nein", sagte er, "da ist der Teufel los!" Erst nach vielem Umhersuchen fanden wir einen Kutscher, der bereit war, uns zu fahren. Er verlangte dreißig Rubel und hielt zwei Straßen vom Smolny entfernt. Die Fenster des Smolny waren noch erleuchtet. Autos fuhren an und ab. Um die Wachfeuer drängten sich Posten, jeden Ankommenden gierig nach den letzten Neuigkeiten ausfragend. In den Korridoren war ein Gewimmel eilender, hohläugiger und schmutziger Männer. In einigen Räumen lagen Menschen schlafend auf dem Fußboden, ihre Gewehre neben sich. Trotz de ausgeschiedenen Delegierten war der Sitzungssaal gedrängt voll. Als wir hereinkamen, verlas Kamenew gerade die Liste der verhafteten Minister. Als der Name Tereschtschenko genannt wurde, erfolgte donnernder Applaus, Ausrufe der Zufriedenheit, Gelächter; Rutenberg wurde weniger beachtet; und bei der Nennung Paltschinskis brach ein wilder Sturm los, wütende Rufe.... Es wurde mitgeteilt, daß Tschudnowski zum Kommissar des Winterpalastes ernannt worden war. Eine dramatische Unterbrechung folgte jetzt. Ein riesenhafter Bauer, das bärtige Gesicht vor Wut verzerrt, stieg auf die Bühne und schlug mit der Faust auf den Tisch des Präsidiums: "Wir Sozialrevolutionäre verlangen die sofortige Freilassung der im Winterpalast verhafteten sozialistischen Minister! Genossen! Wißt ihr, daß unsere vier Genossen, die ihr Leben und ihre Freiheit im Kampfe gegen die Tyrannei des Zaren aufs Spiel gesetzt haben, in die Peter-Pauls-Festung geworfen wurden, das historische Grab der Freiheit?" Seine weiteren Ausführungen gingen im Lärm unter. Ein anderer Delegierter kletterte neben ihn auf die Bühne, zum Präsidium gewendet: "Werden die Vertreter der revolutionären Massen hier ruhig tagen, während die Ochrana der Bolschewiki ihre Führer foltert?" Trotzki bot mit einer Geste Ruhe: "Sollen wir diese sogenannten Genossen, die wir dabei erwischt haben, als sie mit dem Abenteurer Kerenski die Vernichtung der Sowjets vorbereiteten - sollen wir sie vielleicht mit Glacéhandschuhen anfassen? Sie waren nach dem 16. Und 18. Juli uns gegenüber auch nicht sehr höflich! In diesem Moment, wo die Sozialpatrioten und die Schwachherzigen uns verlassen haben, wo die ganze Aufgabe der Verteidigung und der Rettung der Revolution auf unsern schultern ruht, heißt es vor allem: arbeiten, arbeiten, arbeiten! Wir sind entschlossen, lieber zu sterben als nachzugeben." Von Zarskoje Selo kam ein Kommissar, keuchen und kotbedeckt vom schnellen Ritt: "Die Garnison von Zarskoje Selo wacht an den Toren Petrograds, bereit, die Sowjets und das Revolutionäre Militärkomitee zu verteidigen." Wilder Jubel. "Das von der Front abgesandte Radfahrerkorps ist in Zarskoje angekommen. Die Soldaten sind mit uns. Sie erkennen die Macht der Sowjets an, die Notwendigkeit der Sofortigen Übergabe des Landes an die Bauern und die Durchführung der Arbeiterkontrolle über die Industrie. Das in Zarskoje stationierte 5. Radfahrerbataillon steht zu uns." Danach sprach der Delegierte des 3. Radfahrerbataillons. Inmitten tobender Begeisterung erzählte er, wie vor drei Tagen das Radfahrerkorps von der Südwestfront zur "Verteidigung Petrograds" abkommandiert worden war. Die Soldaten ahnten aber, was dieser Befehl bedeutete. Auf der Station Peredolsk trafen sie mit Vertretern des in Zarskoje stationierten 5. Bataillons zusammen. Eine gemeinsame Versammlung fand statt, und es zeigte sich, daß "unter den Radfahrern nicht einer gewillt war, das Blut seiner Brüder zu vergießen oder eine Regierung der Kapitalisten und Gutsbesitzer zu verteidigen"! Im Namen der Menschewiki-Internationalisten schlug Kapelinski die Wahl eines Komitees vor, das eine friedliche Lösung des Bürgerkrieges finden sollte. "Es gibt keine friedliche Lösung!" schrie die Menge. "Sieg ist die einzige Lösung." Der Vorschlag wurde mit überwältigender Mehrheit abgelehnt, und die Menschewiki-Internationalisten verließen unter einem Hagel ironischer Zurufe den Kongreß. Die Delegierten hatten ihre anfängliche Ängstlichkeit endgültig überwunden. Kamenew rief von der Tribüne herab hinter ihnen her: "Die Menschewiki-Internationalisten behaupten, für eine ,friedliche Lösung' zu sein, aber sie haben immer gegen die Tagesordnung und für die Erklärung jener gruppen gestimmt, die den Kongreß verlassen wollten. Es ist offensichtlich, daß sich all diese Renegaten schon vorher geeinigt hatten, den Kongreß zu verlassen." Die Versammlung beschloß, das Ausscheiden der Parteien unbeachtet zu lassen, und wandte sich der Ausarbeitung des Aufrufes an die Arbeiter, Soldaten und Bauern Rußlands zu.

 

" A n d i e A r b e i t e r S o l d a t e n u n d B a u e r n !

 

Der Zweite Gesamtrussische Kongreß der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten ist eröffnet. Auf diesem Kongreß ist die gewaltige Mehrheit der Sowjets vertreten. Auf dem Kongreß ist auch eine Reihe von Delegierten der Bauernsowjets anwesend. Die Vollmachten des paktiererischen Zentralexekutivkomitees sind abgelaufen. Gestützt auf den Willen der gewaltigen Mehrheit der Arbeiter, Soldaten und Bauern, gestützt auf den in Petrograd vollzogenen siegreichen Aufstand der Arbeiter und der Garnison, nimmt der Kongreß die Macht in seine Hände. Die Provisorische Regierung ist gestürzt. Die meisten Mitglieder der Provisorischen Regierung sind bereits verhaftet. Die Sowjetmacht wird sofort allen Völkern einen demokratischen Frieden und den sofortigen Waffenstillstand an allen Fronten anbieten. Sie wird die entschädigungslose Übergabe der Gutsbesitzer-, Kron- und Klosterländereien in die Verfügungsgewalt des Bauernkomitees sichern, sie wird die Rechte der Soldaten schützen, indem sie die volle Demokratisierung der Armee durchführt, sie wird die Arbeiterkontrolle über die Produktion einführen und die rechtzeitige Einberufung der Konstituierenden Versammlung gewährleisten, sie wird dafür sorgen, daß die Städte und Dörfer mit Gegenständen des dringendsten Bedarfs beliefert werden, sie wird allen in Rußland lebenden Völkern das wirkliche recht auf Selbstbestimmung sichern. Der Kongreß beschließt: Die ganze Macht geht allerorts an die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten über, die eine wirkliche revolutionäre Ordnung zu gewährleisten haben. Der Kongreß ruft die Soldaten in den Schützengräben zur Wachsamkeit und Standhaftigkeit auf. Der Sowjetkongreß ist überzeugt, daß die revolutionäre Armee es verstehen wird, die Revolution gegen jegliche Anschläge des Imperialismus zu verteidigen, bis die neue Regierung den Abschluß eines demokratischen Friedens erzielt hat, den sie unmittelbar allen Völkern anbieten wird. Die neue Regierung wird alle Maßnahmen treffen, um durch eine entschlossene Politik von Requisitionen und Besteuerungen der besitzenden Klassen die revolutionäre Armee mit allem Nötigen zu versorgen, und wird auch die Lage der Soldatenfamilien verbessern. Die Kornilowleute - Kerenski, Kaledin u. a. - versuchen, Truppen gegen Petrograd zu führen. Einige Truppenteile, die Kerenski auf betrügerische Weise in Bewegung gesetzt hatte, sind auf die Seite des aufständischen Volkes übergegangen.

 

Soldaten, setzt dem Kornilowmann Kerenski aktiven Widerstand entgegen! Seid auf der Hut!

 

Eisenbahner, haltet die Truppentransporte an, die Kerenski gegen Petrograd schickt!

 

Soldaten, Arbeiter, Angestellte! Das Schicksal der Revolution und das Schicksal des demokratischen Friedens liegt in euren Händen!

 

E s l e b e d i e R e v o l u t i o n !

 

Der Gesamtrussische Kongreß der Sowjets

 

der Arbeiter- und Soldatendeputierten

 

Die Delegierten der Bauernsowjets."

 

 

Es war genau 5 Uhr 17 morgens, als, vor Müdigkeit schwankend, Krylenko auf die Bühne trat, ein Telegramm in der Hand: "Genossen! Ein Telegramm der Nordfront. Die Zwölfte Armee entbietet dem Sowjetkongreß ihre Grüße und meldet die Bildung eines Revolutionären Militärkomitees, das das Kommando über die Nordfront übernommen hat." Stürmischer Jubel. Weinende Männer, einander umarmend. "General Tscheremissow erkennt das Komitee an. Der Kommissar der Provisorischen Regierung , Woitinski, ist zurückgetreten." So hatten sich Lenin und die Petrograder Arbeiter für den Aufstand entschieden. Der Petrograder Sowjet hatte die Provisorische Regierung niedergezwungen und dem Sowjetkongreß den Staatsstreich aufgedrängt. Nun hieß es: Rußland gewinnen und dann - die Welt! Würde Rußland folgen und sich erheben? Und die übrige Welt, was würde sie tun? Würden die Völker dem Rufe folgen und aufstehen zu einem roten Weltsturm?

 

Obgleich schon sechs Uhr früh, war es noch ganz dunkel und ziemlich kalt. Nur ein schwaches, kaum merkliches Dämmern stahl sich über die stillen Straßen, ließ die Wachtfeuer matter erscheinen. Der Vorbote eines drohenden, sich grau über Rußland erhebenden Tages.

 

 

 

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V. IM STURMSCHRITT VORAN

 

Donnerstag, 8. November. Der hereinbrechende Tag fand die Stadt in wildester Aufregung und Verwirrung, die ganze Nation gepeitscht von dem sich zu immer wilderen stößen erhebenden Sturm. Äußerlich war alles ruhig. Hunderttausende waren zeitig zu Bett gegangen, stande früh auf und gingen ihrer Arbeit nach. In Petrograd fuhren die Straßenbahnen, die Warenhäuser und Restaurants waren geöffnet, die Theater in vollem Betrieb. Sogar eine Gemäldeausstellung war angezeigt. Der Alltag - langweilig selbst in Kriegszeiten - ging seinen gewohnte Trott. Nichts ist erstaunlicher als die Lebenskraft des sozialen Organismus - wie er beharrt, sich nährend, sich kleidend, sich amüsierend, dem allerschrecklichsten Elend zum Trotz...

 

Die Luft schwirrte von Gerüchten über Kerenski, der, wie es hieß, die Front aufgewiegelt habe und eine große Armee gegen die Hauptstadt führe. " Wolja Naroda" veröffentlichte einen von ihm in Pskow erlassenen Befehl:

 

"Die Unordnung, verursacht durch den wahnsinnigen Versuch der Bolschewiki, treibt das Land dem Abgrund entgegen. Das erheischt die Anstrengung unseres ganzen Willens, unseres ganzen Mutes und die Hingabe jedes einzelnen von uns, damit wir die schreckliche Prüfung überstehen, die das Vaterland durchmacht...... Bis zur Bekanntgabe der Zusammensetzung der neuen Regierung - wenn eine solche gebildet sein wird - hat jeder auf seinem Poste zu bleiben und seine Pflicht dem blutenden Rußland gegenüber zu erfüllen. Niemand darf vergessen, daß der geringste Konflikt mit den bestehenden Armeeorganisationen nicht wiedergutzumachendes Unglück über das Land bringen kann, indem die Front dem Feinde geöffnet wird. Darum ist vor allem und unter jeder Bedingung dafür Sorge zu tragen, daß die Moral der Truppen erhalten bleibt durch Aufrechterhaltung völliger Ordnung und Bewahrung der Armee vor neuen zusammenstößen sowie durch Aufrechterhaltung des absoluten Vertrauens zwischen Offizieren und Untergebenen. Ich befehle allen Chefs und Kommissaren, um der Sicherheit des Landes willen auf ihren posten zu bleiben, so wie ich selbst den Posten des Obersten Befehlshabers behalten werde, bis die Provisorische Regierung der Republik ihren Willen zum Ausdruck gebracht hat." All dem zu begegnen, das nachfolgende Plakat an allen Mauern:

 

"V o m G e s a m t r u s s i s c h e n S o w j e t k o n g r e ß .

 

Die Exminister Konowalow, Kischkin, Tereschtschenko, Maljantowitsch Nikitin und andere befinden sich in der Gewalt des Revolutionären Militärkomitees. Kerenski ist geflohen. Alle Armeeorganisationen haben Anweisungen, die notwendigen Maßnahmen für die sofortige Verhaftung Kerenskis und seine Überführung nach Petrograd zu treffen. Jede Kerenski erwiesene Unterstützung wird als schweres Staatsverbrechen bestraft werden."

 

Aller Hindernisse ledig, war das Revolutionäre Militärkomitee jetzt fieberhaft tätig, zahllose Befehle, aufrufe und Gesetze ins Land zu schleudern. Ein Befehl ordnete die Überführung Kornilows nach Petrograd an. Die von der Provisorischen Regierung eingekerkerten Bodenkomitees wurden für frei erklärt, die Todesstrafe in der Armee wurde abgeschafft. Die Beamten wurden aufgefordert, auf ihren Posten zu bleiben, und schwere Strafen waren ihnen angedroht für den fall, daß sie sich dessen weigerten. Plünderung, Unruhen und Spekulation waren bei Todesstrafe verboten. In die verschiedenen Ministerien wurden provisorische Kommissare entsandt: Auswärtiges: Urizki und Trotzki, Inneres und Justiz: Rykow, Arbeit: Schljapnikow, Finanzen: Menshinski, Öffentliche Wohlfahrt: Frau Kollontai, Handel und Verkehr: Rjasanow, Flotte: der Matrose Korbir, Post und Telegraf: Spiro, Theater: Murawjow, Staatsdruckerei: Derbyschew, für die Stadt Petrograd: Leutnant Nesterow, für die Nordfront: Posern. Die Armee wurde aufgefordert, Revolutionäre Militärkomitees einzusetzen; die Eisenbahnarbeiter, die Ordnung aufrechtzuerhalten und vor allem den Lebensmitteltransport in die Städte und an die Front nicht zu hindern. Dafür waren ihnen besondere Vertreter im Verkehrsministerium zugesagt.

 

In einer Proklamation an die Kosaken hieß es:

 

"B r ü d e r K o s a k e n ! Man will euch gegen Petrograd führen. Man will euch in einen Kampf mit den revolutionären Arbeitern und Soldaten der Hauptstadt zwingen. Ihr dürft unseren gemeinsamen Feinden, den Großgrundbesitzern und Kapitalisten, kein Wort glauben. Auf unserem Kongreß sind alle organisierten Arbeiter, Soldaten und die bewußten Bauern Rußlands vertreten. Der Kongreß ist bereit, auch die werktätigen Kosaken in seiner Mitte willkommen zu heißen. Die Generale der Schwarzhundertschaften, die Lakaien der Großgrundbesitzer und Nikolaus´ des Grausamen, sind unsere Feinde. Sie sagen euch, daß die Sowjets das Land der Kosaken konfiszieren wollen. Das ist eine Lüge. Die Revolution will nur das Land der kosakischen Großgrundbesitzer konfiszieren, um es dem Volke zu geben. Organisiert Sowjets der Kosakendeputierten! Schließt euch den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten an! Zeigt den Schwarzhundertleuten, daß ihr keine Verräter am Volke seid und daß ihr nicht gewillt seid, die Verachtung des gesamten revolutionäre Rußlands auf euch zu laden!... Brüder Kosaken, weigert euch, die Befehle der Feinde des Volkes auszuführen. Sendet eure Delegierten nach Petrograd, damit sie die Dinge mit uns besprechen... Die Kosaken der Petrograder Garnison haben, zu ihrer Ehre sei es gesagt, die Hoffnungen der Volksfeinde nicht gerechtfertigt....

 

Brüder Kosaken! Der Gesamtrussische Sowjetkongreß streckt euch seine brüderliche Hand entgegen. Es lebe der Bruderbund der Kosaken mit den Soldaten, Arbeitern und Bauern des ganzen Rußlands!"

 

 

Demgegenüber, welche Fülle angeschlagener Proklamationen, herumflatternder Handzettel, geifernder, schimpfender, dem Ganzen ein böses Ende verheißender Zeitungen! Die Schlacht der Druckerpresse tobte

 

jetzt - alle anderen Waffen waren in den Händen der Sowjets. An der Spitze der Aufruf des Komitees zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution.

 

"A n d i e B ü r g e r d e r R u s s i s c h e n R e p u b l i k !

 

Entgegen dem Willen der revolutionären Massen haben die Bolschewiki Petrograds am 7. November einen teil der Provisorischen Regierung verhaftet, den rat der russischen Republik auseinandergejagt und eine ungesetzliche Macht proklamiert. Diese gegen die Regierung des revolutionären Rußlands im Moment der größten äußeren Gefahr begangene Vergewaltigung ist ein unbeschreibliches Verbrechen gegen das Vaterland. Der Aufstand der Bolschewiki versetzt der Sache der nationalen Verteidigung einen tödlichen Schlag und verzögert unübersehbar den so sehnlichst herbeigewünschten Augenblick des Friedensschlusses. Der Bürgerkrieg, von den Bolschewiki begonnen, bedroht das Land mit den Schrecken der Anarchie und Konterrevolution. Er macht die Konstituierende Versammlung unmöglich, deren Aufgabe es sein sollte, die republikanische Ordnung zu bestätigen und dem Volke auf ewige Zeiten sein Recht auf das Land zu sichern. Das Komitee zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution, in der Nacht des 7. November gegründet, übernimmt die Initiative zur Bildung einer neuen Provisorischen Regierung, die, sich auf die Demokratie stützend, das Land zur Konstituierenden Versammlung hinführen und es vor der Anarchie und der Konterrevolution retten wird. Das Komitee zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution ruft euch, Bürger, auf, der Macht der Gewalt die Anerkennung zu versagen. Gehorcht ihren Anordnungen nicht. Erhebt euch für die Verteidigung des Landes und Der Revolution! Unterstützt das Komitee zur Verteidigung des Vaterlandes und der Revolution!

 

Gezeichnet: Rat der Russischen Republik, Petrograder Stadtduma,Zentralexekutivkomitee (I. Kongreß), Exekutivkomitee der Bauernsowjets und vom II. Sowjetkongreß die Gruppe der Frontsoldaten, die Sozialrevolutionäre, Menschewiki, Volkssozialisten, Vereinigte Sozialdemokraten und die Gruppe ,Jedinstwo'."

 

Weitere Plakate von der sozialrevolutionären Partei, den menschewistischen Sozialpatrioten, den Bauernsowjets, dem Zentralen Armeekomitee, dem Zentroflot...

 

".....Der Hunger wird Petrograd zerschmettern! Die deutschen Armeen werden unsere Freiheit niedertrampeln. Die Schwarzhunderter werden Rußland mit Pogromen überziehen, wenn nicht alle bewußten Arbeiter, Soldaten und Bürger sich vereinigen.....Glaubt nicht den Versprechungen der Bolschewiki. Das Versprechen des sofortigen Friedens ist eine Lüge! Das Versprechen von Brot ist ein Betrug! Das Versprechen von Land ein Märchen!...." Immer wieder die gleiche Tonart, bei allen Plakaten. "Genossen! Man hat euch in niederträchtiger und grausamer Weise betrogen! Die Übernahme der Macht geschah durch die Bolschewiki allein... Sie hielten ihre Verschwörung gegenüber den anderen sozialistischen Parteien im Sowjet geheim... Sie haben euch Land und Freiheit versprochen, aber die Konterrevolution wird die von den Bolschewiki hervorgerufene Anarchie ausnutzen, und sie wird euch um Land und Freiheit betrügen...." Nicht weniger wild waren die Zeitungen. "Unsere Pflicht", erklärte "Delo Naroda", "ist es, diese Verräter an der Arbeiterklasse zu demaskieren. Unsere Pflicht ist es, alle unsere Kräfte zu mobilisieren und die Sache der Revolution zu verteidigen!..." "Iswestija", zum letztenmal im Namen des alten Zentralexekutivkomitees sprechend, drohte mit furchtbarer Rache. "Was den Sowjetkongreß anbelangt, erklären wir, daß es keinen Sowjetkongreß gegeben hat! Wir erklären, daß er nichts anderes war als eine private Konferenz der bolschewistischen Fraktion! Und in dieser Eigenschaft hat er nicht das Recht, die Machtbefugnisse des Zentralexekutivkomitees aufzuheben..."

 

"Nowaja Shisn" trat für eine neue Regierung ein, die alle sozialistischen Parteien umfassen sollte; sie kritisierte scharf die Haltung der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki, die den Kongreß verlassen hatten, und wies darauf hin, daß die bolschewistische Erhebung eines klarmache: daß alle Illusionen über eine Koalition mit der Bourgeoisie in Zukunft sinnlos seien... "Rabotschi Put", der jetzt als "Prawda" herauskam, Lenins im Juli unterdrücktes Blatt, schrieb: "Arbeiter, Soldaten, Bauern! Im März zerschlugt ihr die Tyrannei der Adelsclique. Gestern warft ihr die Tyrannei der Bourgeoisie nieder... Die erste Aufgabe ist jetzt, die Tore Petrograds zu bewachen. Die zweite, die konterrevolutionären Elemente Petrograds endgültig zu entwaffnen. Die dritte, die endgültige Organisierung der revolutionären Macht und die Realisierung des Volksprogramms...."

 

Die wenigen noch erscheinenden Kadettenorgane und die Bourgeoisie im allgemeinen nahmen zu den Vorgängen eine besondere, ironisierende Haltung, eine Art "ich hab's euch ja gleich gesagt" gegenüber den anderen Parteien ein. Man konnte wohl einflußreiche Angehörige der Kadettenpartei um die Stadtduma streifen sehen und in den Vorzimmern des Komitees zur Rettung des Vaterlandes antreffen. Sonst aber hielt sich die Bourgeoisie zurück, sich auf ihre Stunde vorbereitend, die unmöglich lange auf sich warten lassen konnte. Daß die Bolschewiki sich länger als drei Tage an der Macht halten sollten, hielt niemand für möglich, ausgenommen vielleicht Lenin, Trotzki, die Petrograder Arbeiter und die einfachen Soldaten.

 

In dem hohen amphitheatermäßig gebauten Nikolaussaal sah ich an diesem Nachmittag die in Permanenz tagende Duma, stürmisch, alle Kräfte der Opposition um sich gruppierend. Der alte, in seinem weißen Haar und Bart würdevoll dreinschauende Bürgermeister Schrejder gab eine Schilderung seines Besuches im Smolny in der vergangenen Nacht, wo er im Namen der städtischen Selbstverwaltung Protest eingelegt hatte. "Die Duma als die einzige rechtmäßig existierende Regierung in der Stadt, hervorgegangen aus gleicher, direkter und geheimer Wahl, würde die neue Gewalt nicht anerkennen", hatte er Trotzki mitgeteilt, worauf ihm Trotzki zur Antwort gegeben hatte, "daß es in diesem Falle ein kostitutionelles Mittel gebe: Die Auflösung und Neuwahl der Duma". Der Bericht löste bei der Versammlung zornige Entrüstung aus. "Wollte man eine sich auf Bajonette stützende Regierung anerkennen", fuhr der alte Mann in seiner Rede an die Duma fort, "dann haben wir allerdings eine Regierung; aber für rechtmäßig erachte ich nur eine vom Volk, und zwar eine von seiner Mehrheit anerkannte Regierung, nicht aber eine durch die gewaltsame Besitzergreifung einer Minderheit geschaffene." Darauf wilder Beifall auf allen Bänken, die der Bolschewiki ausgenommen. Inmitten erneuten Tumultes teilte der Bürgermeister mit, daß die Bolschewiki durch die Entsendung von Kommissaren in zahlreich Stadtbezirke mit der Vergewaltigung der städtischen Selbsverwaltung bereits begonnen hätten. Dann schrie der bolschewistische Redner, sich mit aller Kraft Gehör verschaffend: "Der Beschluß des Sowjetkongresses beweist, daß das ganze Rußland hinter der Aktion der Bolschewiki steht. Ihr seid nicht die wahren Vertreter des Petrograder Volkes." Rufe: "Das ist eine Beschimpfung!" Würdevoll erinnerte der Bürgermeister daran, daß die Duma aus der denkbar freiesten Volkswahl hervorgegangen sei. "Jawohl", antwortete der Bolschewik, "aber das ist schon lange her. Genau wie beim Zentralexekutivkomitee und beim Armeekomitee." "Es hat keinen neuen Sowjetkongreß gegeben", schrien sie auf ihn ein. "Die bolschewistische Partei lehnt es ab, noch weiter in diesem Nest der Konterrevolution zu bleiben" (Tumult), "und wir verlangen die Neuwahl der Duma". Die Bolschewiki verließen den Saal, und "Deutsche Agenten!" und "Nieder mit den Verrätern!" schallte es ihnen nach. Schingarjow stellte für die Kadetten den antrag, alle städtischen Beamten, die sich dem Revolutionären Militärkomitee zur Verfügung gestellt hatten, von ihrem Posten zu entheben und unter Anklage zu stellen. Schrejder brachte eine Resolution ein des Inhalts, daß die Duma gegen die Androhung der Bolschewiki, sie aufzulösen, protestiere und daß sie sich als die gesetzmäßige Volksvertretung weigere, ihren Posten zu verlassen. Draußen, im Alexandersaal, tagte eine überfüllte Sitzung des Komitees zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution. Skobelew hatte wieder das Wort. "Noch niemals", sagte er, "war das Schicksal der Revolution so auf des Messers Schneide, noch niemals verursachte die Frage der Existenz des russischen Staates so viel Besorgnis, noch niemals hat die Geschichte die Frage, ob Rußland leben oder untergehen wird, so scharf und kategorisch gestellt! Die große Stunde der Rettung der Revolution ist da, und im Bewußtsein dessen blicken wir auf das enge Bündnis der Lebenskräfte der Revolutionären Demokratie, deren organisierter Wille ein Zentrum für die Rettung der Revolution und des Vaterlandes bereits geschaffen hat...." Und noch vieles in dieser Art. "Wir werden eher sterben als unsere Stellung preisgeben!"

 

Unter stürmischem Beifall nahm die Versammlung von dem Beitritt des Eisenbahnverbandes zum Komitee Kenntnis. Wenige Minuten später trafen die Post- und Telegrafenangestellten ein, dann einige Menschewiki-Internationalisten. Die Eisenbahner erklärten, daß sie die Bolschewiki nicht anerkennen würden, daß sie den ganzen Eisenbahnapparat in eigene Hände genommen hätten und es entschieden ablehnten, ihn irgendeiner usurpatorischen Gewalt anzuvertrauen. Der Delegierte der Telegrafenbeamten schilderte, wie seine Kollegen sich geweigert hatten, in Anwesenheit des bolschewistischen Kommissares ihre Apparate zu bedienen. Die Postangestellten würden von dem Smolny weder Postsachen entgegennehmen noch solche an ihn ausliefern....Alle Telefonapparate des Smolny seien aus dem allgemeinen Netz ausgeschaltet. Unter großer Belustigung wurde berichtet, wie Urizki ins Ministerium des Auswärtigen gekommen sei und die Geheimverträge verlangt habe und wie er von Neratow an die frische Luft gesetzt worden sei. Sämtliche Regierungsangestellten hätten die Arbeit eingestellt. Dies war der Krieg - ein Krieg nach vorbedachtem Plan, in russischer Manier. Die Waffen waren Streik und Sabotage. Wir hörten, wie der Vorsitzende eine Liste von Namen mit den jedem einzelnen zugewiesenen Aufgaben verlas. Der hatte eine Runde durch die Ministerien zu machen. Ein anderer sollte die Banken besuchen. Etwa zehn oder zwölf sollten in die Kasernen gehen, um die Soldaten zur Neutralität zu überreden - "Russische Soldaten, vergießt nicht das Blut eurer Brüder!"

 

Ein Komitee wurde eingesetzt zu Verhandlungen mit Kerenski. Andere wurden in die Provinzstädte entsandt, damit sie dort Zweigorganisationen des Komitees zur Rettung des Vaterlandes gründeten und den Zusammenschluß der antibolschewistischen Elemente betrieben. Die Versammlung war aufs zuversichtlichste gestimmt. "Diese Bolschewiki wollen der Intelligenz Vorschriften machen. Wir werden es ihnen zeigen!" Kein größerer Kontrast war denkbar als der zwischen dieser Versammlung und dem Kongreß der Sowjets. Dort große Massen armseligster Soldaten, schmutziger Arbeiter, Bauern - arme Menschen, gebeugt und zernarbt im brutalen Ringen um die Existenz; hier die Führer der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre - die Awxentjew, Dan, Liber, die ehemaligen sozialistischen Minister Skobelew, Tschernow, Schulter an Schulter mit Kadetten, wie dem öligen Schazki, dem glatten Winawer, mit Journalisten, Studenten, Intellektuellen aus fast allen Lagern. Alle gut genährt, gut gekleidet; ich habe unter ihnen kaum drei Proletarier gesehen.

 

Nachrichten begannen einzulaufen. Kornilows getreue Tekinzy schlugen in Bychow die Wachen nieder, und Kornilow, der dort gefangengehalten wurde, konnte entkommen. Von dem Moskauer Sowjet war ein Revolutionäres Militärkomitee eingesetzt worden, das mit dem Stadtkommandanten wegen Übergabe des Arsenals verhandelte, so daß die Möglichkeit bestand, die Arbeiter zu bewaffnen.

 

Mit diesen Tatsachen war ein erstaunliches Durcheinander von Gerüchten, Übertreibungen und offenbaren Lügen vermengt. So nahm uns ein sonst intelligenter Kadett, der nacheinander der Privatsekretär erst Miljukows und dann Tereschtschenkos gewesen war, beiseite, um uns die Einnahme des Winterpalastes zu schildern. "Die Bolschewiki standen unter Führung deutscher und österreichischer Offiziere", behauptete er allen Ernstes. "So?" erwiderten wir höflich. "Woher wissen Sie das?" "Einer meiner Freunde war dort und hat sie gesehen." "Woher wußte er, daß es deutsche Offiziere waren?" "Oh, weil sie deutsche Uniformen trugen." Solcher ganz unsinniger Geschichten waren Hunderte im Umlauf, und sie wurden nicht nur in der feierlichsten Aufmachung in der antibolschewistischen Presse veröffentlicht, sondern auch geglaubt - und von Leuten, denen man ein derartiges Maß von Leichtgläubigkeit nie zugetraut hätte, darunter solche Menschewiki und Sozialrevolutionäre, deren nüchterne Sachlichkeit notorisch war.

 

Ernster aber war, was über die angeblichen Greueltaten und den Terror der Bolschewiki im Umlauf war. So wurde erzählt, und man las es auch gedruckt, daß die Rotgardisten nicht nur den Winterpalast völlig ausgeplündert und die Offiziersschüler nach ihrer Entwaffnung niedergemacht, sondern daß sie auch einige der Minister kalten Blutes ermordet hätten. Was die Frauenbataillone betraf, so waren die meisten dieser Frauen angeblich vergewaltigt worden, während viele infolge der erlittenen Mißhandlungen Selbstmord verübt haben sollten. Und die Dumaleute nahmen all diese Geschichten für bare Münze. Was Wunder, wenn auch die Mütter und Väter der Offiziersschüler und Frauen, die die oft von namentlicher Aufführung der angeblichen Opfer begleiteten Details lasen, ihnen Glauben schenkten. Als die Nacht hereinbrach, war die Duma von einer Menge wütender Bürger umlagert. Ein typischer Fall ist der des Fürsten Tumanow, dessen Leichnam nach den Meldungen zahlreicher Zeitungen im Moika- Kanal treibend aufgefunden worden war. Als wenige Stunden später die Familie des Fürsten diese Nachricht dementierte und hinzufügte, daß der Fürst gefangengehalten werde, identifizierte die Presse den Leichnam als den des Generals Denissow. Als aber auch dieser wieder zum Leben kam, stellte wir Nachforschungen an und konnten überhaupt keine Spur von irgendeinem unter den bezeichneten Umständen aufgefundenen Leichnam entdecken. Als wir die Duma verließen, sahen wir zwei Pfadfinder, die Handzettel an die riesige Volksmenge verteilten, die sich auf dem Newski gegenüber dem Tor angesammelt hatte, fast durchweg Unternehmer, Kaufleute, Beamte und Angestellte. Auf einem der Handzettel las ich: " V o n d e r S t a d t d u m a !" Angesichts der Ereignisse des heutigen Tages proklamiert die Stadtduma in ihrer Sitzung vom 26. Oktober (8. November, Anm. d. Red.) die Unverletzlichkeit der Privatwohnungen. Durch die Hauskomitees fordert sie die Bevölkerung der Stadt Petrograd auf, alle Versuche, in Privatwohnungen mit Gewalt einzudringen, mit Entschiedenheit zurückzuweisen und im Interesse der Selbstverteidigung der Bürger evtl. auch von der Waffe Gebrauch zu machen."

 

An der Ecke des Litejny- Prospekts hatten fünf oder sechs Rotgardisten und ein paar Matrosen einen Zeitungsverkäufer umringt und forderten von ihm die Aushändigung der menschewistischen "Rabotschaja Gaseta". Der Zeitungsverkäufer überhäufte sie mit wütenden Schimpfworten, die Faust erhebend, als einer der Matrosen die Zeitungen von seinem Stand riß. Eine drohende Volksmenge hatte sich angesammelt, die die Patrouille wütend beschimpfte. Ein kleiner Arbeiter gab sich Mühe, der Volksmenge und dem Zeitungsverkäufer die Notwendigkeit dieser Maßnahme immer wieder zu erklären. "Die Zeitung bringt die Proklamation Kerenskis, die behauptet, daß wir Russen ermordet hätten. Das würde zu Blutvergießen führen.." Im Smolny schien die Spannung größer denn je. Die gleichen im Dämmer der Korridore hin und her eilenden Männer. Trupps von Arbeitern mit Gewehren. Führer mit mächtigen Aktenbündeln, diskutierend, erklärend, Befehle erteilend, während sie mit besorgten Mienen vorübereilten, umgeben von Freunden und Mitarbeitern, Männer, buchstäblich außer sich; lebende Wunder von Schlaflosigkeit und Arbeit, unrasiert und schmutzig, mit brennenden Augen. So viel hatten sie zu tun, so unendlich viel. Die Regierung mußte übernommen, das Leben der Stadt organisiert, die Loyalität der Garnison gesichert werden. Es galt, den Kampf gegen die Duma und das Komitee zur Rettung des Vaterlandes zu führen, die Deutschen fernzuhalten, den Kampf gegen Kerenski vorzubereiten, die Provinzen zu unterrichten, eine von Archangelsk bis Wladiwostok reichende Propaganda zu betreiben. Und all dies angesichts der Weigerung der Regierungs- und städtischen angestellten, sich den Anordnungen der Kommissare zu fügen, angesichts der den Dienst verweigernden Post- und Telegrafenbeamten, der allen Anforderungen von Zügen gegenüber taub bleibenden Eisenbahner. Kerenski im Anmarsch, die Garnison teilweise eine zweifelhafte Haltung einnehmend, die Kosaken auf das Signal zum Losschlagen wartend. Gegen sich nicht nur die organisierte Bourgeoisie, sondern auch alle anderen sozialistischen Parteien mit Ausnahme der linken Sozialrevolutionäre, einiger Menschewiki-Internationalisten und der Sozialdemokraten-Internationalisten. Und selbst diese unentschlossen, ob sie neutral bleiben sollten oder nicht. Mit ihnen, es ist richtig, die Arbeiter- und Soldatenmassen - die Bauern noch eine unbekannte Größe-; aber alles in allem genommen waren sie, die Bolschewiki, eine noch junge Partei, arm an erfahrenen und durchgebildeten Kräften. Auf der Vordertreppe traf ich Rjasanow, der mir halb belustigt, halb entsetzt erklärte, daß er, der Kommissar für Handel, nicht das geringste von Geschäften verstehe. In dem in der oberen Etage gelegenen Cafe saß in eine Ecke für sich ein Mann in einem Umhang aus Ziegenfell und Kleidern - in denen er geschlafen hatte, hätte ich fast gesagt, aber natürlich hatte er nicht geschlafen - und mit drei Tage alten Bartstoppeln im Gesicht. Mit eifriger Geschäftigkeit kritzelte er auf einen schmutzigen Briefumschlag, kaute hin und wieder an seinem Bleistift. Dies war Menshinski, der Kommissar für das Finanzwesen, dessen Qualifikation für sein Amt darin bestand, daß er einmal Buchhalter in einer französischen Bank gewesen war....Und diese vier, die aus dem Büro des Revolutionären Militärkomitees herauskamen, den Korridor fast im Laufschritt durcheilten und noch im Laufen auf kleine Stücke Papier kritzelten, das waren Kommissare, in alle vier Himmelsrichtungen Rußlands entsandt, das Land zu unterrichten, die Gegner zu überzeugen oder sie zu zwingen, mit Argumenten oder Waffen, wie sie ihnen immer zur Hand kämen....

 

Der Kongreß sollte um vier Uhr wieder zusammentreten, und der große Saal hatte sich lange vordem gefüllt. Aber noch gegen sieben Uhr war niemand von der Kongreßleitung zu sehen. Die Bolschewiki und Sozialrevolutionäre tagten in ihren Fraktionszimmern. Den ganzen Nachmittag hatten Lenin und Trotzki gegen die Kompromißler zu kämpfen gehabt. Ein großer Teil der Bolschewiki war zu einer Einigung mit allen sozialistischen Parteien auf der Grundlage der Bildung einer rein sozialistischen Regierung bereit. "Wir können es nicht schaffen; zu viele sind gegen uns. Es fehlen uns die Männer. Wir werden isoliert sein, und alles wird verloren sein." So Kamenew, Rjasanow und andere. Aber Lenin und ihm zur Seite Trotzki standen wie ein Fels. "Die Kompromißler sollen unser Programm akzeptieren, dann werden wir sie hereinkommen lassen. Nicht einen Zoll breit werden wir nachgeben. Wenn unter uns Genossen sind, die nicht den Mut und den Willen haben zu wagen, was wir wagen, so mögen sie mit dem Rest der Feiglinge und Kompromißler gehen! Wir aber werden, gestützt auf Arbeiter und Soldaten, vorwärtsgehen!" Fünf Minuten nach sieben traf die Mitteilung der linken Sozialrevolutionäre ein, daß sie im Revolutionären Militärkomitee verbleiben werden. "Da seht ihr, sie kommen schon", sagte Lenin. Ein wenig später, als wir in dem großen Saal am Pressetisch saßen, machte mir ein Anarchist, Berichterstatter bürgerlicher Blätter, den Vorschlag, zu sehen, was aus dem Präsidium geworden war. Im Büro des Zentralexekutivkomitees war kein Mensch, leer war auch das Büro des Petrograder Sowjets. Wir wanderten von Zimmer zu Zimmer, durch den ganzen Smolny. Kein Mensch schien auch nur die leiseste Idee zu haben, wo man das Präsidium des Kongresses finden könne. Im Gehen schilderte mir mein Begleiter seine frühere revolutionäre Tätigkeit, sein langes und angenehmes Exil in Frankreich... Die Bolschewiki, so vertraute er mir an, seien gewöhnliche, rohe, unwissende Leute ohne ästhetisches Empfinden. Er war ein echter Vertreter der russischen Intelligenz... So kamen wir schließlich nach dem Zimmer Nr.17, dem Büro des Revolutionären Militärkomitees, und standen dort inmitten des ungestümen Kommens und Gehens. Die Tür wurde aufgerissen, und ein untersetzter Mann in einer Uniform ohne Abzeichen stürzte heraus. Er schien zu lächeln - bald sah man jedoch, daß dieses scheinbare Lächeln in Wirklichkeit das gespannte Grinsen äußerster Ermüdung war. Dieser Mann war Krylenko. Mein Bekannter, ein flotter, zivilisiert aussehender junger Mann, stieß einen Freudenruf aus und stürzte vorwärts. "Nikolai Wassiljewitsch!" rief er, seine Hand ausstreckend. "Erinnern Sie sich nicht meiner, Genosse? Wir waren miteinander im Gefängnis." Krylenko machte eine Anstrengung, dachte nach und musterte ihn. "Richtig", sagte er endlich, den anderen mit einem Ausdruck großer Freundlichkeit ansehend. "Sie sind S.... Guten tag!" Sie umarmten einander. "Was tun Sie hier?" "Oh, ich schaue nur so herum....Sie scheinen sehr erfolgreich zu sein." "Ja!" erwiderte Krylenko. "Die proletarische Revolution ist ein großer Erfolg." Er lachte. "Vielleicht - vielleicht werde wir uns wieder im Gefängnis treffen!" Als wir in den Korridor hinaustraten, fuhr mein Bekannter in seinen Erklärungen fort. "Ich bin nämlich ein Anhänger Kropotkins. In unseren Augen ist die Revolution ein großer Mißerfolg; sie hat nicht vermocht, den Patriotismus der Massen zu erwecken. Das allein beweist, daß das Volk für die Revolution nicht reif ist...."

 

Es war genau 8 Uhr 40, als ein Ausbruch jubelnder Begeisterung den Eintritt des Präsidiums, mit Lenin - dem großen Lenin - in seiner Mitte ankündigte. Eine untersetzte Gestalt, mit großem, auf stämmigem Hals sitzenden Kopf, ziemlich kahl. Kleine bewegliche Augen, großer sympathischer Mund und kräftiges Kinn; jetzt rasiert, der bekannte Bart jedoch, den er fortan wieder tragen würde, schon wieder sprossend. In abgetragenem Anzug, mit Hosen, viel zu lang für ihn. Zu unauffällig, um das Idol eines Mobs zu sein, aber doch geliebt und verehrt wie selten ein Führer in der Geschichte. Ein Volksführer eigner Art - Führer nur dank der Überlegenheit seines Intellekts; nüchtern, kompromißlos und über den Dingen stehend, ohne Effekthascherei - aber mit der Fähigkeit, tiefe Gedanken in einfachste Worte zu kleiden und konkrete Situationen zu analysieren. Sein Scharfsinn ist verbunden mit der größten Kühnheit des Denkens.

 

Kamenew gab den Bericht über die Aktionen des Revolutionären Militärkomitees: Abschaffung der Todesstrafe in der Armee, Wiederherstellung der Propagandafreiheit, Freilassung der wegen politischer Vergehen verhaftet gewesenen Offiziere und Soldaten, Erlaß eines Haftbefehls gegen Kerenski, Beschlagnahme der Lebensmittelvorräte in den privaten Warenhäusern...... Ungeheurer Beifall. Noch einmal ein Vertreter vom "Bund": "Die unnachgiebige Haltung der Bolschewiki wird den Zusammenbruch der Revolution zur Folge haben. Die Delegierten des Bundes sehen sich daher gezwungen, aus dem Kongreß auszuscheiden" Zurufe aus der Versammlung: "Wir meinten, ihr seiet schon gestern gegangen. Wie oft gedenkt ihr uns noch zu verlassen?" Darauf der Vertreter der Menschewiki-Internationalisten, von erstaunten zurufen empfangen: "Auch ihr noch hier?" Der Redner erklärte, daß nur ein Teil der Menschewiki-Internationalisten den Kongreß verlassen habe, der Rest würde bleiben. "Wir erachten die Übernahme der Macht durch die Sowjets für gefährlich, ja sogar für tödlich für die Revolution." (Lebhafte Zurufe.) "Aber wir bleiben im Kongreß, um hier gegen diese Übernahme zu stimmen." Andere Redner folgten, offenbar ohne bestimmte Anweisungen, welche Stellung sie einnehmen sollten. Ein Delegierter der Kohlenbergwerke des Donezbeckens forderte von dem Kongreß Maßnahmen gegen Kaledin, der möglicherweise versuchen würde, die Hauptstadt von der Kohle- und Lebensmittelversorgung abzuschneiden. Einige von der Front angekommene Soldaten überbrachten begeisterte Grüße ihrer Regimenter. Und nun stand Lenin vorn, die Hände fest an den Rand des Rednerpultes gekrampft, seine kleinen blinzelnden Augen über die Menge schweifen lassend, wartend, bis der minutenlange, ihm offensichtlich gleichgültige Beifallssturm sich gelegt haben würde. Als er endlich beginnen konnte, sagte er einfach: "Wir werden jetzt mit dem Aufbau der sozialistischen Ordnung beginnen." Und wieder raste wilder Begeisterungssturm durch den Saal. "Das erste ist die Durchführung praktischer Maßregeln zur Verwirklichung des Friedens. Wir werden den Völkern aller kriegführenden Länder den Frieden auf der Grundlage der Sowjetbedingungen anbieten: Keine Annexionen, keine Kriegsentschädigungen, Selbstbestimmungsrecht der Völker. Gleichzeitig werden wir unserm Versprechen gemäß die Geheimverträge veröffentlichen und für ungültig erklären. Die Frage ,Krieg und Frieden' ist so einfach, daß ich glaube, die beabsichtigte Formulierung eines Aufrufes an die Völker aller kriegführenden Staaten hier ohne Vorrede vorlesen zu können: , Aufruf an die Völker und Regierungen aller kriegführenden Länder ! Die Arbeiter- und Bauernregierung, die durch die Revolution vom 6. Und 7. November (24. Und 25. Oktober) geschaffen wurde und sich auf die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten stützt, schlägt allen kriegführenden Völkern und ihren Regierungen vor, sofort Verhandlungen über einen gerechten demokratischen Frieden zu beginnen. Ein gerechter oder demokratischer Friede, den die überwältigende Mehrheit der durch den Krieg erschöpften, gepeinigten und gemarterten Klassen der Arbeiter und der Werktätigen aller kriegführenden Länder ersehnt und den die russischen Arbeiter und Bauern nach dem Sturz der Zarenmonarchie auf das entschiedenste und beharrlichste forderten - ein solcher Friede ist nach der Auffassung der Regierung ein sofortiger Friede ohne Annexionen (Das heißt ohne Aneignung fremder Territorien, ohne gewaltsame Angliederung fremder Völkerschaften) und ohne Kontributionen. Die Regierung Rußlands schlägt allen kriegführenden Völkern vor, unverzüglich einen solchen Frieden zu schließen, wobei sie sich bereit erklärt, sofort, ohne die geringste Verzögerung, alle entscheidenden Schritte zu unternehmen - bis zur endgültigen Bestätigung aller Bedingungen eines solchen Friedens durch die bevollmächtigten Versammlungen der Volksvertreter aller Länder und aller Nationen. Unter Annexion und Aneignung fremder Territorien versteht die Regierung, im Einklang mit dem Rechtsbewußtsein der Demokratie im allgemeinen und der werktätigen Klassen im besonderen, jede Angliederung einer kleinen und schwachen Völkerschaft an einen großen und mächtigen Staat, ohne daß diese Völkerschaft ihr Einverständnis und ihren Wunsch genau, klar und freiwillig zum Ausdruck gebracht hat, unabhängig davon, wann diese gewaltsame Angliederung erfolgt ist, sowie unabhängig davon, wie entwickelt oder rückständig eine solche mit Gewalt angegliederte oder mit Gewalt innerhalb der Grenzen eines gegebenen Staates festgehaltene Nation ist, und schließlich unabhängig davon, ob diese Nation in Europa oder in fernen, überseeischen Ländern lebt. Wenn irgendeine Nation mit Gewalt in den Grenzen eines gegebenen Staates festgehalten wird, wenn dieser Nation entgegen ihrem zum Ausdruck gebrachten Wunsche - gleichviel, ob dieser Wunsch in der Presse oder in Volksversammlungen, in Beschlüssen der Parteien oder in Empörungen und Aufständen gegen die nationale Unterdrückung geäußert wurde - das Recht vorenthalten wird, nach vollständiger Zurückziehung der Truppen der die Angliederung vornehmenden oder überhaupt der stärkeren Nation, in freier Abstimmung über die Formen ihrer staatliche Existenz, ohne den mindesten Zwang selbst zu entscheiden, so ist eine solche Angliederung eine Annexion, das heißt eine Eroberung und Vergewaltigung. Diesen Krieg fortzusetzen, um die Frage zu entscheiden, wie die starken und reichen Nationen die von ihnen annektierten schwachen Völkerschaften unter sich aufteilen sollen, hält die Regierung für das größte Verbrechen an der Menschheit, und sie verkündet feierlich ihre Entschlossenheit, unverzüglich die Bedingungen eines Friedens zu unterzeichnen, der diesem Krieg unter den obengenannten, für ausnahmslos alle Völkerschaften gleich gerechten Bedingungen ein Ende macht....

 

Die Regierung schafft die Geheimdiplomatie ab, sie erklärt, daß sie ihrerseits fest entschlossen ist, alle Verhandlungen völlig offen vor dem ganzen Volke zu führen, und geht unverzüglich dazu über, alle Geheimverträge zu veröffentlichen, die von der Regierung der Gutsbesitzer und Kapitalisten in der Zeit vom Februar bis zum 7. November (25.Oktober) 1917 bestätigt oder abgeschlossen wurden. Der ganze Inhalt dieser Geheimverträge, soweit er, wie es zumeist der Fall war, den Zweck hatte, den russischen Gutsbesitzern und Kapitalisten Vorteile und Privilegien zu verschaffen, die Annexionen der Großrussen aufrechtzuerhalten oder zu erweitern, wird von der Regierung bedingungslos und sofort für ungültig erklärt. Indem sich die Regierung an die Regierungen und Völker aller Länder mit dem Vorschlag wendet, sofort offene Verhandlungen über den Friedensschluß aufzunehmen, gibt sie ihrerseits ihrer Bereitschaft Ausdruck, diese Verhandlungen sowohl schriftlich, telegrafisch als auch durch mündliche Unterhandlungen mit Vertretern der verschiedenen Länder oder auf Konferenzen dieser Vertreter zu führen. Um solche Unterhandlungen zu erleichtern, entsendet die Regierung ihren bevollmächtigten Vertretern in die neutralen Länder. Die Regierung schlägt allen Regierungen und Völkern aller kriegführenden Länder vor, sofort eine Waffenstillstand abzuschließen, wobei sie es ihrerseits für wünschenswert hält, daß dieser Waffenstillstand auf mindestens drei Monate abgeschlossen werde, das heißt auf eine Frist, die völlig ausreicht sowohl für den Abschluß von Friedensverhandlungen , an denen Vertreter ausnahmslos aller Völkerschaften oder Nationen teilnehmen sollen, die in den Krieg hineingezogen oder hineingezwungen wurden, als auch für die Einberufung bevollmächtigter Versammlungen der Volksvertreter aller Länder zur endgültigen Bestätigung der Friedensbedingungen. Die Provisorische Arbeiter- und Bauernregierung Rußlands, die dieses Friedensangebot an die Regierungen und an die Völker aller kriegführenden Länder richtet, wendet sich gleichzeitig insbesondere an die klassenbewußten Arbeiter der drei fortgeschrittensten Nationen der Menschheit und der größten am gegenwärtigen Kriege beteiligten Staaten: Englands, Frankreichs und Deutschlands. Die Arbeiter dieser Länder haben der Sache des Fortschritts und des Sozialismus die größten Dienste erwiesen - in den großen Vorbildern der Chartistenbewegung in England, in der Reihe der Revolutionen von weltgeschichtlicher Bedeutung, die das französische Proletariat vollbracht hat, und schließlich im heroischen Kampf gegen das Sozialistengesetz sowie in der für die Arbeiter der ganzen Welt mustergültigen, langwierigen und beharrlichen disziplinierten Arbeit an der Schaffung von proletarischen Massenorganisationen in Deutschland. Alle diese Vorbilder proletarischen Heldentums und geschichtlicher Schöpferkraft sind für uns eine Bürgschaft, daß die Arbeiter der genannten Länder die ihnen jetzt gestellte Aufgabe der Befreiung der Menschheit von den Schrecken des Krieges und seinen Folgen begreifen werden, daß diese Arbeiter uns durch ihre allseitige, entschiedene , rückhaltlos energische Tätigkeit helfen werden, die Sache des Friedens und zugleich damit die Sache der Befreiung der werktätigen und ausgebeuteten Volksmassen von jeder Sklaverei und jeder Ausbeutung erfolgreich zu Ende zu führen'"

 

Nachdem der Beifallssturm verrauscht war, fuhr Lenin fort: "Wir schlagen dem Kongreß die Ratifikation unserer Erklärung vor. Wir wenden uns sowohl an die Regierungen als auch an die Völker der kriegführenden Staaten, weil eine nur an die Völker gerichtete Erklärung den Abschluß des Friedens hinauszuzögern geeignet sein könnte. Die im Verlauf des Waffenstillstandes ausgearbeiteten Friedensbedingungen werden durch die Konstituierende Versammlung ratifiziert werden. Mit der Festsetzung eines dreimonatigen Waffenstillstandes wünschen wir den Völkern nach dieser blutigen Menschenvernichtung eine so lange wie möglich währende Ruhepause zu geben und genügend Zeit, ihre Vertreter zu wählen. Der Friedensvorschlag wird auf den Widerstand der imperialistischen Regierungen stoßen. Wir machen uns darüber keine Illusionen; Aber wir hoffen auf den baldigen Ausbruch der Revolution in allen kriegführenden Ländern. Das ist der Grund, weswegen wir uns an die Arbeiter Frankreichs, Englands und Deutschlands im besonderen wenden....

 

Die Revolution vom 6. Und 7. November hat die Ära der sozialistischen Revolution eröffnet.... Die Arbeiterbewegung wird, im Namen des Friedens und des Sozialismus, den Sieg davontragen und ihre Mission vollenden..." Damit endete er. In seiner Art zu sprechen lag etwas Ruhiges und Machtvolles, das die Seelen der Männer aufwühlte. Man begriff, warum die Menschen felsenfest glaubten, wenn Lenin sprach.

 

Durch Handaufheben wurde schnell beschlossen, daß nur Vertreter der politischen Parteien zur Resolution sprechen sollten und das die Redezeit nicht länger als fünfzehn Minuten dauern dürfe. Als erstes sprach Karelin für die linken Sozialrevolutionäre: "Unsere Partei hatte keine Gelegenheit, Abänderungen zum Text des Aufrufes vorzuschlagen; es ist ein privates Dokument der Bolschewiki. Wir werden jedoch dafür stimmen, weil wir mit dem Geist einverstanden sind..." Für die Sozialdemokraten-Internationalisten sprach Kmarow, lang aufgeschossen, mit hängenden Schultern und kurzsichtig - ausersehen, die traurige Rolle des Clowns in der Opposition zu spielen. Nur eine Regierung, gebildet aus allen sozialistischen Parteien, sagte er, wäre autorisiert, eine derart wichtige Aktion zu unternehmen. Wenn eine sozialistische Koalition gebildet würde, so würde seine Partei das gesamte Programm unterstützen; wenn nicht, dann nur Teile davon. Was die Proklamation anbelange, so seien die Internationalisten mit ihren Hauptpunkten durchaus einverstanden...

 

Ein Redner folgte dem anderen, unter steigender Begeisterung; für die ukrainische Sozialdemokratie - Zustimmung; für die litauische Sozialdemokratie - Zustimmung; für die Volkssozialisten - Zustimmung; für die polnische Sozialdemokratie - Zustimmung; für die polnischen Sozialisten - Zustimmung, obwohl sie eine sozialistische Koalition vorziehen würden; für die lettische Sozialdemokratie - Zustimmung...Etwas war in allen diesen Männern entzündet worden. Einer sprach von der "kommenden Weltrevolution, deren Avantgarde wir sind"; ein anderer von dem "neuen Zeitalter der Brüderlichkeit, wo alle Völker eine einzige große Familie sein werden..." Jemand verlangte das Wort: "Ich sehe hier einen Widerspruch. Erst sprechen sie von einem Frieden ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen, und dann erklären sie sich bereit, alle Friedensbedingungen zu prüfen. Prüfen heißt annehmen..." Sofort erhob sich Lenin: "Wir wünschen einen gerechten Frieden. Aber wir fürchten nicht den revolutionären Krieg. Es ist möglich, daß die imperialistischen Regierungen unsern Appell unbeantwortet lassen. Wir werden ihnen kein Ultimatum stellen, das abzulehnen ihnen leichtfallen sollte. Wenn das deutsche Proletariat hören wird, daß wir bereit sind, alle Friedensbedingungen zu prüfen, dann wird das vielleicht der letzte Tropfen sein, der den Krug zum Überlaufen bringt, und in Deutschland wird die Revolution ausbrechen. Wir sind bereit, alle Friedensbedingungen zu prüfen. Das heißt nicht, daß wir sie unbedingt annehmen werden. Für einige unserer Bedingungen werden wir bis zum Ende kämpfen; aber für andere wird es vielleicht unmöglich sein, den Krieg fortzusetzen. Vor allem aber: Wir wünschen, den Krieg zu beenden..." Um zehn Uhr fünfunddreißig Minuten forderte Kamenew alle, die mit der Proklamation einverstanden waren, auf, ihre Karten in die Höhe zu heben. Ein Delegierter wagte es, dagegen zu stimmen; aber der plötzliche Ausbruch des Zornes um ihn herum ließ ihn die Hand schnell wieder herunternehmen. Und plötzlich, einem gemeinsamen Impuls folgend, hatten wir uns erhoben und sangen die Internationale. Ein alter graubärtiger Soldat schluchzte wie ein Kind. Alexandra Kollontai unterdrückte rasch die Tränen. Mächtig brauste der Gesang durch den Saal, durch Fenster und Türen zum stillen Nachthimmel empor. "Der Krieg ist zu Ende, der Krieg ist zu Ende", jubelte leuchtenden Antlitzes ein junger Arbeiter neben mir. Der Gesang war vorüber, und wir standen da in einer Art linkischen Schweigens. Plötzlich ertönte im Hintergrund des Saales der Ruf: "Genossen! Gedenken wir derer, die für die Freiheit gestorben sind!" Und so sangen wir den Trauermarsch, jene echt russische, schwermütige und doch so siegesgewisse Weise. Die Internationale ist schließlich trotz allem eine ausländische Melodie. Der Trauermarsch aber kam offenbar aus der Seele jener dunklen Massen, deren Vertreter hier im Saale saßen, in deren Vision ein neues Rußland, ja vielleicht mehr als das entstand.

 

 

"Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin;

 

Wir stehen und weinen, voll Schmerz Herz und Sinn.

 

Ihr kämpftet und starbet für kommendes Recht;

 

Wir aber, wir trauern, der Zukunft Geschlecht.

 

 

Einst aber, wenn Freiheit den Menschen erstand,

 

Und all euer Sehnen Erfüllung fand:

 

Dann werden wir künden, wie ihr einst gelebt,

 

Zum Höchsten der Menschheit empor nur gestrebt!"

 

 

Das war es, wofür sie dort lagen, in ihrem kalten Massengrab auf dem Marsfeld, die Märtyrer der Märzrevolution. Das war es, wofür Tausende und Zehntausende in finstern Kerkern, in der Verbannung, in den sibirischen Bergwerken starben. Es ist nicht gekommen, wie sie es sich vielleicht gedacht hatten noch wie es sich die Intelligenz gewünscht haben mag. Aber es ist gekommen, rauh und mächtig, aller Formeln spottend, jede Art Empfindsamkeit mißachtend: wirklich....Lenin verlas das Dekret über Grund und Boden:

 

"1. Das Eigentum der Grundbesitzer an Grund und Boden wird unverzüglich ohne jede Entschädigung aufgehoben.

 

2. Die Güter der Gutsbesitzer sowie alle Kron-, Kloster- und Kirchenländereien mit ihrem gesamten lebenden und toten Inventar, ihren Wirtschaftsgebäuden und allem Zubehör gehen bis zur Konstituierenden Versammlung in die Verfügungsgewalt der Bezirksbodenkomitees und der Kreissowjets der Bauerndeputierten über

 

3. Jegliche Beschädigung des beschlagnahmten Besitzes, der von nun an dem ganzen Volke gehört, wird als schweres Verbrechen erachtet, das vom Revolutionsgericht zu ahnden ist. Die Kreissowjets der Bauerndeputierten ergreifen alle erforderlichen Maßnahmen zur Wahrung der strengsten Ordnung bei der Beschlagnahme der Güter der Gutsbesitzer, zur Feststellung, welche Grundstücke und Grundstücke welchen Umfangs der Beschlagnahme unterliegen, zur Aufstellung eines genauen Verzeichnisses des gesamten der Beschlagnahme unterliegenden Besitzes und zur strengsten revolutionären Bewachung der ganzen ins Eigentum des Volkes übergehenden Wirtschaft mit allen Baulichkeiten, Geräten, Vieh, Lebensmittelvorräten und so weiter.

 

4. Als Richtschnur für die Durchführung der großen Agrarumgestaltungen muß überall bis zur endgültigen Entscheidung dieser Frage durch die Konstituierende Versammlung der bäuerliche Wählerauftrag dienen, der unter Zugrundelegung von 242 Aufträgen der örtlichen bäuerlichen Wähler von der Redaktion der ,Iswestija Wserossiskowo Sowjeta Krestjanskich Deputatow' zusammengestellt und in der Nr.88 dieser ,Iswestija' (Petrograd, Nr.88 vom 1.September [19.August]1917) veröffentlicht wurde.

 

5. Der Boden der einfachen Bauern und einfachen Kosaken unterliegt nicht der Beschlagnahme."

 

"Das ist nicht", erklärte Lenin, "das Projekt des ehemaligen Ministers Tschernow, der sich auf Reformen von oben beschränkte. Die Fragen der Aufteilung des Landes werden vielmehr von unten, an Ort und Stelle entschieden werden. Die Menge von Land, die jeder Bauer erhält, wird entsprechend den örtlichen Bedingungen verschieden sein...Unter der Provisorischen Regierung weigerten sich die Großgrundbesitzer entschieden, den Anordnungen der Bodenkomitees Folge zu leisten, jener Bodenkomitees, die Lwow geplant hatte, die unter Schingarjow ins Leben getreten waren und die von Kerenski dirigiert wurden!" Die Debatten hatten noch nicht begonnen, als sich ein Mann nach vorn drängte und auf die Bühne kletterte. Es war Pjanych, ein Mitglied des Exekutivkomitees der Bauernsowjets, und er schäumte vor Wut. "Das Exekutivkomitee des Gesamtrussischen Sowjets der Bauerndeputierten protestiert gegen die Verhaftung unserer Genossen, der Minister Salaskin und Maslow! Wir verlangen ihre sofortige Freilassung! Sie sind zur Zeit in der Peter-Pauls-Festung. Wir müssen eine unverzügliche Aktion unternehmen! Keine Sekunde ist zu verlieren!" Ihm folgte ein anderer, ein Soldat mit struppigem Bart und flammenden Augen. "Ihr sitzt hier und redet von der Übergabe des Landes an die Bauern, während ihr gleichzeitig einen Akt der Tyrannei und Usurpation gegen die gewählten Vertreter der Bauern verübt!" Mit erhobener Faust: "Ich erkläre euch, wenn ihnen auch nur ein Haar gekrümmt wird, so werden wir einen Aufstand machen!" Trotzki erhob sich. Ruhig, sarkastisch, im Bewußtsein seiner Macht, von Beifallssturm begrüßt. "Das Revolutionäre Militärkomitee hat gestern beschlossen, die sozialrevolutionären und menschewistischen Minister Maslow, Salaskin, Gwosdew und Maljantowitsch freizulassen. Daß sie noch immer in der Peter-Pauls-Festung sind, hat seinen Grund darin, daß wir zuviel zu tun haben....Sie werden jedoch in ihren Wohnungen bleiben müssen und überwacht werden, bis die Untersuchung über ihre Teilnahme an den verräterischen Handlungen Kerenskis während der Kornilow-Affäre abgeschlossen ist!" "Niemals", schrie Pjanych, "in keiner Revolution hatte man derartiges gesehen!" "Sie irren", antwortete Trotzki. "Wir haben solche Dinge sogar in dieser Revolution gesehen. Hunderte unserer Genossen sind in den Julitagen verhaftet worden...Als unsere Genossin Kollontai auf Anordnung des Arztes aus dem Gefängnis entlassen wurde, stellte Awxentjew vor ihre Tür zwei ehemalige Agenten der zaristischen Geheimpolizei!" Die Bauern traten ab, von höhnischen Zurufen begleitet. Der Vertreter der linken Sozialrevolutionäre sprach über das Landdekret. Obgleich im Prinzip einverstanden, könne seine Partei ihre Zustimmung nicht geben, ohne vorher die Frage diskutiert zu haben. Die Bauernsowjets müßten gehört werden. Auch die Menschewiki-Internationalisten bestanden darauf, erst eine Parteibesprechung abzuhalten. Dann sprach der Führer der Maximalisten, des anarchistischen Flügels der Bauern: "Wir können einer politischen Partei, die ein solches Gesetz, am ersten Tag und ohne langes Schwätzen durchführt, die Anerkennung nicht versagen!" Ein typisch russischer Bauer war auf der Tribüne, langhaarig, mit Stiefeln, im Schaffellmantel: "Ich habe nichts gegen euch, Genossen und Bürger", sagte er. "Überall treiben sich Kadetten herum. Ihr habt unsere sozialistischen Bauern verhaftet. Warum verhaftet man sie nicht auch?" Dies war das Signal zu einer erhitzten Debatte unter den Bauern. Es war genau wie bei den Auseinandersetzungen zwischen den Soldaten am Abend vorher. Die wirklichen Landproletarier gaben hier ihrem Fühlen Ausdruck. "Diese Mitglieder unseres Exekutivkomitees, die Awxentjew und all die anderen, die wir als Beschützer der Bauern angesehen haben - was sind die anders als Kadetten! Verhaften! Verhaften!" Ein anderer: "Was sind diese Pjanychs, diese Awxentjews? Das sind gar keine Bauern! Sie wedeln nur mit dem Schwanz!" Die linken Sozialrevolutionäre schlugen vor, die Verhandlungen auf eine halbe Stunde zu unterbrechen. Als die Delegierten hinausströmten, erhob sich Lenin: "Wir dürfen keine Zeit verlieren, Genossen! Nachrichten, von höchster Wichtigkeit für Rußland, müssen morgen früh noch in die Presse. Keine Verzögerung!" Und die hitzigen Debatten übertönend, hörte man die Stimme eines Vertreters des Revolutionären Militärkomitees: "Sofort fünfzehn Agitatoren nach Zimmer 17 für die Front!" Es dauerte fast zweieinhalb Stunden, bis die Delegierten wieder nach und nach in den Saal zurückkehrten, das Präsidium seine Plätze einnahm und die Sitzung mit der Verlesung der Telegramme fortgesetzt wurde, in denen ein Regiment nach dem anderen erklärte, zum Revolutionären Militärkomitee zu stehen. Ein Delegierter der russischen Truppen an der mazedonischen Front schilderte in bitteren Worten die Lage der Soldaten. "Wir leiden mehr unter der Freundschaft unserer Verbündeten als durch den Feind." In Hast angekommene Vertreter der Zehnten und Zwölften Armee berichteten:" Wir stehen zu euch mit unserer ganzen Kraft." Ein Bauernsoldat protestierte gegen die Freilassung der Sozialverräter Maslow und Salaskin. Die Verhaftung des gesamten Exekutivkomitees der Bauernsowjets wurde verlangt. Das war die wirkliche Sprache der Revolution. Ein delegierter der russischen Armee in Persien erklärte, daß er beauftragt sei, die Übernahme der ganzen Macht durch die Sowjets zu verlangen. Ein ukrainischer Offizier sprach in seiner Muttersprache: "In dieser Krise kann es keinen Nationalismus geben. Es lebe die Diktatur des Proletariats in allen Ländern." Nie wieder, davon war ich angesichts dieser machtvollen Flut himmelanstürmender und glühender Gedanken überzeugt, würde Rußland in seine alte Stummheit zurücksinken. Kamenew teilte mit, daß die Gegner der Bolschewiki überall Unruhen zu stiften bemüht seien. ER verlas einen Appell des Kongresses an alle Sowjets Rußlands: "Der Gesamtrussische Sowjetkongreß der Arbeiter- und Soldatendeputierten mit Einschluß einiger Bauerndeputierten richtet an alle lokalen Sowjets die Aufforderung zur sofortigen Durchführung energischer Maßnahmen im Interesse der Verhinderung aller konterrevolutionären und antijüdischen Aktionen und aller Arten Pogrome. Die Ehre der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrevolution erheischt, daß keinerlei Pogrome geduldet werden. Die Petrograder Rote Garde, die revolutionäre Garnison und die Matrosen sorgen für absolute Aufrechterhaltung der Ordnung in der Hauptstadt. Arbeiter, Soldaten und Bauern! Folgt überall dem Beispiel der Arbeiter und Soldaten Petrograds. Genossen, Soldaten und Kosaken! Auf uns entfällt die Pflicht der Sicherung einer wirklichen revolutionären Ordnung. Das revolutionäre Rußland und die ganze Welt blicken auf uns..." Punkt zwei erfolgte die Abstimmung über das Landdekret. Nur eine Stimme war dagegen.....Die Bauerndelegierten waren außer sich vor Freude. So stürmten die Bolschewiki vorwärts, unwiderstehlich, ohne Zögern, alle Oppositionen niederwerfend; die einzigen in Rußland, die ein klar umrissenes Aktionsprogramm besaßen, während die anderen Parteien acht Monate nur geredet hatten. Jetzt erhob sich ein Soldat, mager, zerlumpt, leidenschaftlich gegen eine Klausel in den Instruktionen protestierend, die die Deserteure von der Landverteilung in den Dörfern ausschloß. Anfangs versucht man ihn niederzuschreien, aber seine einfache, zu Herzen dringende Sprache verschaffte ihm schließlich Gehör. "Gegen seinen Willen in die Metzelei der Schützengräben gezwungen", rief er, "die ihr selber in dem Friedensdekret als schrecklich bezeichnet habt, grüßte er die Revolution mit der Hoffnung auf Friede und Freiheit. Friede? Die Kerenskiregierung zwang ihn erneut, nach Galizien zu gehen, um zu morden und gemordet zu werden; auf seine Wünsche nach Frieden hatte Kerenski nur ein Lachen....Freiheit? Unter Kerenski wurden seine Komitees unterdrückt, seine Zeitungen verboten, die Redner seiner Partei eingekerkert...Zu Hause in seinem Dorf führten die Großgrundbesitzer den Kampf gegen seine Bodenkomitees und warfen seine Genossen ins Gefängnis. In Petrograd sabotierte die Bourgeoisie, im Bündnis mit den Deutschen, die Versorgung der Armee mit Lebensmitteln und Munition...Er hatte keine Kleider, keine Stiefel...Wer zwang ihn zu desertieren? Die Kerenskiregierung, die ihr gestürzt habt!" Am Ende seiner Rede erntete er Beifall. Doch ein anderer Soldat erhob sich: "Die Kerenskiregierung ist kein Schirm, hinter dem sich die Deserteure verstecken können! Die Deserteure sind Schufte, die nach Hause gelaufen sind und ihre Kameraden in den Schützengräben im Stich gelassen haben! Jeder Deserteur ist ein Verräter, der Strafe verdient..." Heftige Bewegung. Rufe: "Dowolno! Tiesche!" Kamenew schlug vor, die Beschlußfassung über die Frage der Regierung zu überlassen. Um halb drei Uhr verlas Kamenew unter gespannter Aufmerksamkeit des ganzen Kongresses das Dekret über die Konstituierung der Regierung.

 

"Zur Verwaltung des Landes wird bis zur Einberufung der Konstituierenden Versammlung eine provisorische Arbeiter-und-Bauern-Regierung gebildet, die den Namen Rat der Volkskommissare führt. Die Leitung der einzelnen Zweige des staatlichen Lebens wird Kommissionen übertragen, deren Zusammensetzung die Durchführung des vom Kongreß verkündeten Programms ermöglichen muß, in engster Zusammenarbeit mit den Massenorganisationen der Arbeiter, Arbeiterinnen, Matrosen, Soldaten, Bauern und Angestellten. Die Regierungsgewalt wird von dem Kollegium der Vorsitzenden dieser Kommissionen ausgeübt, das heißt von dem Rat der Volkskommissare. Die Kontrolle über die Tätigkeit der Volkskommissare sowie das Recht der Absetzung der Volkskommissare steht dem Gesamtrussischen Kongreß der Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten und seinem Zentralexekutivkomitee zu." Noch immer tiefe Stille. Und dann, als Kamenew die Liste der Kommissare verlas, stürmischer Jubel nach jedem Namen, vor allem nach Lenins und Trotzkis.

 

 

Vorsitzender des Rats der Volkskommissare: Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin)

 

Volkskommissar für Innere Angelegenheiten: Rykow

 

Landwirtschaft: Miljutin

 

Arbeit: Schljapnikow

 

Heeres- und Marinewesen: Ein Komitee, zusammengesetzt aus Owsejenko (Antonow), Krylenko und Dybenko

 

Handel und Industrie: Nogin

 

Bildungswesen: Lunatscharski

 

Finanzen: Skworzow (Stepanow)

 

für Auswärtige Angelegenheiten:) Bronstein (Trotzki)

 

Justiz: Oppokow (Lomow)

 

Ernährung: Teodorowitsch

 

Post und Telegraf: Awilow (Glebow)

 

für die Angelegenheiten der Nationalitäten: Dshugaschwili (Stalin)

 

Eisenbahnen: Besetzung wird auf später verschoben.

 

 

Überall Bajonette, an den Eingängen des Saales und zwischen den Delegierten. Das Revolutionäre Militärkomitee gab jedem eine Waffe, der sie zu tragen vermochte. Die Bolschewiki rüsteten zur Entscheidungsschlacht gegen Kerenski, dessen Trompetensignale der Südwestwind herübertrug. Niemand dachte daran, nach Hause zu gehen. Im Gegenteil; Hinderte Neuankommende fluteten herein, den riesigen Saal bis zum letzten Platz füllend, entschlossen blickende Arbeiter und Soldaten, die ausharrten, stundenlang, unermüdlich und eifrig. Die Luft war dick von Zigarettenqualm und menschlichen Ausdünstungen. Awilow, von der Redaktion der "Nowaja Shisn", sprach im Namen der Sozialdemokraten-Internationalisten und der im Kongreß verbliebenen Menschewiki-Internationalisten. Mit seinem jungen Intellektuellengesicht und dem eleganten Gehrock paßte er nicht zu seiner Umgebung. "Wir müssen uns unbedingt darüber klarwerden, wohin die Reise geht. Die Leichtigkeit, mit der die Koalitionsregierung gestürzt wurde, erklärt sich nicht aus der Kraft der linken Demokratie, sondern aus der bewiesenen Unfähigkeit jener Regierung, dem Volke Brot und Frieden zu geben. Auch der linke Flügel wird sich nicht an der Macht halten können, wenn er diese Fragen nicht zu lösen vermag. Werdet ihr dem Volk Brot geben können? Getreide ist knapp. Die Mehrheit der Bauern wird nicht mit euch sein; denn ihr könntet ihnen nicht die Maschinen geben, die sie brauchen. Brennmaterial und sonstige Rohstoffe herbeizuschaffen ist nahezu unmöglich. Was den Frieden anbetrifft, so ist die Lösung dieser Frage sogar noch schwieriger als die der anderen. Die Alliierten haben es abgelehnt, mit Skobelew auch nur ein Wort zu reden. Sie werde niemals eine von euch vorgeschlagene Friedenskonferenz akzeptieren. Man wird euch weder in Paris und London noch in Berlin anerkennen. Ihr könnt auch nicht auf die wirksame Unterstützung des Proletariats der alliierten Länder rechnen, denn in den meisten dieser Länder sind die Arbeiter weit entfernt von jeder Art revolutionärem Kampf. Denkt doch nur daran, daß die Demokratie der alliierten Länder nicht einmal imstande war, den Zusammentritt der Stockholmer Konferenz zu ermöglichen. Und die Deutschen? Ich habe soeben mit dem Genossen Goldenberg gesprochen, einem unserer Delegierten auf der Stockholmer Konferenz. Dem ist von Vertretern der äußersten Linken der deutschen sozialdemokratischen Bewegung gesagt worden, daß, solange der krieg währe, in Deutschland eine Revolution unmöglich sei." Ein wahrer Hagel von Zwischenrufen setzte hier ein, aber Awilow redete unbeirrt weiter. "Das unabwendbare Resultat der Isolierung Rußlands wird sein: entweder der Zusammenbruch der russischen Armee unter den Schlägen der Deutschen und das Zustandekommen eines Friedens zwischen der österreichisch-deutschen und der französisch-britischen Koalition auf Kosten Rußlands oder ein Sonderfrieden mit Deutschland. Wie ich eben höre, bereiten die diplomatischen Vertreter der Alliierten ihre Abreise vor und in allen Städten Rußlands ist die Bildung von Komitees zur Rettung des Vaterlandes im Gange. Es gibt keine Partei, die allein dieser enormen Schwierigkeiten Herr werden könnte. Die Revolution kann nur von einer sozialistischen Koalitionsregierung zu Ende geführt werden." Er verlas die Resolution der zwei Parteien: "In der Erwägung, daß zur Sicherung der Errungenschaften der Revolution sofort eine Regierung gebildet werden muß, die auf der in den Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten organisierten revolutionäre Demokratie basiert; in der weiteren Erwägung, daß die Aufgabe dieser Regierung die schnellstmögliche Verwirklichung des Friedens ist, die Übergabe des Landes an die Agrarkomitees, die Organisierung der Kontrolle über die industrielle Produktion sowie die Einberufung der Konstituierenden Versammlung an dem festgesetzten Datum - ernennt der Kongreß ein Exekutivkomitee, dessen Aufgabe es ist, eine solche Regierung nach Verständigung mit den Gruppen der Demokratie zu bilden, die an dem Kongreß teilnehmen."

 

Awilows kühle und konziliante Art zu argumentieren hatte die Versammlung trotz des Überschwanges ihrer revolutionären Begeisterung nicht unberührt gelassen. Gegen den Schluß seiner Rede waren die Zwischenrufe allmählich verstummt, und als er schloß hatte er sogar einigen Beifall. Nach ihm sprach Karelin, gleichfalls jung, furchtlos, von unzweifelhafter Aufrichtigkeit, im Namen der linken Sozialrevolutionäre, der Partei Maria Spiridonowas, die fast als einzige Partei den Bolschewiki gefolgt war und die revolutionären Bauern repräsentierte. "Unsere Partei hat den Eintritt in den Rat der Volkskommissare abgelehnt, weil wir nicht wünschen, uns von dem Teil der revolutionären Armee zu trennen, der den Kongreß verlassen hat. Es wäre uns sonst unmöglich, unsere Vermittlertätigkeit zwischen den Bolschewiki und den anderen demokratischen Parteien auszuüben, die uns im gegenwärtigen Moment unsere wichtigste Aufgabe zu sein scheint. Wir können keine Regierung unterstützen, die nicht eine Regierung der sozialistischen Koalition ist. Weiter protestieren wir gegen die von den Bolschewiki geübte Despotie. Man hat unsere Kommissare von ihren Posten verjagt, und gestern ist unser einziges Organ, ,Snamja Truda' (Das Banner der Arbeit), verboten worden. Die Stadtduma ist im begriff, ein machtvolles Komitee zur Rettung des Vaterlandes zu bilden, dessen Aufgabe der Kampf gegen euch sein wird. Schon jetzt seid ihr isoliert, und nicht eine der anderen Parteien wird euch zu Hilfe kommen." Und dann stand Trotzki auf der Tribüne, selbstsicher, faszinierend, das ihm eigene sarkastische Lächeln um den Mund. Er sprach mit weithin schallender Stimme, die Masse zu sich emporreißend: "Die Hinweise auf die Gefahren der Isolierung unserer Partei sind nicht neu. Schon am Vorabend des Aufstandes hat man die unvermeidbare Niederlage unserer Partei vorausgesagt. Alle waren sie gegen uns. Im Revolutionären Militärkomitee stand nur ein kleiner Teil der linken Sozialrevolutionäre zu uns. Wie konnten wir es da fertigbringen, die Regierung fast ohne Blutvergießen zu stürzen? Die Tatsache unseres Sieges ist der sicherste Beweis dafür, daß wir nicht isoliert waren. Isoliert war vielmehr die Provisorische Regierung, waren die demokratischen Parteien, die gegen uns marschierten. Und die sind es noch und werden für immer losgelöst sein vom Proletariat! Sie reden von der Notwendigkeit einer Koalition. Die einzig mögliche Koalition, das ist die Koalition der Arbeiter, Soldaten und armen Bauern. Und die Ehre unserer Partei ist, diese Koalition verwirklicht zu haben. Was für eine Koalition aber meinte Awilow? Eine Koalition mit jenen, die die Regierung des Volksverrates unterstützen? Nicht immer ist die Koalition gleichbedeutend mit Kräftesteigerung. Hätten wir vielleicht den Aufstand organisieren können mit Dan und Awxentjew in unsern Reihen? Lachende Zustimmung. "Awxentjew gab euch wenig Brot. Wird eine Koalition mit den Sozialpatrioten mehr liefern? Zwischen den Bauern und Awxentjew, der die Verhaftung der Bodenkomitees anordnete, haben wir die Bauern gewählt! Unsere Revolution wird die klassische Revolution der Geschichte bleiben... Sie erheben gegen uns den Vorwurf, die Verständigung mit den anderen demokratischen Parteien zurückgewiesen zu haben. Aber liegt die Schuld wirklich bei uns oder müssen wir, wie Karelin es tat, alles auf ein Mißverständnis zurückführen? Ach nein, Genossen! Wenn eine Partei noch im schwersten revolutionären Kampfe, geblendet vom Pulverdampf, daherkommt und erklärt: ,Da ist die politische Macht, nehmt sie', und die, denen sie angeboten wird, gehen zum Feinde über, so ist das kein Mißverständnis mehr, sondern es ist die offene brutale Kriegserklärung. Nicht wir waren es, die den Krieg erklärt haben. Awilow glaubt uns schrecken zu können, wenn er das Scheitern unserer Friedensbemühungen voraussagt für den Fall, daß wir weiter isoliert bleiben. Ich muß hier wiederholen, daß ich nicht einzusehen vermag, inwieweit eine Koalition mit Skobelew oder selbst mit Tereschtschenko uns irgendwie dem Frieden näherbringen könnte. Awilow droht uns mit einem Frieden auf Rußlands Kosten. Darauf habe ich zu antworten, daß wir wohl wissen, daß , wenn auch weiterhin in Europa die imperialistische Bourgeoisie herrschen wird, das revolutionäre Rußland sich allein nicht zu halten vermag. Es gibt nur die Alternative: Entweder die russische Revolution wird eine revolutionäre Bewegung in Europa auslösen, oder die reaktionären Mächte Europas werden das revolutionäre Rußland zerstören!" Und die Massen jubelten ihm zu, zu kühnem Wagen entflammt bei dem Gedanken, daß sie berufen sein sollten, die Vorkämpfer der Menschheit zu sein. Und von dem Augenblick an lebte in den aufständischen Massen, in all ihren Aktionen, etwas Bewußtes und Entschlossenes, was sie nie wieder verließ. Andererseits begann aber auch der Kampf bestimmte Formen anzunehmen. Kamenew gab einem Delegierten vom Eisenbahnerverband das Wort, einem stämmigen Menschen mit dem Ausdruck unversöhnlicher Feindschaft in seinen grobknochigen Zügen. Was er sagte, wirkte wie eine Bombe: "Ich spreche hier im Namen der stärksten Organisation Rußlands und habe den Auftrag, euch die Beschlüsse des Wikshel (Gesamtrussisches Exekutivkomitee des Eisenbahnerverbandes) zur Frage der Konstituierung der Macht bekanntzugeben. Wir lehnen es ab, die Bolschewiki zu unterstützen, solange sie fortfahren, sich von der gesamten Demokratie Rußlands zu isolieren!" Ungeheurer Tumult im ganzen Saal. "1905 und in den Kornilowtagen waren die Eisenbahner die energischsten Verteidiger der Revolution. Aber ihr habt uns zu eurem Kongreß nicht eingeladen." Zurufe: "Das alte Zentralexekutivkomitee war es, das euch nicht eingeladen hat." Der Redner schenkte den Zurufen keine Beachtung. "Wir erkennen die Rechtmäßigkeit dieses Kongresses nicht an. Seit dem Ausscheiden der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre bestehen die Voraussetzungen für die Legalität der hier gefaßten Beschlüsse nicht mehr. Der Verband unterstützt das alte Zentralexekutivkomitee und erklärt, daß der Kongreß kein Recht hat, ein neues Komitee zu wählen. Die Staatsmacht muß eine sozialistische und revolutionäre Macht sein, verantwortlich den autorisierten Organen der gesamten revolutionären Demokratie. Bis zur Bildung einer solchen Macht verbietet der Verband der Eisenbahner, der den Transport konterrevolutionärer Truppen nach Petrograd verweigert, gleichzeitig die Ausführung jeglicher Befehle, die, von wem auch immer, ohne Zustimmung des Wikshel erlassen werden. Der Wikshel nimmt die Verwaltung der gesamten Eisenbahnen Rußlands in eigene Hände." Ein wilder Entrüstungssturm setzte ein, in dem die Schlußbemerkungen des Redners fast gänzlich untergingen. Aber die Rede war ein schwerer Schlag. Das zeigten die besorgten Mienen im Präsidium. Kamenew antwortete kurz, daß die Rechtmäßigkeit des Kongresses nicht bezweifelt werden könne, da sogar nach Ausscheiden der Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Zahl der anwesenden Delegierten die vom alten Zentralexekutivkomitee vorgesehene Mindestzahl überschreite. Darauf erfolgte die Abstimmung über die Konstituierung der Regierung, die mit ungeheurer Mehrheit den Rat der Volkskommissare bestätigte. Die Wahl des neuen Zentralexekutivkomitees, des neuen russischen Parlaments, nahm kaum fünfzehn Minuten in Anspruch. Trotzki teilte seine Zusammensetzung mit: Hundert Mitglieder, davon siebzig Bolschewiki. Die Sitze der Bauern und der ausgeschiedenen Parteien sollten diesen reserviert bleiben. "Der Regierung sind alle Parteien und Gruppen angenehm, die bereit sind, unser Programm zu akzeptieren." Mit diesen Worten schloß Trotzki. Der Zweite Gesamtrussische Sowjetkongreß wurde geschlossen. Die Delegierten eilten nach Hause, in alle Windrichtungen Rußlands, um zu berichten, was sich Gewaltiges abgespielt hatte.

 

Es war fast sieben Uhr, als wir die Schaffner und Wagenführer vom verbande der Straßenbahner weckten, von denen während der ganzen Dauer des Kongresses immer einige mit ihren Wagen am Smolny warteten, um die Delegierten in ihre Wohnungen zu bringen. Die Stimmung in dem überfüllten Wagen schien mir etwas weniger sorglos und heiter als am Abend vorher. Viele sahen besorgt aus, als sagten sie sich: "Nun sind wir die Herren. Wie können wir durchführen, was wir uns vorgenommen haben?"

 

Vor unserem Hause wurden wir in der Dunkelheit von einer Patrouille bewaffneter Bürger angehalten und sorgfältig durchsucht. Es war die Proklamation der Duma, die zu wirken begann. Unsere Wirtin hörte uns kommen und stolperte heraus, in einen rosaseidenen Schal gehüllt. "Das Hauskomitee ist noch einmal hier gewesen und läßt Ihnen sagen, daß auch Sie ihrer Wachpflicht nachkommen müssen, wie die übrigen Männer im Hause." "Warum wachen?" "Um das Haus und die Frauen und Kinder zu schützen." "Gegen wen?" "Gegen Räuber und Mörder." "Wenn nun aber ein Kommissar vom Revolutionären Militärkomitee kommt, um nach Waffen zu suchen?" "Oh, alle werden behaupten, daß sie vom Revolutionären Militärkomitee kommen. Und dann, was ist eigentlich der Unterschied?" Ich versicherte feierlich, daß der Konsul allen amerikanischen Bürgern das Waffentragen verboten habe, im besonderen in der Nachbarschaft der russischen Intelligenz.

 

 

 

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VI. DAS KOMITEE ZUR RETTUNG DES VATERLANDES UND DER REVOLUTION

 

Freitag, 9. November

 

"Nowotscherkassk, 8. November. Der Aufstand der Bolschewiki und ihr Versuch, die Provisorische Regierung zu stürzen und in Petrograd die Macht an sich zu reißen, veranlaßt die Kosakenregierung zu der Erklärung, daß sie diese Handlungen für verbrecherisch und absolut unzulässig erachtet. Die Kosaken werden darum die Provisorische Regierung, die eine Koalitionsregierung ist, mit ihrer ganzen Macht unterstützen. Unter diesen Umständen werde ich selbst mit dem Beginn des 7.November im Dongebiet die gesamte Macht übernehmen bis zur Rückkehr der Provisorischen Regierung und der Wiederherstellung der Ordnung in Rußland.

 

Gezeichnet: Ataman Kaledin,

 

Präsident der Regierung der Kosakentruppen."

 

 

Befehl des Ministerpräsidenten Kerenski, datiert in Gatschina:

 

"Ich, der Ministerpräsident der Provisorischen Regierung und Oberster Befehlshaber aller bewaffneten Kräfte der Russischen Republik, erkläre, daß ich persönlich die Führung der Frontregimenter übernommen habe, die dem Vaterlande treu geblieben sind. Ich befehle allen Truppen des Petrograder Militärbezirks, die durch Mißverständnis oder aus Torheit dem Ruf der Verräter am Vaterland und an der Revolution gefolgt sind, die unverzügliche Rückkehr zu ihrer Pflicht. Dieser Befehl ist allen Regimentern, Bataillonen und Kompanien vorzulesen.

 

Gezeichnet: A.F. Kerenski

 

Ministerpräsident der Provisorischen Regierung

 

und Oberster Befehlshaber."

 

Telegramm Kerenskis an den Kommandierenden General der Nordfront: "Die Stadt Gattschina wurde von regierungstreuen Truppen genommen und ohne Blutvergießen besetzt. Kompanien von Kronstädter Matrosen und Soldaten des Semjonowski- und des Ismailowski-Regiments haben bedingungslos die Waffen gestreckt und sich den Regierungstruppen angeschlossen. Ich befehle allen für den Vormarsch bestimmten Transporten, schnell vorzurücken. Vom Revolutionären Militärkomitee haben die Truppen den Befehl erhalten, zurückzugehen."

 

Das etwa dreißig Kilometer südwestlich gelegene Gattschina war im Verlaufe der Nacht gefallen. In der Umgebung führerlos umherirrende Abteilungen der in dem Telegramm genannten Regimenter waren in der Tat von Kosaken umzingelt und entwaffnet worden. Es traf aber nicht zu, daß sie sich den Regierungstruppen angeschlossen hatten. Gerade jetzt befanden sich Trupps von ihnen verwirrt und beschämt im Smolny, bemüht zu erklären, wie sich die Sache abgespielt hatte. Sie hätten die Kosaken nicht so nahe vermutet und dann versucht, sie zu überreden. An der revolutionären Front herrschte offensichtlich die größte Verwirrung. Die Garnisonen der südlich gelegenen kleinen Städte hatten sich in zwei, manchmal in drei einander bekämpfende Parteien gespalten. Die Offiziere hielten in Ermangelung einer stärkeren Autorität zu Kerenski, die Mehrheit der Soldaten zu den Sowjets. Der Rest schwankte unschlüssig hin und her. Schnell entschlossen betraute das Revolutionäre Militärkomitee mit der Verteidigung Petrograds einen ehrgeizigen ehemaligen Hauptmann der regulären Armee namens Murawjow, der während des Sommers die Todesbataillone organisiert und sich der Regierung gegenüber einmal geäußert hatte, daß sie zu sanft mit den Bolschewiki verfahre. Diese müßten vom Erdboden vertilgt werden. Ein Mann von ausgesprochen militärischem Denken und vielleicht aufrichtiger Bewunderung für Macht und Kühnheit. Als ich am Morgen mein Haus verließ, waren neben meiner Tür zwei neue Befehle des Revolutionären Militärkomitees angeschlagen, in denen angeordnet wurde, daß die Läden und Magazine wie gewöhnlich offenzuhalten und alle leerstehenden Räume und Wohnungen zur Verfügung des Komitees zu halten seien. Seit sechsunddreißig Stunden waren nun die Bolschewiki von dem übrigen Rußland abgeschnitten. Die Eisenbahner und die Telegrafenarbeiter weigerten sich, ihre Anordnungen weiterzugeben, und die Postbeamten, ihre Post zu befördern. Nur die Regierungsstation für drahtlose Telegrafie in Zarskoje Selo schleuderte halbstündlich Bulletins und Manifeste in alle Himmelsrichtungen, und mit den Kommissaren der Stadtduma zugleich fuhren auf schnellen Zügen die Kommissare des Smolny durch das ganze Land. Hoch in der Luft zogen zwei Flugzeuge mit Propagandamaterial beladen der Front zu. Aber die Ausbreitung des Aufstandes ging mit märchenhafter Schnelligkeit vor sich. In Helsingfors erklärte sich der Sowjet für die Revolution. In Kiew hatten sich die Bolschewiki des Arsenals und der Telegrafenstation bemächtigt und wurden nur von den Delegierten des Kosakenkongresses vertrieben, die dort zusammengekommen waren. In Kasan hatte das Revolutionäre Militärkomitee den lokalen Garnisonstab und den Kommissar der Provisorischen Regierung verhaftet. Aus dem fernen Krasnojarsk in Sibirien kamen Nachrichten, daß die Sowjets die Kontrolle der städtischen Einrichtungen in die Hände genommen hätten. In Moskau, wo sich die Situation infolge eines umfangreichen Streiks der Lederarbeiter und der Androhung einer allgemeinen Aussperrung durch die Unternehmer besonders zugespitzt hatte, beschlossen die Sowjets mit überwältigender Mehrheit die Unterstützung der Petrograder Bolschewiki. Ein Revolutionäres Militärkomitee war bereits gebildet worden und in Funktion. Die Entwicklung war überall die gleiche. Die große Mehrheit der gemeinen Soldaten und die Industriearbeiter unterstützten die Sowjets, während die Offiziere, die Offiziersschüler und die Mittelklasse im allgemeinen, ebenso wie die bürgerlichen Kadetten und die "gemäßigten" Sozialisten, sich auf die Seite der Regierung stellten. In allen diesen Städten bildeten sich Komitees zur Rettung des Vaterlandes, die sich für den Bürgerkrieg rüsteten. Das große Rußland befand sich in einem Zustande der Auflösung. Schon 1905 begann dieser Prozeß. Die Märzrevolution hatte ihn nur beschleunigt, und alle Anstrengungen der in dieser Revolution zur Macht gelangten Kompromißler hatten nichts als eine vorläufige Konservierung des innerlich hohlen alten Regimes gezeitigt. All dies hatte sich nun unter dem Ansturm der Bolschewiki in einer einzigen Nacht in ein Nichts aufgelöst, so wie man eine Rauchwolke auseinanderbläst. Das alte Rußland war nicht mehr. Die alte Gesellschaft schmolz in der Gluthitze der Revolution, und aus dem brodelnden Flammenmeer stiegen der Klassenkampf, gewaltig und mitleidslos, und die noch zerbrechliche, langsam erkaltende Kruste einer neuen Welt.

 

In Petrograd streikten sechzehn Ministerien unter der Führung des Ministeriums für Arbeit und des Ministeriums für Ernährung - die beiden einzigen, die von der sozialistischen Regierung im August gebildet worden waren. Wenn jemals Männer alleingestanden haben, so war es die "Handvoll Bolschewiki" an jenem trüben, kalten Morgen in den von allen Seiten wild über sie hinbrausenden Stürmen. Mit dem Rücken gegen die Wand kämpfte das Revolutionäre Militärkomitee um sein Leben. "De l'audace, encore de l'audace, et toujours de l'audace!" ("Kühnheit, Kühnheit und abermals Kühnheit!") ....Um fünf Uhr morgens besetzten die Rotgardisten die Räume der Staatsdruckerei, beschlagnahmten Tausende von Exemplaren des Protestaufrufes der Duma und verboten das offizielle städtische Organ. Alle bürgerlichen Zeitungen waren verboten, sogar "Golos Soldata", das Organ des alten Zentralexekutivkomitees - das indessen unter einem andern Namen, "Soldatski Golos", in einer Auflage von hunderttausend Exemplaren herauskam: "Die Männer, die in der Nacht ihren verräterischen Streich begannen, die die Zeitung verbieten, werden das Land nicht lange in Unwissenheit halten können. Das Land wird die Wahrheit erfahren! Es wird euch, ihr Herren Bolschewiki, durchschauen! Wir werden sehen!...." Als wir kurz nach zwölf Uhr den Newski hinunterkamen, hatte sich vor dem Dumagebäude eine die ganze Straße füllende Menschenmenge angesammelt. Hin und wieder sah man Rotgardisten und Matrosen mit aufgepflanzten Bajonetten, jeder umringt von zirka hundert Männern und Frauen - Büroangestellten, Studenten, Ladeninhabern -, mit erhobenen Fäusten, Beschimpfungen und Drohungen über sie ausschüttend. Auf den Stufen Pfadfinder und Offiziere, die Nummern des "Soldatski Golos" verteilten. Ein Arbeiter mit einer roten Armbinde und einem Revolver in der Hand stand, zitternd vor Wut und Nervosität, inmitten einer feindlichen Menge am Fuße der Treppe und verlangte die Herausgabe der Zeitungen.... Nie in der Geschichte hat sich ähnliches zugetragen. Auf der einen Seite eine Handvoll Arbeiter und gewöhnliche Soldaten im Besitz der Waffen, die siegreiche Revolution repräsentierend - und dabei in vollster Armseligkeit; auf der anderen Seite ein wütender Haufen von Leuten, wie sie um die Mittagszeit die Bürgersteige der fünften Avenue zu bevölkern pflegen, spöttelnd, schimpfend, schreiend: "Verräter, Provokateure!" Die Tore wurden von Studenten und Offizieren bewacht, die weiße Armbinden mit der Aufschrift: "Miliz des Komitees für die öffentliche Sicherheit" trugen, und ein halbes Dutzend Pfadfinder kamen und gingen. Oben helle Aufregung. Hauptmann Gomberg kam die Treppe herunter. "Sie wollen die Duma auflösen", sagte er. "Der bolschewistische Kommissar ist gerade beim Bürgermeister." Als wir nach oben kamen, stürzte Rjasanow aus dem Zimmer heraus. Er war gekommen, um von der Duma die Anerkennung des Rates der Volkskommissare zu fordern, und der Bürgermeister hatte ihm eine glatte Absage gegeben. In den Büros fand ich eine große, schwatzende Menge, hin- und hereilend, schreiend, gestikulierend - Beamte, Intellektuelle, Journalisten, ausländische Korrespondenten, französische und englische Offiziere....Der Stadtbaumeister wies triumphierend auf sie. "Die Gesandtschaften erkennen als einzige Macht nur die Duma an", erklärte er. "Für diese bolschewistischen Mörder und Räuber ist es nur noch eine Frage von Stunden. Das ganze Rußland schart sich um uns." Im Alexandersaal eine riesige Versammlung des Komitees zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution. Filippowski hatte den Vorsitz, und Skobelew berichtete unter ungeheurem Beifall über neue Beitritte zum Komitee: Exekutivkomitee der Bauernsowjets, altes Zentralexekutivkomitee, zentrales Armeekomitee, Zentroflot, Menschewiki-Internationalisten, Sozialrevolutionäre und Frontgruppendelegierte zum Kongreß der Sowjets, Zentralkomitees der Menschewiki, der Sozialrevolutionäre, der Volkssozialisten die Gruppe "Jedinstwo", Bauernverband, Genossenschaften, Semstwos, Stadtverwaltungen, Post- und Telegrafenverbände, der Wikshel, Rat der Russischen Republik, Verband der Verbände, Kaufmanns- und Fabrikantenvereinigung... "......Die Macht der Sowjets ist nicht eine demokratische macht, sondern eine Diktatur - und nicht eine Diktatur des Proletariats, sondern gegen das Proletariat. All jene, die wissen, was revolutionäre Begeisterung ist, müssen sich für die Verteidigung der Revolution verbünden.... Die Aufgabe des Tages ist nicht nur, unverantwortliche Demagogen unschädlich zu machen, sondern den Kampf gegen die Konterrevolution aufzunehmen.... Wenn die Gerüchte wahr sind, daß gewisse Generale in den Provinzen aus den Geschehnissen Vorteil ziehen wollen, um gegen Petrograd zu marschieren, so ist das nur ein weiterer Beweis, daß wir die solide Basis einer demokratischen Organisation schaffen müssen. Andernfalls werden aus den Schwierigkeiten, die wir mit den Linken haben, Schwierigkeiten mit den Rechten erwachsen. Die Garnison von Petrograd kann nicht gleichgültig bleiben, wenn Bürger, die den ,Golos Soldata' kaufen, und Zeitungsjungen, die die ,Rabotschaja Gaseta' verkaufen, in den Straßen verhaftet werden. Die Stunde der Resolutionen ist vorüber....Laßt jene, die den Glauben an die Revolution verloren haben, sich zurückziehen.... um eine vereinigte Macht aufzurichten, müssen wir von neuem das Prestige der Revolution herstellen.... Laßt uns schwören, daß wir entweder die Revolution retten oder untergehen werden!" Der ganze Saal erhob sich, Beifall klatschend, mit blitzenden Augen. Aber nicht ein einziger Proletarier war zu sehen.... Dann Weinstein: "Wir müssen ruhig bleiben und nicht eher zur Aktion schreiten, bevor die öffentliche Meinung sich fest um das Komitee zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution geschart hat - erst dann können wir von der Verteidigung zum Angriff übergehen!" Der Vertreter des Wikshel teilte mit, daß seine Organisation die Initiative zur Bildung einer neuen Regierung übernommen habe und daß seine Delegierten im Augenblick die Frage mit dem Smolny diskutierten...Eine heiße Debatte entbrannte: Sollte man die Bolschewiki in die neue Regierung aufnehmen? Martow plädierte für ihre Zulassung. "Sie sind schließlich", sagte er, "eine bedeutende politische Partei." Die Meinungen darüber gingen auseinander. Die rechten Menschewiki und die Sozialrevolutionäre wie auch die Volkssozialisten, die Genossenschaften und die bürgerlichen Elemente waren entschieden dagegen.... "Sie haben Rußland verraten", erklärte ein Redner. "Sie haben den Bürgerkrieg begonnen und die Front den Deutschen geöffnet. Die Bolschewiki müssen erbarmungslos zusammengehauen werden..." Skobelew war für den Ausschluß sowohl der Bolschewiki wie der Kadetten. Wir begannen eine Unterhaltung mit einem jungen Sozialrevolutionär, der seinerzeit zusammen mit den Bolschewiki die Demokratische Konferenz verlassen hatte, als Zereteli und die "Kompromißler" der Demokratie Rußlands die Koalitionsregierung aufgezwungen hatten. "Sie hier?" fragte ich ihn. Seine Augen schossen Blitze. "Ja!" schrie er. "Ich verließ den Kongreß zusammen mit meiner Partei Mittwoch nacht. Ich habe nicht mein Leben zwanzig Jahre und mehr aufs Spiel gesetzt, um mich jetzt der Tyrannei des unwissenden Pöbels zu unterwerfen. Ihre Methoden sind unerträglich. Aber sie haben nicht mit den Bauern gerechnet....Wenn die Bauern in Aktion treten werden, dann dürften sie in Minuten erledigt sein." "Aber die Bauern - werden sie handeln? Befriedigt das Landdekret nicht die Bauern? Was wünschen diese mehr?" "Ah, das Landdekret!" sagte er wütend. "Wissen Sie, was das Landdekret ist? Es ist unser Dekret - es ist das sozialrevolutionäre Programm, vollkommen! Meine Partei hat diese Politik formuliert, auf Grund der sorgfältigsten Prüfung der Wünsche der Bauern selbst. Es ist ein Diebstahl...." "Aber wenn es ihre eigene Politik ist, warum sind Sie dagegen? Wenn sie den Wünschen der Bauern entspricht, warum sollen diese dagegen sein?" "Sie verstehen nicht! Sehen Sie nicht, daß die Bauern sofort begreifen werden, daß das Ganze ein Betrug ist - daß diese Usurpatoren das Programm der Sozialrevolutionäre gestohlen haben?" Ich fragte, ob es wahr sei, daß Kaledin gegen Norden marschiere. Er nickte und rieb sich die Hände, voll bitterer Befriedigung. "Ja. Sehen Sie jetzt, was diese Bolschewiki angerichtet haben. Sie haben die Konterrevolution gegen uns in Bewegung gebracht. Die Revolution ist verloren. Die Revolution ist verloren." "Aber werden Sie die Revolution nicht verteidigen?" "Natürlich werden wir sie verteidigen, bis zu unserem letzten Blutstropfen. Jedoch werden wir unter keinen Umständen mit den Bolschewiki zusammengehen..." "Aber wenn Kaledin nach Petrograd kommt und die Bolschewiki die Stadt verteidigen. Werden Sie sich ihnen nicht anschließen?"

 

"Natürlich nicht. Wir werden die Stadt auch verteidigen, aber wir werden die Bolschewiki nicht unterstützen. Kaledin ist der Feind der Revolution, aber auch die Bolschewiki sind Feinde der Revolution."

 

"Wen ziehen Sie vor: Kaledin oder die Bolschewiki?" "Darum handelt es sich jetzt nicht", sagte er ungeduldig. "Ich sage Ihnen, die Revolution ist verloren. Und es sind die Bolschewiki, die schuld daran sind. Doch was sollen wir von solchen Dingen reden? Kerenski kommt....Übermorgen werden wir zur Offensive übergehen....Schon hat der Smolny Delegierte gesandt, die uns auffordern, an einer neuen Regierungsbildung teilzunehmen. Wir haben sie jetzt - sie sind absolut ohnmächtig..., wir werden mit ihnen nicht zusammenarbeiten..."

 

Draußen fiel ein Schuß. Wir liefen zu den Fenstern. Ein Rotgardist, durch die Sticheleien der Menge zur Verzweiflung gebracht, hatte einen Schuß abgegeben und ein junges Mädchen am Arm verwundet. Wir konnten sehen, wie sie in einen Wagen gehoben wurde, umringt von einer erregten Menge, deren Stimmen bis zu uns empordrangen. Im nächsten Augenblick erschien ein Panzerwagen an der Ecke des Michailowski, dessen Maschinengewehre hin- und herfuhren. Die Menge begann sofort zu laufen, wie das in Petrograd üblich ist, sie warf sich auf den Boden nieder, versteckte sich in den Straßenrinnen und hinter den Telefonmasten. Der Panzerwagen hielt vor der Treppe der Duma, und ein Mann steckte seinen Kopf aus dem Turm heraus, die Herausgabe des "Soldatski Golos" verlangend. Die Pfadfinder liefen ins Gebäude. Einen Augenblick lang fuhr der Panzerwagen unentschieden hin und her und verschwand dann den Newski hinauf, während einige hundert Männer und Frauen sich wieder erhoben und ihre Kleider abzustauben begannen..... Im Innern des Gebäudes hin- und herrennende Menschen, den Arm voller Exemplare des "Soldatski Golos", nach einem Platz suchend, um sie zu verstecken....Ein Journalist kam in das Zimmer gelaufen, er schwenkte ein Blatt Papier. "Hier ist eine Proklamation von Krasnow!" schrie er. Er war sofort umringt. "Drucken lassen, schnell drucken lassen, und dann in die Kasernen damit!"

 

"Auf den Befehl des Obersten Befehlshabers bin ich zum Befehlshaber der um Petrograd konzentrierten Truppen ernannt. Bürger, Soldaten, tapfere Kosaken des Don, des Kuban, des Transbaikal, des Amur, des Jenissej, ihr alle, die ihr euerm Eid treu geblieben seid, die ihr geschworen habt, euern Kosakeneid treu zu halten - ich rufe euch auf, Petrograd zu retten vor der Anarchie, vor dem Hunger, vor der Tyrannei, Rußland zu erretten vor der unerträglichen Schande, die eine Handvoll mit dem Golde Wilhelms gekaufter, unwissender Männer über Rußland zu bringen versuchen. Die Provisorische Regierung, der ihr in den großen Märztagen die Treue geschworen habt, ist nicht gestürzt, sie wurde nur mit Gewalt aus dem Gebäude getrieben, in dem sie ihre Sitzungen abhielt. Die Regierung jedoch, mit Hilfe der Fronttruppen, die treu ihre Pflicht erfüllen, mit Hilfe des Kosakenrates, der unter seinem Kommando alle Kosaken vereinigt, im Bewußtsein ihrer Stärke und in völliger Übereinstimmung mit dem Willen des russischen Volkes, hat geschworen, dem Lande zu dienen, ihren Vorfahren in den stürmischen Zeiten von 1612 gleich, da die Kosaken des Don das von den Schweden, den Polen und den Litauern bedrohte Moskau befreiten. Eure Regierung besteht noch immer.... Die aktive Armee blickt auf diese Verbrecher mit Empörung und Verachtung. Ihre Akte der Zerstörung und der Plünderungen, ihre Verbrechen, ihre deutsche Manier, mit der sie auf das - niedergeworfene, aber noch nicht besiegte - Rußland schauen, hat sie dem ganzen Volke entfremdet. Bürger, Soldaten, tapfere Kosaken der Petrograder Garnison! Schickt mir eure Delegierten, damit ich weiß, wer Verräter an seinem Lande ist und wer nicht, damit unnützes Blutvergießen vermieden wird."

 

Fast im selben Moment hieß es, daß Rotgardisten im Begriff seien, das Gebäude zu umzingeln. Ein Offizier trat herein, mit einer roten Armbinde, und verlangte den Bürgermeister. Wenige Minuten später ging er, und der alte Schrejder kam aus seinem Büro, abwechselnd rot und blaß im Gesicht. "Eine außerordentliche Sitzung der Duma!" schrie er. "Sofort!" In dem großen Saal wurden die Geschäfte unterbrochen. "Alle Mitglieder der Duma zu einer außerordentlichen Sitzung!"

 

"Was ist los?" "Ich weiß nicht - man will uns verhaften - man will die Duma auflösen - man verhaftet Mitglieder vor dem Tor !" So liefen die Gerüchte. Im Nikolaisaal war kaum Platz zum Stehen. Der Bürgermeister gab bekannt, daß an allen Eingängen Truppen stationiert seien, die niemand herein und heraus ließen, und daß ein Kommissar gedroht habe, die Stadtduma aufzulösen und ihre Mitglieder zu verhaften. Eine Flut leidenschaftlicher Reden von Mitgliedern und sogar von den Galerien war die Antwort. Die frei gewählte Stadtverwaltung könne von keiner Macht aufgelöst werden; die Person des Bürgermeisters und aller anderen Mitglieder sei unverletzlich; die Tyrannen, die Provokateure, die deutschen Agenten könnten niemals anerkannt werden; was die Drohung mit der Auflösung anbelange, so sollten sie nur versuchen - "nur über unsere Leichname werden sie in diesen Saal eindringen, wir werden, den römischen Senatoren der Antike gleich, mit Würde das Kommen der Barbaren erwarten..." Entschließung, die Dumas und Semstwos von ganz Rußland telegrafisch zu benachrichtigen. Entschließung, daß es für den Bürgermeister oder den Präsidenten der Duma unmöglich sei, in irgendwelche Beziehungen zu den Vertretern des Revolutionären Militärkomitees oder zu dem sogenannten Rat der Volkskommissare zu treten. Resolution, einen neuen Appell an die Bevölkerung Petrograds zu richten, sich für die Verteidigung ihrer erwählten Stadtregierung zu erheben. Resolution, in permanenter Tagung zusammenzubleiben... Inzwischen kam ein Mitglied mit der Nachricht, daß er mit dem Smolny telefoniert und daß das Revolutionäre Militärkomitee ihm erklärt habe, daß keinerlei Befehle gegeben worden seien, die Duma zu umzingeln, und daß die Truppen zurückgezogen würden. Als wir die Treppen hinunterkamen, stürmte, in höchster Aufregung, Rjasanow durch das Haupttor. "Werden Sie die Duma auflösen?" fragte ich. "Mein Gott, nein!" antwortete er. "Es ist alles ein Irrtum. Ich habe dem Bürgermeister heute morgen mitgeteilt, daß wir die Duma in Ruhe lassen würden..." Aus dem Newski, in der sinkenden Dämmerung, kam eine lange doppelte Reihe Radfahrer mit Gewehren über ihren Schultern. Sie hielten. Die Menge drängte auf sie ein, sie mit Fragen überhäufend. "Wer seid ihr? Woher kommt ihr?" fragte ein ältlicher dicker Mann mit einer Zigarre im Munde. "Zwölfte Armee, von der Front. Wir kommen, um die Sowjets gegen die verdammten Bourgeois zu verteidigen." Wütende Schreie. "Ah! Bolschewistische Gendarmen! Bolschewistische Kosaken!" Ein kleiner Offizier in einem Ledermantel kam die Stufen heruntergeeilt. "Die Garnison schwankt!" rief er mir zu. "Das ist der Anfang vom Ende der Bolschewiki. Wollen Sie sehen, wie die Zeiten sich ändern? Kommen Sie mit!" Und fast laufend, eilte er den Michailowski hinauf. Wir hinter ihm her. "Welches Regiment ist es?" "Die Bronewiki." Und in der Tat war hier die Lage ernst. Die Bronewiki waren die Panzerwagentruppen, gewissermaßen der Schlüssel der ganzen Situation. Wer die Bronewiki hatte, der hatte sie Stadt. "Die Kommissare des Komitees zur Rettung des Vaterlandes und die Vertreter der Duma haben zu ihnen gesprochen.Jetzt haben sie eine Versammlung,wo sie entscheiden werden."

 

"Was entscheiden? Auf wessen Seite sie kämpfen sollen?" "O nein, so darf man ihnen nicht kommen. Sie werden niemals gegen die Bolschewiki kämpfen, sondern höchstens beschließen, neutral zu bleiben - dann aber werden die Offiziersschüler und Kosaken...."

 

Das Tor der großen Michailowski - Reitschule gähnte schwarz. Zwei Posten versuchten uns anzuhalten. Aber wir huschten vorüber, ohne auf ihre wütenden Zurufe zu achten. Im Innern eine einzige, matt brennende Bogenlampe, hoch unter dem Dach der mächtigen Halle, deren luftige Pfeiler und Fensterbögen in der Dämmerung fast verschwanden. An den Seiten die dunklen Silhouetten riesiger Panzerwagen. Einer stand in der Mitte der Halle, direkt unter der Lampe, und um ihn herum waren an die zweitausend wettergebräunte Soldaten versammelt, fast verschwindend in der Riesenhaften Ausdehnung des Gebäudes. Ein Dutzend Leute, Offiziere und der Vorsitzende des Soldatenkomitees, waren auf dem Dach des Wagens postiert, und vom Turm aus sprach ein Soldat. Die war Chanshonow, der schon den im vergangenen Sommer abgehaltenen Gesamtrussischen Kongreß der Panzereinheiten geleitet hatte. Ein geschmeidiger hübscher Mensch in einem Lederrock mit Offiziersachselstücken, der mit lebhafter Beredsamkeit für die Neutralität der Truppen eintrat. "Es ist entsetzlich, zu denken, daß Russen einander morden sollen. Es darf keinen Bürgerkrieg geben zwischen Soldaten, die Schulter an Schulter den Zaren und den äußeren Feind in Schlachten bezwungen haben, die noch lange in der Geschichte fortleben werden. Was kümmert uns Soldaten das Gezänk der politischen Parteien? Es fällt mir nicht ein, zu behaupten, daß die Provisorische Regierung eine demokratische Regierung war. Wir wollen keine Koalition mit der Bourgeoisie! Aber was wir haben müssen, ist eine Regierung der vereinten Demokratie, sonst ist Rußland verloren. Bekommen wir eine solche Regierung, dann ist der Bürgerkrieg unnötig und der Brudermord bleibt uns erspart." Das klang einleuchtend, und der weite Raum hallte vom Beifall wider. Ein Soldat kletterte hinauf, blaß und übermüdet. "Genossen! Ich komme von der rumänischen Front, und ich sage euch, daß wir Frieden haben müssen, sofortigen Frieden. Wer immer uns den Frieden geben kann, seien es nun die Bolschewiki oder diese neue Regierung, dem werden wir folgen. Friede. Friede! Wir an der Front können nicht mehr kämpfen, weder gegen die Deutschen noch gegen die Russen", und damit schloß er. Aus den wogenden Massen stieg ein Durcheinander streitender Stimmen, das sich zu zornigen Rufen steigerte, als der nächste Redner, ein Menschewik, sie zu überzeugen suchte, daß der Krieg weitergeführt werden müsse bis zum Siege der Alliierten. "Du sprichst wie Kerenski!" rief eine rauhe Stimme dem Redner zu. Ein Dumadelegierter plädierte für Neutralität. Sie hörten ihm zu, aber voller Mißtrauen, fühlten, daß er nicht zu ihnen gehörte. Niemals wieder sah ich Männer so ängstlich bemüht, zu begreifen und richtig zu entscheiden, unbeweglich, in fast bedrohlicher Spannung auf die Redner starrend, die Augenbrauen zusammengezogen in der Anspannung des Nachdenkens, die Stirnen schweißbedeckt; Riesen an Gestalt, mit den klaren, unschuldigen Augen von Kindern und den Gesichtern von Helden. Jetzt sprach ein Bolschewik, einer von ihren eigenen Leuten, heftig, haßerfüllt. Sie hörten ihm nicht mit mehr Sympathie zu als den anderen. Seine Art entsprach nicht ihrer Stimmung. Aber er riß sie einen Moment lang aus dem Trott alltäglichen kleinlichen Denkens empor zum Bewußtsein ihrer Verantwortung gegenüber dem Schicksal Rußlands, des Sozialismus, der Welt, der Revolution. Redner folgte auf Redner, unter gespanntem, nur dann und wann von Beifalls- oder Zornesrufen unterbrochenem Schweigen abwechselnd für und gegen die Neutralität sprechend. Chanshonow redete noch einmal, hinreißend, sympathisch. Aber war er nicht ein Offizier, wieviel er immer vom Frieden sprach? Dann ein Arbeiter aus dem Stadtteil Wassili-Ostrow. Ihn empfingen sie mit den Worten: "Nun, Arbeiter, wirst du uns den Frieden bringen?" Ganz in unserer Nähe hatten einige Leute, in der Mehrzahl waren es Offiziere, eine Art Claque gebildet, die systematisch für die Verteidiger der Neutralität Stimmung machte. "Chanshonow, Chanshonow!" riefen sie fortgesetzt und zischten und pfiffen, wenn ein Bolschewik zu sprechen versuchte. Plötzlich begannen auf dem Dach des Wagens die Komiteemitglieder und die Offiziere, die sich offenbar über irgend etwas uneinig geworden waren, aufgeregt und heftig gestikulierend aufeinander einzureden. Die Versammlung wurde aufmerksam und verlangte zu wissen, um was es sich handle. Ein Soldat, von einem Offizier zurückgehalten, riß sich los und hob seine Hand empor. "Genossen", schrie er, "der Genosse Krylenko ist hier und wünscht uns zu sprechen." Ein Sturm wilden Beifalls brach los, dann Pfeifen und Rufe: "Prossim! Prossim! - Doloi!" (Hinauf! Hinauf! - Nieder mit ihm!). Währenddessen kletterte, von hilfsbereiten Händen gezogen und geschoben, der Volkskommissar für das Heer an der Seite des Wagens empor. Sich aufrichtend, stand er einen Moment, ging dann nach vorn, die Hände auf die Hüften gestützt, und blickte lächelnd um sich, eine kleine Gestalt, kurzbeinig, ohne Kopfbedeckung und ohne Rangabzeichen auf der Uniform. Die Claque in meiner Nähe hörte nicht auf zu schreien: "Chanshonow, Chanshonow! Wir wollen Chanshonow hören! Hinunter mit ihm! Schluß, Schluß! Nieder mit dem Verräter!" Die Aufregung begann allgemein zu werden. Da plötzlich eine Bewegung gleich einer auf uns niederrollenden Lawine: riesenhafte, zornigblickende Gestalten bahnten sich einen Weg durch das Gedränge. "Wer stört hier unsere Versammlung? Woher das Pfeifen??" Die Claque verstummte, drückte sich schleunigst und unterließ jede weitere Störung.

 

"Genossen Soldaten!" begann Krylenko mit vor Müdigkeit heiserer Stimme. "Ich kann leider nur sehr schlecht zu euch sprechen, denn ich habe seit vier Tagen nicht mehr geschlafen. Ich brauche euch nicht erst zu sagen, daß ich ein Soldat bin wie ihr und daß ich den Frieden wünsche. Was ich aber hier sagen muß, ist, daß die bolschewistische Partei, die mit eurer Hilfe und mit Hilfe vieler anderer braver Genossen in der siegreichen Arbeiter- und Soldatenrevolution die Macht der blutdürstigen Bourgeoisie stürzte, das von ihr gegebene Versprechen, ein Friedensangebot an alle kriegführenden Völker zu richten, bereits, und zwar am heutigen Tag, eingelöst hat." (Stürmischer Beifall.) "Man fordert euch hier zur Neutralität auf, während die Offiziersschüler und die Todesbataillone, die niemals neutral sind, uns in den Straßen niederschießen und Kerenski oder irgendeinen andern von dieser Bande nach Petrograd zurückbringen wollen. Vom Don aus marschiert Kaledin; Kerenski kommt von der Front, und Kornilow hetzt die Tekinzy auf und will sein Augustabenteuer wiederholen. Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die euch hier so ängstlich beschwören, doch um alles in der Welt den Bürgerkrieg zu verhindern, haben sie sich anders an der Macht halten können als vermittels des Bürgerkrieges, der seit dem letzten Juli nicht aufgehört hat zu wüten und in dem sie immer - genau wie heute - auf der Seite der Bourgeoisie zu finden waren? Wie kann ich euch überzeugen, wenn ihr euch bereits festgelegt habt? Die Frage ist ganz klar. Auf der einen Seite die Kerenski, Kaledin, Kornilow, die Menschewiki, die Sozialrevolutionäre, die Kadetten, die Duma und die Offiziere. Auf der anderen Seite stehen die Arbeiter, die Soldaten und Matrosen, die armen Bauern. Die Regierung ist in euren Händen. Ihr seid die Herren. Ganz Rußland gehört euch. Wollt ihr es wieder zurückgeben?" Nur mit der größten Willensanstrengung hielt er sich, während er redete, aufrecht; aber die ihn beseelende tiefe und ehrliche Begeisterung begann allmählich trotz seiner Ermüdung ihre Wirkung auf die Versammlung auszuüben. Als er geendet hatte, wäre er fast gefallen. Hundert Hände streckten sich ihm entgegen, ihm beim Herabsteigen behilflich zu sein.

 

Chanshonow versuchte erneut zu sprechen. Aber "abstimmen, abstimmen!" schallte es ihm entgegen. Er gab schließlich nach und verlas die Resolution, die besagte, daß die Panzereinheit ihren Vertreter aus dem Revolutionären Militärkomitee zurückziehen und in dem gegenwärtigen Bürgerkrieg neutral bleiben würde. Wer für die Resolution war, sollte nach rechts, wer dagegen war, nach links treten. Es gab einen Moment des Schwankens. Dann aber begann die Menge, in immer schnellerem Tempo, einer über den anderen stolpernd, nach links zu fluten. Nicht weit von uns entfernt fanden sich gegen fünfzig Mann zusammen, die für die Resolution gestimmt hatten; das war alles. Während noch die Halle von dem Siegesjubel der anderen widertönte , verließ das Häuflein eiligst das Gebäude - und einige von ihnen auch für immer die Revolution. Derselbe Kampf spielte sich in allen Kasernen der Stadt ab, in allen Bezirken, an der ganzen Front, in ganz Rußland. Solcher Krylenkos gab es viele; nie zum Schlafen kommend, von Ort zu Ort eilend, die Regimenter überwachend, überredend, drohend, beschwörend. Dasselbe in sämtlichen Ortsorganisationen jeder einzelnen Gewerkschaft, in den Fabriken, in den Dörfern, auf den Kriegsschiffen der weitverstreuten russischen Flotte. In dem weiten Land Hunderttausende russischer Männer, Arbeiter, Bauern, Soldaten, Matrosen, um die Redner geschart, mit ungeheurem Willensaufwand zu begreifen, zu wählen bemüht, angespannt nachdenkend - und zu guter Letzt so einmütig entscheidend. So war die russische Revolution...

 

Der neue Rat der Volkskommissare im Smolny war inzwischen nicht müßig gewesen. Das erste Dekret war bereits im Druck und wurde in Tausenden von Exemplaren noch in derselben Nacht in den Straßen der Stadt verbreitet und in mächtigen Ballen mit den süd- und ostwärts fahrenden Zügen ins Land befördert:

 

"Im Namen der von dem Gesamtrussischen Sowjetkongreß der Arbeiter- und Soldatendeputierten unter Mitwirkung von Bauerndeputierten gewählten Regierung der Republik ordnet der Rat der Volkskommissare an:

 

1. Die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung werden auf den 12. November angesetzt.

 

2. Alle Wahlkommissionen, die Organe der lokalen Selbstverwaltung, die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten und die Soldatenorganisationen an der Front werden aufgefordert, die Durchführung freier und ordnungsmäßiger Wahlen an dem festgesetzten Datum sicherzustellen.

 

Im Namen der Regierung der Russischen Republik

 

Der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare

 

Wladimir Uljanow - Lenin."

 

 

Die im Stadthaus tagende Duma war in voller Aufregung. Als wir ankamen, hatte gerade ein Mitglied des Rates der Russischen Republik das Wort. Der Rat, erklärte er, betrachte sich keineswegs als aufgelöst, er sei nur außerstande, seine Arbeiten fortzusetzen, solange er nicht einen neuen Sitzungsraum zur Verfügung habe. In der Zwischenzeit habe das Ältestenkollegium des Rates beschlossen, in corpore dem Komitee zur Rettung des Vaterlandes beizutreten. Dies war die letzte Lebensäußerung des Rates der Russischen Republik. Dann kam das gewohnte Nacheinander von Delegierten aus den Ministerien, dem Wikshel, dem Verband der Post- und Telegrafenbeamten, die zum hundertsten Male ihren festen Willen bekundeten, unter keinen Umständen für die bolschewistischen Usurpatoren zu arbeiten. Ein Offiziersschüler, der mit im Winterpalast gewesen war, schilderte in stark aufgetragenen Farben seine und seiner Kameraden angebliche Heldentaten und das schmähliche Verhalten der Rotgardisten. Alles wurde kritiklos geglaubt. Irgend jemand las laut einen Bericht aus der sozialrevolutionären Zeitung "Narod" vor, der den im Winterpalast angerichteten Schaden auf fünfhundert Millionen Rubel veranschlagte und die angeblichen Plünderungen und Zerstörungen in allen Einzelheiten beschrieb. Von Zeit zu Zeit kamen Kuriere mit neuen Telefonmeldungen: Die vier sozialistischen Minister seien aus dem Gefängnis entlassen worden. Krylenko sei in die Peter-Pauls-Festung gegangen, um an den Admiral Werderewski die Aufforderung zu richten, das noch unbesetzte Marineministerium zu übernehmen. Der alte Seemann habe akzeptiert. Kerenski habe von Gattschina aus den Vormarsch angetreten. Die bolschewistischen Garnisonen zogen sich vor ihm zurück. Im Smolny hätten sie ein neues Dekret herausgegeben, bestimmt, die Vollmachten der Stadtduma hinsichtlich der Lebensmittelversorgung zu umgrenzen. Diese letzte "Unverschämtheit" hatte einen Wutausbruch zur Folge. Lenin, der Usurpator und Tyrann, dessen Kommissare sich der städtischen Garagen und Vorratshäuser bemächtigt hatten, sich in die Tätigkeit der Ernährungsämter einmischten, dieser Lenin maßte sich an, die Grenzen der Macht der freien, unabhängigen, autonomen Stadtverwaltung bestimmen zu wollen. Ein Mitglied schlug zornentbrannt vor, der Stadt die Lebensmittelzufuhr zu sperren, wenn die Bolschewiki es wagen sollten, sich in die Geschäfte der Ernährungsämter einzumischen....Ein anderer, Vertreter des Ernährungsamtes, schilderte die Situation als sehr ernst und forderte Maßnahmen zur beschleunigten Heranführung der Lebensmittelzüge. Dedonenko teilte begeistert mit, daß die Garnison schwanke. Das Semjonowski-Regiment habe schon den Beschluß gefaßt, sich den Befehlen der sozialrevolutionären Partei zu unterstellen; Die Besatzungen der Torpedoboote auf der Newa seien unschlüssig. Es wurden sofort sieben Mitglieder bestimmt, die die Propaganda fortsetzen sollten......Dann betrat der alte Bürgermeister die Tribüne: "Genossen und Bürger! Ich erfahre soeben, daß das Leben der Gefangenen in der Peter-Pauls-Festung in Gefahr ist. Vierzehn Offiziersschüler von der Pawlowsker Schule sind von den bolschewistischen Wächtern geprügelt und gemartert worden. Einer hat den Verstand verloren. Jetzt drohen sie, die Minister zu lynchen!" Ein Sturm der Entrüstung und des Schreckens brach los, der sich nur noch steigerte, als eine in Grau gekleidete, untersetzte kleine Frau das Wort verlangte. Dies was Wera Sluzkaja, eine alte Revolutionärin und ein bolschewistisches Mitglied der Duma. "Das ist eine Lüge und Provokation", erklärte sie, ungeachtet der gegen sie geschleuderten Schmähungen. "Die Arbeiter-und-Bauern-Regierung, die die Todesstrafe abgeschafft hat, kann solche Handlungen gar nicht dulden. Wir verlangen die unverzügliche Vornahme einer Untersuchung, und wenn an solchen Erzählungen auch nur ein Körnchen Wahrheit sein sollte, wird die Regierung nicht verfehlen, sofort die energischsten Maßnahmen zu treffen."

 

Es wurde eine Kommission aus Mitgliedern aller Parteien ernannt und , zusammen mit dem Bürgermeister, in die Peter-Pauls-Festung entsandt, um Erkundigungen einzuziehen. Als wir ihnen folgten, war die Duma dabei, eine weitere Kommission zu wählen, die mit Kerenski konferieren und auf ihn einwirken sollte, damit er Blutvergießen möglichst vermeide, wenn er in die Hauptstadt einzöge.

 

Es war Mitternacht, als wir die Wachen am Festungstor passierten und in dem schwachen Schimmer vereinzelter elektrischer Lampen dahinschritten, an der Kirche, wo die Zarengräber liegen, und dem schlanken goldenen Turm mit seinem Glockenspiel vorbei, das noch Monate nach der Märzrevolution nicht aufgehört hatte, jeden Mittag das "Gott erhalte den Zaren" zu spielen. Der Platz lag wie ausgestorben; die meisten Fenster blickten dunkel auf uns herab. Gelegentlich stießen wir auf Gestalten, die in der Dunkelheit ungeschickt dahinstolperten und unsere Fragen gewöhnlich mit "Ja ne snaju" (Ich weiß nicht.) beantworteten. Zu unserer Linken ragte drohend die Silhouette der Trubezkoi-Bastion empor, wo in den Tagen des Zaren so viele Märtyrer lebendig begraben wurden und ihren Verstand und ihr Leben verloren, wo die Provisorische Regierung dann die Minister des Zaren gefangenhielt und wo nun die neue Regierung die Minister der Provisorischen Regierung eingekerkert hatte. Ein freundlicher Matrose führte uns in ein kleines Haus, zum Büro des Kommandanten. Dort saßen in überheiztem, von Tabaksrauch erfülltem Raum, um einen lustig dampfenden Samowar, ein halbes Dutzend Rotgardisten, Matrosen und Soldaten. Sie begrüßten uns mit großer Herzlichkeit und boten uns Tee an. Der Kommandant sei nicht da. Er begleite eine Kommission von "Sabotashniki" (Saboteuren) aus der Stadtduma, die sich nicht ausreden lassen wollten, daß hier alle gefangenen Offiziersschüler gemordet würden. Die revolutionären Soldaten fanden dies zu drollig. In einer Ecke saß ein kahlköpfiger, aufgeregter kleiner Herr in Gehrock und kostbarem Pelzmantel, der an seinem Schnurrbart kaute und wie eine gefangene Ratte um sich blickte. Er war eben verhaftet worden. Irgend jemand meinte nachlässig, daß er ein Minister oder dergleichen sei. Obwohl keinerlei Feindseligkeit ausgesetzt, war das Männchen augenscheinlich furchtbar ängstlich. Ich ging zu ihm hinüber und sprach ihn auf Französisch an. "Graf Tolstoi", antwortete er, sich steif verbeugend. "ich verstehe nicht, warum man mich verhaftet hat. Ich kam über die Troizki-Brücke, um nach Hause zu gehen, als zwei dieser - dieser Personen - mich anhielten. Ich war Kommissar der Provisorischen Regierung beim Generalstab, aber in keiner Weise Mitglied der Regierung..." "Laßt ihn gehen", meinte ein Matrose. "Er ist ungefährlich.." "Nein", antwortete der Soldat, der den Gefangenen gebracht hatte. "Wir müssen den Kommandanten fragen." "Oh, der Kommandant!" sagte der Matrose. "Wozu habt ihr eigentlich die Revolution gemacht? Um nach wie vor den Befehlen von Offizieren zu gehorchen?" Ein Fähnrich des Pawlowski-Regiments erzählte, wie der Aufstand begonnen hatte. "Das Regiment hatte in der Nacht zum Sechsten Wachdienst beim Generalstab. Einige meiner Kameraden und ich standen Wache; Iwan Pawlowitsch und ein anderer - ich weiß im Moment seinen Namen nicht - saßen hinter den Fenstervorhängen in dem Zimmer, wo der Stab eine Sitzung abhielt, und sie hörten allerlei. Unter anderem auch Befehle an die Offiziersschüler von Gattschina, in der Nacht nach Petrograd zu kommen, und eine Befehl für die Kosaken, sich für den anderen Morgen marschfertig zu halten....Die wichtigsten Stellen der Stadt sollten vor Tagesgrauen besetzt, dann die Brücken geöffnet werden. Als sie jedoch davon zu sprechen begannen, daß der Smolny umzingelt werden sollte, hielt Iwan Pawlowitsch es nicht länger aus. Es war in diesem Moment gerade ein großes Kommen und Gehen; so schlüpfte er hinaus und kam zur Wachstube herunter, der andere Genosse blieb oben, um aufzuschnappen, was er konnte. Ich dachte mir schon, daß irgend etwas im Gange war. Automobile voller Offiziere kamen an, sämtliche Minister waren anwesend. Iwan Pawlowitsch teilte mir mit, was er gehört hatte. Es war halbdrei Uhr morgens. Der Schriftführer des Regimentskomitees war da, und wir machten ihm Mitteilung und fragten, was wir tun sollten. ,Alles verhaften, was kommt und was geht!' sagte er. Das machten wir. Im Verlauf einer Stunde hatten wir einige Offiziere und ein paar Minister, die wir direkt nach dem Smolny bringen ließen. Das Revolutionäre Militärkomitee war jedoch nicht bereit; sie wußten nicht, was mit ihnen anfangen; und bald kam der Befehl, alle laufen zu lassen und niemand mehr zu verhaften. Wir stürmten natürlich gleich nach dem Smolny und haben etwa eine Stunde lang geredet, bis sie endlich kapierten, daß Krieg war. Es war genau fünf Uhr, als wir zum Stab zurückkamen, die meisten waren mittlerweile weg. Wir faßten aber doch einige, und die ganze Garnison war in Bewegung..."

 

Ein Rotgardist von Wassili-Ostrow beschrieb in allen Einzelheiten, was sich in seinem Bezirk an dem großen Tag des Aufstandes abgespielt hatte. "Wir hatten nicht ein Maschinengewehr dort", sagte er lachend, "und der Smolny konnte uns keine geben. Genosse Salkind, ein Mitglied des Zentralbüros der Bezirksduma, erinnerte sich plötzlich, daß in dem Sitzungssaal der Bezirksduma ein Maschinengewehr lagerte, das von den Deutschen erobert worden war. Er und ich und dann noch ein anderer Genosse gingen hin, um es zu holen. Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre hatten gerade eine Sitzung. Wir machten die Tür auf und gingen einfach hinein. Zwölf oder fünfzehn Personen saßen um einen Tisch herum, gegen uns drei. Als sie uns sahen, hörten sie auf zu sprechen und starrten uns an. Wir gingen, ohne uns umzusehen, durch das Zimmer, nahmen das Maschinengewehr auseinander, Genosse Salkind packte den einen Teil, ich den anderen; wir nahmen sie auf unsere Schulter und zogen ab - nicht einer sagte ein Wort!" "Wissen Sie eigentlich, wie wir den Winterpalast nahmen?" fragte ein dritter, ein Matrose. "So um elf Uhr herum hatten wir heraus, daß an der Seite der Newa keine Offiziersschüler mehr waren. Wir brachen die Tore ein und schlichen, teils einzeln, teils in Gruppen, die verschiedenen Treppen hinauf. Oben angekommen, wurden wir von den Offiziersschülern festgehalten, und sie nahmen uns unsere Gewehre ab. Von unseren Genossen kamen aber immer mehr, und schließlich hatten wir die Mehrheit. Jetzt drehten wir den Spieß um und nahmen den Offiziersschülern die Gewehre weg..."

 

In diesem Moment trat der Kommandant herein, ein fröhlich dreinschauender junger Unteroffizier, seinen Arm in einer Binde und tiefe Ränder von Schlaflosigkeit unter den Augen. Sein erster Blick fiel auf den Gefangenen, der ihn sofort mit Erklärungen bestürmte. "Ach, ich weiß", unterbrach der andere. "Sie gehören mit zu dem Komitee, das am Mittwoch nachmittag die Kapitulation des Stabes verweigerte. Wir haben indes kein Interesse an Ihnen, Bürger. Entschuldigung-." Er öffnete die Tür und gab dem Grafen Tolstoi mit einer Handbewegung zu verstehen, daß er gehen könne. Verschiedene andere, besonders die Rotgardisten, wollten protestieren, und der Matrose bemerkte triumphierend: "Da habt ihr's! Sagte ich's nicht?" Zwei Soldaten verlangten jetzt den Kommandanten zu sprechen. Sie waren ein von der Festungsgarnison gewähltes Protestkomitee. Die Soldaten beklagten sich darüber, daß die Gefangenen genauso verpflegt würden wie die Wachen, wo doch die vorhandenen Lebensmittel nicht einmal ausreichten, die Mannschaften satt zu machen. "Warum sollen wir die Konterrevolutionäre so gut behandeln?" "Wir sind Revolutionäre, Genossen, und keine Banditen", antwortete ihnen der Kommandant. Er wandte sich zu uns. Wir sprachen mit ihm über die Gerüchte, denen zufolge die Offiziersschüler gemartert würden und das Leben der Minister bedroht sei. "Könnten wir die Gefangenen wohl sehen, um in der Lage zu sein, diesen Erzählungen entgegenzutreten?"

 

"Nein!" versetzte der junge Soldat. "ich will die Gefangenen nicht noch einmal stören. Ich habe sie eben erst wecken müssen - sie glaubten, wir kämen, sie umzubringen. Die meisten Offiziersschüler haben wir schon freigelassen, der Rest wird morgen gehen." "Dürfen wir mit der Dumakommission sprechen?" Der Kommandant, der sich ein Glas Tee einschenkte, nickte. "Sie sind noch draußen im Saal." So war es in der Tat. Die Kommissionsmitglieder standen draußen vor der Tür, im schwachen Licht einer Öllampe um den Bürgermeister geschart, aufgeregt miteinander redend. "Herr Bürgermeister", begann ich, "wir sind amerikanische Korrespondenten. Wollen Sie uns bitte offiziell das Resultat ihrer Nachforschungen mitteilen?" Darauf der Bürgermeister: "Die Berichte entsprachen nicht der Wahrheit. Von den Zwischenfällen abgesehen, die sich abspielten, als die Minister hier eingeliefert wurden, hat man sie durchaus rücksichtsvoll behandelt. Den Offiziersschülern ist kein Leid geschehen." Den Newski hinauf marschierte in tiefem Schweigen eine endlose Kolonne Soldaten - Kerenski entgegen.....In den Nebenstraßen sausten unbeleuchtete Automobile hin und her, und verstohlenes emsiges Treiben herrschte in der Fontanka Nr.6, dem Hauptquartier des Bauernsowjets, in einigen Wohnungen eines hohen Gebäudes am Newski und in der Ingenieurschule. Die Duma war hell erleuchtet.... Im Revolutionären Militärkomitee wetterleuchtete es wie vor einem drohenden Gewitter.

 

 

 

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VII. DIE REVOLUTIONÄRE FRONT

 

Sonnabend, 10. November.

 

" B ü r g e r !

 

Das Revolutionäre Militärkomitee erklärt, keinerlei Störung der revolutionären Ordnung dulden zu wollen. Diebstähle, Räubereien, Überfälle, Pogromversuche werden streng bestraft werden Das Komitee wird, dem Beispiel der Pariser Kommune folgend, alle Plünderer und Aufrührer erbarmungslos ausmerzen..."

 

Die Stadt lag ruhig. Nicht ein Überfall oder Diebstahl, nicht einmal das Streiten Betrunkener. Nachts gingen bewaffnete Patrouillen durch die stillen Straßen, und an den Ecken hockten um kleine Feuer Soldaten und Rotgardisten, lachend und singend. Tagsüber drängten sich auf den Bürgersteigen riesige Menschenmassen, den endlosen heißen Debatten zwischen Studenten und Soldaten, Geschäftsleuten und Arbeitern lauschend. Bürger hielten einander auf der Straße an. "Werden die Kosaken kommen?" "Nein..." "Was gibt's Neues?" "Ich weiß gar nichts. Wo ist Kerenski?" "Man sagt, nur noch acht Werst von Petrograd entfernt....Ist es wahr, daß die Bolschewiki auf das Kriegsschiff ,Aurora' geflohen sind?" "Ich habe so etwas gehört..." Schreiend nur die Mauern der Häuser und die wenigen erscheinenden Zeitungen: Ankündigungen, Aufrufe, Gesetze...Ein riesengroßes Plakat verkündete das hysterische Manifest des Exekutivkomitees der Bauernsowjets:

 

"....Sie (die Bolschewiki) haben die Kühnheit zu behaupten, daß die Sowjets der Bauerndeputierten sie unterstützen und daß sie im Namen der Sowjets der Bauerndeputierten sprechen... Das gesamte werktätige Rußland soll es wissen, daß dies eine Lüge ist und daß alle werktätigen Bauern, vertreten im Exekutivkomitee des Gesamtrussischen Sowjets der Bauerndeputierten, jede Teilnahme der organisierten Bauernschaft an dieser verbrecherischen Vergewaltigung des Willens aller Werktätigen mit Entrüstung von sich weisen..."

 

Ein Aufruf von der Soldatensektion der Sozialrevolutionäre: "....Das wahnsinnige Unternehmen der Bolschewiki steht vor dem Zusammenbruch, die Garnison ist gespalten... Die Ministerien stehen im Streik, das Brot wird immer knapper. Alle Parteien, mit Ausnahme einer Handvoll Maximalisten, haben den Kongreß verlassen. Die Partei der Bolschewiki ist isoliert...Wir fordern alle vernünftigen Elemente auf, sich um das Komitee zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution zu scharen und sich bereitzuhalten, auf den ersten Ruf des Zentralkomitees zu marschieren..."

 

Ein Handzettel des Rates der Russischen Republik: "Der Rat der Russischen Republik hat sich, der Gewalt der Bajonette weichend, gezwungen gesehen, vorübergehend seine Sitzungen zu unterbrechen. Die Usurpatoren, mit den Worten ,Freiheit und Sozialismus' auf den Lippen, haben eine Gewaltherrschaft aufgerichtet. Sie haben die Mitglieder der Provisorischen Regierung verhaftet, die Zeitungen verboten und die Druckereien mit Beschlag belegt...Diese Machthaber müssen als Feinde des Volkes und der Revolution betrachtet werden; es ist notwendig, den Kampf gegen sie aufzunehmen und sie niederzuwerfen... Der Rat der Russischen Republik fordert alle Bürger der Russischen Republik auf, sich bis zur Wiederaufnahme seiner Tätigkeit um die lokalen Komitees zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution zu scharen, die den Sturz der Bolschewiki und die Errichtung einer Regierung organisieren, fähig, dem Lande die Konstituierende Versammlung zu bringen."

 

"Delo Naroda" schrieb: ".....Eine Revolution ist die Erhebung des gesamten Volkes.....Was aber haben wir hier? Eine bloße Handvoll armseliger, von Lenin und Trotzki betrogener Narren....Ihre Dekrete und Aufrufe werden nur das Museum für geschichtliche Kuriositäten füllen..." "Narodnoje Slowo" endlich, das Blatt der Volkssozialisten: "Arbeiter-und-Bauern-Regierung? - Eine Phantasie! Niemand, weder in Rußland noch in den Ländern unserer Verbündeten, ja nicht einmal in den feindlichen Ländern, wird diese ,Regierung' anerkennen.." Die bürgerliche Presse war vorübergehend verschwunden. Die "Prawda" enthielt einen Bericht von der ersten Sitzung des neuen Zentralexekutivkomitees, des jetzigen Parlaments der Russischen Sowjetrepublik. Miljutin, der Volkskommissar für die Landwirtschaft, hatte mitgeteilt, daß das Exekutivkomitee der Bauernsowjets zum 13. Dezember einen Gesamtrussischen Bauernkongreß einberufen habe. "Wir können jedoch nicht warten", sagte er, "wir brauchen den Rückhalt der Bauern. Ich schlage vor, daß wir den Bauernkongreß unverzüglich einberufen...." Die linken Sozialrevolutionäre gaben ihre Zustimmung. Man entwarf in Hast einen Aufruf an die Bauern Rußlands und wählte ein Fünferkomitee zur Durchführung des Projektes. Die Frage detaillierter Pläne für die Verteilung des Landes und die Industriekontrolle durch die Arbeiter wurden vertagt, bis Fachleute, die diese Frage bearbeiteten, ihre Berichte gegeben haben würden. Drei Dekrete wurden verlesen und angenommen: 1. Lenins allgemeine Pressebestimmungen, die das Verbot aller zum Widerstand und Ungehorsam gegen die neue Regierung und zu verbrecherischen Handlungen auffordernden oder mit Vorbedacht falsche Nachrichten verbreitenden Zeitungen anordneten; 2. Das Gesetz über die Stundung der Hausmieten und 3. Das Gesetz über die Errichtung einer Arbeitermiliz. Außerdem Befehle, deren einer der Stadtduma Vollmacht erteilte, leere Wohnungen und Häuser zu beschlagnahmen, während der andere die Entladung von Güterwagen auf den Endbahnhöfen regelte, um die Verteilung der Lebensmittelvorräte zu beschleunigen und das dringend benötigte rollende Material frei zu machen.... Zwei Stunden später sandte das Exekutivkomitee der Bauernsowjets das folgende Telegramm durch ganz Rußland: "Das von den Bolschewiki ins Leben gerufene sogenannte Organisationsbüro für den Nationalkongreß der Bauern richtet an alle Bauern die Einladung zur Entsendung von Delegierten für einen Kongreß nach Petrograd... Das Exekutivkomitee der Sowjets der Bauerndeputierten erklärt, nach wie vor der Meinung zu sein, daß es gefährlich wäre, jetzt die Kräfte vom Lande fortzunehmen, die dort für die Vorbereitung der Wahlen zur Konstituierenden Versammlung notwendig sind, der einzigen Rettung für die arbeitende Klasse und für das Land. Wir wiederholen, daß der Bauernkongreß am 13. Dezember stattfindet." Ich fand die Duma in heller Aufregung. Kommen und Gehen von Offizieren, der Bürgermeister konferierte mit den Führern des Komitees zur Rettung des Vaterlandes. Ein Rat kam hereingelaufen mit einem Exemplar von Kerenskis Proklamation, die zu Hunderten von einem in geringer Höhe den Newski entlangfliegenden Flugzeug abgeworfen wurde und allen fürchterliche Rache androhte, die sich nicht unterwerfen wollten. Sämtliche Soldaten waren aufgefordert, ihre Waffen niederzulegen und sich sofort auf dem Marsfeld zu versammeln. Der Ministerpräsident habe Zarskoje Selo genommen, wurde uns mitgeteilt, und befinde sich bereits in der Umgebung Petrograds, nur etwa neun Kilometer entfernt. Morgen - in einigen Stunden - würde er in die Stadt einmarschieren. Die in Fühlung mit seinen Kosaken gekommenen Sowjettruppen gingen, so hieß es, zur Provisorischen Regierung über. Tschernow sei bestrebt, die neutralen Truppen zu organisieren, um den Bürgerkrieg zu verhindern. In der Stadt seien die Garnisonregimenter im Begriff, sich von den Bolschewiki abzuwenden. Der Smolny sei bereits geräumt,.... der ganze Regierungsapparat ins Stocken geraten. Die Angestellten der Staatsbanken weigerten sich, unter den bolschewistischen Kommissaren zu arbeiten und ihnen Gelder auszuzahlen. Alle Privatbanken seien geschlossen, die Ministerien im Streik. Eine Dumakommission sei unterwegs, um bei Geschäftsleuten für einen Fonds zur Auszahlung der Gehälter an die Streikenden zu sammeln..... Trotzki sei in das Ministerium des Auswärtigen gekommen und habe von den Abgestellten die Übersetzung des Friedensdekrets in fremde Sprachen verlangt, Sechshundert Beamte hätten ihm ihren Rücktritt ins Gesicht geschleudert.... Schljapnikow, der Volkskommissar für Arbeit, habe alle Angestellten seines Ministeriums aufgefordert, innerhalb vierundzwanzig Stunden auf ihre Plätze zurückzukehren, ihnen gedroht, daß sie sonst ihre Stellungen und Pensionsrechte verlieren würden. Nur die Pförtner seien der Aufforderung nachgekommen... Einige Abteilungen des Ernährungsamtes hätten ihre Arbeit eingestellt, weil sie nicht gewillt waren, sich der Kontrolle der Bolschewiki zu unterstellen.... Trotz weitestgehender Versprechungen auf hohe Löhne und bessere Arbeitsbedingungen hätten die Beamten der Telefonzentrale sich geweigert, das Sowjetbüro in das Telefonnetz einzuschalten... Von der Partei der Sozialrevolutionäre war der Ausschluß aller Mitglieder beschlossen worden, die den Sowjetkongreß nicht verlassen und sich am Aufstand beteiligt hatten... Nachrichten aus den Provinzen zufolge hatte Mogiljow sich gegen die Bolschewiki erklärt. In Kiew waren angeblich die Sowjets von den Kosaken überwunden und alle aufständischen Führer verhaftet worden. Der Sowjet und die dreißigtausend Mann starke Garnison von Luga hätte ihre Treue gegenüber der Provisorischen Regierung bestätigt und einen Appell an ganz Rußland gerichtet, sich um sie zu scharen. Kaledin habe alle Sowjets und Verbände im Donezbecken zersprengt, und seine Streitkräfte marschierten nordwärts... Ein Vertreter der Eisenbahner erzählte: "Gestern haben wir ein Telegramm durch ganz Rußland geschickt, in dem wir die sofortige Einstellung der Streitigkeiten zwischen den politischen Parteien verlangen und die Bildung einer sozialistischen Koalitionsregierung fordern; andernfalls würden wir morgen nacht den Streik proklamieren... Am Morgen wird eine Sitzung sämtlicher Parteien stattfinden, um zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Die Bolschewiki scheinen die Verständigung dringend zu wünschen..." "Wenn ihre Herrlichkeit noch so lange dauern wird", lachte der Stadtbaumeister, ein dicker, rothaariger Mensch. Als wir zum Smolny kamen - der nicht geräumt war, sondern geschäftiger denn je, mit Scharen ankommender und gehender Arbeiter, mit Soldaten und doppelten Wachen überall -, trafen wir die Berichterstatter der bürgerlichen und der "gemäßigten" sozialistischen Zeitungen. "Hinausgeworfen haben sie uns", schrie einer von der "Wolja Naroda". "Bontsch-Brujewitsch kam in das Pressebüro und hieß uns gehen! Spione wären wir!" Alle redeten durcheinander: "Schmach, Schande, Pressefreiheit!" In der Vorhalle standen große Tische mit Ballen von Aufrufen, Proklamationen, Befehlen des Revolutionären Militärkomitees. Arbeiter und Soldaten schwankten vorüber, die die Ballen in wartende Automobile trugen. Einer der Aufrufe begann:

 

"A n d e n P r a n g e r !

 

In diesem tragischen Moment, den die russischen Massen durchleben, haben die Menschewiki und ihr Anhang und die rechten Sozialrevolutionäre die Arbeiterklasse verraten. Sie haben sich auf die Seite der Kerenski, der Kornilow und Sawinkow geschlagen... Sie drucken die Befehle des Verräters Kerenski und helfen in der Stadt eine Panik erzeugen, indem sie die lächerlichsten Gerüchte von sagenhaften Siegen dieses Verräters verbreiten... Bürger! Schenkt diesen falschen Gerüchten keinen Glauben! Keine Macht vermag die Revolution des Volkes zu unterdrücken... Kerenski und seine Anhänger wird bald die wohlverdiente Strafe treffen... Wir stellen sie an den Pranger. Wir geben sie der Verachtung aller Arbeiter, Soldaten und Bauern preis, die sie wieder in die alten Ketten zu schlagen versuchen. Niemals wieder werden sie den Haß und die Verachtung des Volkes von sich abwaschen können. Schmach und Verdammung über diese Volksverräter!"

 

Das Revolutionäre Militärkomitee hatte ein größeres Quartier bezogen, im obersten Stockwerk, Zimmer 17. Am Eingang standen Rotgardisten. Im Innern drängten sich in dem schmalen Raum vor der Barriere gutgekleidete Leute, die sich Mühe gaben, ihren kochenden Zorn unter einem äußerlich respektvollen Benehmen zu verbergen. Es waren Bourgeois, die Erlaubnisscheine für ihre Automobile oder Passierscheine für das Verlassen der Stadt zu haben wünschten, unter ihnen viele Ausländer... Den Dienst versahen Bill Schatow und Peters. Sie unterbrachen ihre Tätigkeit, um uns die letzten Nachrichten vorzulesen: "Das 179. Reserveregiment verspricht einmütige Unterstützung. Fünftausend Transportarbeiter aus den Putilow-Werften grüßen die neue Regierung. Zentralkomitee der Gewerkschaften - begeisterte Unterstützung. Die Garnison und das Geschwader in Reval wählen Revolutionäre Militärkomitees zur Mithilfe und entsenden Truppen. Pskow und Minsk unter der Herrschaft Revolutionärer Militärkomitees. Grüße der Sowjets von Zarizyn, Rostow am Don, Pjatigorsk, Sewastopol... Die Finnische Division, die neuen Komitees der Fünften und Zwölften Armee gelobten Treue... Die Nachrichten aus Moskau sind unbestimmt: Die strategisch wichtigen Punkte der Stadt befinden sich in Händen der Truppen des Revolutionären Militärkomitees. Zwei Kompanien der Besatzung des Kreml sind zu den Sowjets übergegangen. Das Arsenal ist im Besitz des Obersten Rjabzew und seiner Offiziersschüler. Das Revolutionäre Militärkomitee, das Waffen für die Arbeiter angefordert hatte, wurde von Rjabzew bis heute morgen hingehalten und ihm dann plötzlich ein Ultimatum übermittelt, das die Kapitulation der Sowjettruppen und die Auflösung des Komitees verlangte. Die Kämpfe haben begonnen....

 

In Petrograd unterstellte sich der Stab den Kommissaren des Smolny sofort. Der sich weigernde Zentroflot wurde von Dybenko und einer Kompanie Kronstädter Matrosen gestürmt und ein neuer Zentroflot eingesetzt, der sich auf die Baltische und die Schwarzmeerflotte stützt...."

 

Hinter der scheinbaren Zuversicht verbarg sich jedoch ein dumpfes Gefühl der Unruhe. Kerenskis Kosaken näherten sich schnell. Sie verfügten über Artillerie. Skrypnik, der Sekretär der Fabrikkomitees, sagte mir mit nervös gespanntem und gelbem Gesicht, daß ein ganzes Korps im Anmarsch sei. "Aber lebend werden sie uns nicht kriegen", fügte er wild hinzu. Petrowski lachte müde: "Möglich, daß wir uns morgen zum Schlafen - für immer legen werden." Losowski, mit seinem mageren, rotbärtigen Gesicht, sagte: "Was haben wir für Aussichten? Wir stehen allein. Ein unorganisierter Haufen gegen geschulte Soldaten." Im Süden und Südwesten waren die Sowjets vor Kerenski geflohen. Die Garnisonen von Gattschina, Pawlowsk, Zarskoje Selo hatten sich gespalten. Ein Teil hatte beschlossen, neutral zu bleiben, der Rest, ohne Offiziere, flutete in wildester Unordnung in die Hauptstadt. In den Sälen wurden Bulletins angeschlagen:

 

"Aus Krasnoje Selo, 10. November, 6 Uhr morgens

 

M i t t e i l u n g a n a l l e S t a b s c h e f s, O b e r b e f e h l s h a b e r u n d a n A l l e , A l l e , A l l e !

 

Der Exminister Kerenski hat ein verlogenes Telegramm an Alle losgelassen, in dem er glauben machen will, daß die Truppen des revolutionären Petrograds freiwillig ihre Waffen abgegeben und sich den Armeen der einstigen Regierung, der Regierung des Verrats, angeschlossen und daß die Soldaten vom Revolutionären Militärkomitee den Befehl zum Rückzug erhalten hätten. Die Truppen eines freien Volkes ziehen sich weder zurück, noch ergeben sie sich. Unsere Truppen haben Gattschina verlassen, um Blutvergießen mit den irregeführten Kosaken zu vermeiden und um eine bessere Stellung zu beziehen, die zur Zeit so stark ist, daß, selbst wenn es Kerenski und seiner Clique gelingen sollte, ihre Kräfte zu verzehnfachen, keinerlei Anlaß zur Unruhe gegeben wäre. Der Geist unserer Truppen ist ausgezeichnet. In Petrograd ist alles ruhig.

 

Der Chef der Verteidigung Petrograds und des Petrograder Bezirks, Oberstleutnant Murawjow."

 

Wir waren im Begriff zu gehen, als, völlig erschöpft, Antonow ins Zimmer trat, ein Schriftstück in der Hand. "Zur Versendung!" sagte er.

 

"A n a l l e B e z i r k s s o w j e t s d e r A r b e i t e r d e p u t i e r t e n u n d F a b r i k k o m i t e e s !

 

Befehl

 

Die kornilowistischen Kerenskibanden bedrohen die Hauptstadt. Alle notwendigen Befehle sind gegeben, um den konterrevolutionären Anschlag gegen das Volk und seine Errungenschaften erbarmungslos niederzuschlagen. Die Armee und die Rote Garde der Revolution benötigen die unverzügliche Hilfe der Arbeiter. Wir befehlen den Bezirkssowjets und Fabrikkomitees:

 

1. Die Freistellung der größtmöglichen Zahl von Arbeitern für das Ausheben von Schützengräben, für die Errichtung von Barrikaden und Verstärkung der Drahtverhaue.

 

2. Wo deswegen die Fabriken geschlossen werden müssen, hat es unverzüglich zu geschehen.

 

3. Alle Vorräte an gewöhnlichem Draht und an Stacheldraht sind zur Verfügung zu stellen, ebenso alle Werkzeuge für da Ausheben von Schützengräben und die Errichtung von Barrikaden.

 

4. Alle brauchbaren Waffen sind mitzunehmen.

 

5. Strengste Disziplin ist unerläßlich. Jeder einzelne muß bereit sein, die Revolutionsarmee mit allen Mitteln zu unterstützen.

 

Der Vorsitzende des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, Volkskommissar Leo Trotzki.

 

Der Vorsitzende des Revolutionären Militärkomitees, Oberbefehlshaber Podwoiski."

 

 

Als wir in den trüben, dunklen Tag hinaustraten gellten von allen Seiten des grauen Horizontes heiser und unheilverkündend die Fabriksirenen. Zu Zehntausenden strömten die Arbeiter, Männer und Frauen, heraus. Zu Zehntausenden spien die Elendsviertel ihre dunklen und armseligen Massen auf die Straße. Das Rote Petrograd war in Gefahr! "Die Kosaken!" Nach Süden und Südwesten strömten sie durch die armseligen Straßen, dem Moskowskitor zu: Männer, Frauen und Kinder mit Gewehren, Picken, Spaten, Drahtrollen, Patronengürtel über ihrer Arbeitskleidung. Ein machtvollerer, spontanerer Aufmarsch einer ganzen Stadt war nie gesehen worden! Einem gewaltigen Strome gleich, rollten sie vorwärts, ganze Kompanien von Soldaten mit sich reißend, Maschinengewehre, Lastautos, Wagen - das revolutionäre Proletariat, bereit, mit seiner Brust die Hauptstadt der Arbeiter-und-Bauern-Republik zu verteidigen. Vor dem Smolny hielt ein Automobil. Ein schmächtiger Mensch, mit dicken Brillengläsern, vor Müdigkeit nur mit Anstrengung sprechend, stand gegen den Kotflügel des Autos gelehnt, die Hände in den Taschen seines schäbigen Mantels vergraben. Ein großer bärtiger Matrose, mit den klaren Augen der Jugend, strich ruhelos umher, zerstreut mit einem enormen Revolver spielend, den er nie aus der Hand ließ. Dies waren Antonow und Dybenko. Einige Soldaten waren bemüht, zwei Militärfahrräder an dem Laufbrett festzubinden. Der Chauffeur protestierte heftig; die Emaille würde zerkratzt werden, sagte er. Er war zwar ein Bolschewik, und das Automobil war von einem Bourgeois beschlagnahmt worden, und die Fahrräder waren für den Kurierdienst bestimmt. Doch der Berufsstolz des Chauffeurs empörte sich... So wurden die Fahrräder zurückgelassen.... Die Volkskommissare für Heeres- und Marinewesen hatten eine Inspektionsreise an die revolutionäre Front vor. Würden sie uns mitnehmen? Unmöglich! Das Automobil hatte nur fünf Plätze: für die beiden Kommissare, für zwei Ordonnanzen und den Wagenführer. Trotzdem kletterte ein russischer Bekannter von mir, den ich kurz Trusischka nennen will, mit größter Seelenruhe in den Wagen, setzte sich und war durch nichts zu bewegen, seinen Platz wieder zu räumen. Ich habe keinen Grund, die Wahrheit der mir von Trusischka gegebenen Schilderungen in Zweifel zu ziehen. Als sie den Suworowski-Prospekt hinunterfuhren, fiel es jemand ein, daß sie nicht ohne Lebensmittel fahren könnten. Sie würden vielleicht drei oder vier Tage unterwegs sein, in einer nicht gar zu reichen Gegend. Sie hielten. Geld? - Der Kommissar für das Heer durchsuchte seine Taschen. Er besaß nicht eine Kopeke. Der Kommissar für die Flotte war völlig abgebrannt, dem Wagenführer ging es nicht besser. Trusischka mußte die Lebensmittel kaufen. Als sie in den Newski einbogen, hatten sie eine Panne. "Was tun?" meinte Antonow. "Ein neues Auto requirieren" versetzte Dybenko, auf seinen Revolver weisend. Und Antonow, der in der Mitte der Straße stand, hielt ein ankommendes Auto an, das von einem Soldaten gelenkt wurde. "Ich muß dieses Auto haben", sagte er. "Das werden Sie nicht bekommen", erwiderte der Soldat. "Wissen Sie, wer ich bin?" Antonow wies ihm ein Papier, aus dem hervorging, daß er der Oberbefehlshaber sämtlicher Armeen der Russischen Republik war und jedermann sich ohne Widerrede seinen Anforderungen fügen müßte. "Mir egal, und wenn Sie der Teufel selber wären. Der Wagen gehört dem 1. Maschinengewehr-Regiment. Wir brauchen ihn zum Munitionstransport. Sie können ihn nicht haben." Die Schwierigkeit wurde durch das Auftauchen einer alten Autodroschke behoben, die die italienische Flagge trug. (In unruhigen Zeiten wurden die Privatautos, um sie vor der Beschlagnahme zu schützen, auf den Namen der ausländischen Konsulate eingeschrieben.) Aus dem Innern des Wagen wurde ein fetter Bourgeois in einem kostbaren Pelzmantel auf die Straße gesetzt, und das Oberkommando fuhr weiter. In Narwskaja Sastawa, zirka zehn Kilometer von Petrograd entfernt, verlangte Antonow den Kommandeur der Rotgardisten zu sprechen. Er wurde an die Stadtgrenze geführt, wo einige hundert Arbeiter Schützengräben ausgehoben hatten und die Kosaken erwarteten. "Na, wie geht's hier?" fragte Antonow. "Alles in Ordnung, Genosse!" antwortete der Kommandeur. "Der Geist der Truppen ist gut. Nur eins, wir haben keine Munition." "Im Smolny haben wir genug davon", erwiderte Antonow. "Ich werde ihnen eine Anweisung geben." Er suchte in seinen Taschen. "Kann mir jemand ein Stück Papier geben?" Dybenko hatte nichts, ebensowenig die Kuriere. Trusischka mußte sein Notizbuch hergeben. "Teufel, ich habe keinen Bleistift. Wer hat einen Bleistift?" schrie Antonow. Kaum nötig zu sagen, daß der einzige Bleistift in der Runde sich im Besitze Trusischkas befand.

 

Wir gingen zum Zarskoje-Selo-Bahnhof. Als wir den Newski passierten, sahen wir Rotgardisten die Straße hinaufmarschieren, alle bewaffnet, einige mit Seitengewehren, andere ohne. Die frühe Dämmerung des Winterabends sank herab. Mit stolz erhobenen Köpfen stampften die Rotgardisten durch den Schneeschlamm der Straßen, in unregelmäßigen Viererreihen, ohne Musik, ohne Trommeln. Über ihnen flatterte eine rote Fahne, auf der in plumpen goldenen Lettern zu lesen war: "Friede! Land!" Sie waren sehr jung; aber der Ausdruck auf ihren Gesichtern war der Ausdruck von Männern, die wußten, daß sie zum Sterben gingen. Halb erschreckt, halb verächtlich, mit haßerfülltem Schweigen begaffte sie die Menge, als sie vorüberzogen. Auf dem Bahnhof wußte niemand genau, wo sich Kerenski befand oder wo die Front lag. Die Züge gingen nicht weiter als bis Zarskoje. Unser Wagen war voller heimkehrender Provinzler, mit Bündeln und Abendzeitungen beladen. Die ganze Unterhaltung drehte sich um den bolschewistischen Aufstand. Hiervon abgesehen hätte jedoch kein Mensch vermuten können, daß der Bürgerkrieg Rußland in zwei mächtige Lager zu teilen im Begriffe war und daß unser Zug dem unmittelbaren Kampfgebiet zueilte. Durch die Fenster sahen wir in der schnell sinkenden Dämmerung Soldatenmassen auf dem schmutzigen Weg der Stadt zuwandern, debattieren und heftig mit ihren Armen gestikulierend. Ein Güterzug voller Soldaten, von riesigen Feuern erleuchtet, hielt auf einem Nebengleis. Das war alles. Hinten am flachen Horizont verblaßten die Lichter der Stadt. Ein Straßenbahnwagen kroch in weiter Ferne eine langgestreckte Vorortstraße entlang...Der Bahnhof in Zarskoje Selo lag ruhig. Hier und da trafen wir Trupps von Soldaten, die sich in leisem Ton unterhielten und unruhig die leeren Bahngleise in der Richtung nach Gattschina hinunterblickten. Ich fragte einige, auf wessen Seite sie wären. "Nun, wir wissen noch nicht genau, was wir tun sollen. Sicher ist Kerenski ein Provokateur; aber wir halten es nicht für richtig, wenn Russen einander totschießen." Im Büro der Bahnhofskommandantur war ein großer, jovialer, bärtiger Soldat mit der roten Armbinde eines Regimentskomitees. Unsere Papiere vom Smolny verschafften uns sofort Respekt. Er war ganz für die Sowjets, war jedoch verwirrt. "Die Rotgardisten waren vor zwei Stunden hier, sie sind aber wieder abgezogen. Heute früh kam ein Kommissar, Als die Kosaken ankamen, ist er aber wieder weg nach Petrograd." "Also sind hier Kosaken?" Er nickte betrübt. "Es hat eine Schlacht gegeben. Die Kosaken waren schon in aller Frühe da. Sie haben zwei- bis dreihundert unserer Leute gefangengenommen und etwa fünfundzwanzig getötet." "Wo sind die Kosaken jetzt?" "Ich weiß nicht genau, wo sie sind. Nach dorthin ab..." Er zeigte mit einer unbestimmten Handbewegung nach Westen. Im Bahnhofsrestaurant aßen wir zu Mittag - ein hervorragendes Essen, besser und billiger, als es in Petrograd zu haben war. In unserer Nähe saß ein französischer Offizier, der eben erst zu Fuß von Gattschina gekommen war. Dort sei alles ruhig, sagte er. Kerenski sei im Besitz der Stadt. "Ach, diese Russen", fuhr er fort, "ein originelles Volk sind sie! Was ist das für ein Bürgerkrieg! Alles mögliche, nur kein Kampf!"

 

Wir machten einen Abstecher in die Stadt. Am Stationseingang standen zwei Soldaten mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten, umringt von zirka hundert hitzig auf sie einredenden Geschäftsleuten, Regierungsbeamten und Studenten. Die Soldaten waren unzugänglich und in ihren Gefühlen verletzt wie zu Unrecht gescholtene Kinder. Ein großer junger Mann mit anmaßenden Manieren, in der Uniform eines Studenten, führte das Wort. "Ihr werdet doch wohl begreifen, daß ihr euch zu Werkzeugen von Mördern und Verrätern macht, wenn ihr die Waffen gegen eure Brüder erhebt", sagte er in unverschämtem Ton. "Ach, Bruder", antwortete der Soldat ernsthaft, "du verstehst nicht. Es gibt zwei Klassen. Kannst du das nicht sehen? Das Proletariat und die Bourgeoisie. Wir...." "Oh, ich kenne dieses dumme Gerede", unterbrach ihn der Student grob. "Ihr dummen Bauern hört ein paar Schlagworte brüllen. Was sie bedeuten, versteht ihr nicht. Ihr plappert es nach, als wäret ihr Papageien." Die Menge lachte. "Ich bin selbst Marxist! Und ich sage euch, wofür ihr kämpft, das ist gar kein Sozialismus. Das ist ganz einfach Anarchie, die nur den Deutschen nützt."

 

"O ja, ich verstehe", entgegnete der Soldat, vor Verlegenheit schwitzend. "Du bist in gebildeter Mann. Das ist leicht zu sehen, und ich bin nur ein einfacher Mensch; aber mir scheint doch..." "Du scheinst zu glauben, Lenin ist ein aufrichtiger Freund des Proletariats", unterbrach ihn der andere verächtlich. "Jawohl, das glaube ich", erwiderte geduldig der Soldat. "Nun gut, mein Freund, weißt du dann auch, daß Lenin in einem geschlossenen Zuge durch Deutschland gefahren ist und daß er von den Deutschen Geld genommen hat?" "Davon weiß ich nichts", antwortete der Soldat. "Aber mir scheint, daß er gerade das sagt, was ich und meinesgleichen hören wollen. Es gibt zwei Klassen, die Bourgeoisie und das Proletariat." "Du bist ein Narr, mein Freund. Ich habe zwei Jahre lang in der Schlüsselburg gesessen, als du noch Revolutionäre niederschossest und ,Gott erhalte den Zaren' sangest. Mein Name ist Wassili Georgijewitsch Panin. Hast du nie etwas von mir gehört?" "Nein, bedaure", entgegnete der Soldat bescheiden. "Aber ich bin auch kein gebildeter Mann und du vielleicht ein großer Held." "Das bin ich", versetzte der Student mit Überzeugung. "Und ich bin ein Gegner der Bolschewiki, die unser Rußland und die Revolution zugrunde richten. Wie erklärst du dir das?"

 

Der Soldat kratzte sich am Kopf. "Das kann ich mir nicht erklären. Mir erscheint die Sache ganz einfach; aber ich bin ja kein gebildeter Mann. Es gibt nur zwei Klassen, die Bourgeoisie und das Proletariat..." "Da kommst du schon wieder mit deinen dummen Phrasen", schrie der Student. "Nur zwei Klassen", fuhr der Soldat hartnäckig fort, "und wer nicht auf der einen Seite ist, der ist auf der anderen."

 

Wir wanderten weiter, die nur von wenigen Laternen beleuchtete, fast menschenleere Straße hinauf. Eine beängstigende Stille hing über dem Ort, der eine Art politischen Niemandsland zu sein schien. Nur die Barbierläden waren hell erleuchtet und überfüllt, und an den Eingängen der öffentlichen Badehäuser drängten sich die Menschen; es war Sonnabend-abend, wo jeder Russe gewohnt ist, ein Bad zu nehmen und sich schön zu machen. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß Sowjetsoldaten und Kosaken in trautem Durcheinander an diesen Plätzen versammelt waren. Je näher wir dem kaiserlichen Park kamen, um so menschenleerer waren die Straßen. Ein erschreckter Pope wies uns den Weg zum Hauptquartier der Sowjets und eilte davon. Es war in der Parkseite eines der großfürstlichen Paläste untergebracht. Die Fenster waren finster, der Eingang verschlossen. Ein herumlungernder Soldat, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, musterte uns mit finsterem Mißtrauen. "Der Sowjet ist seit zwei Tagen weg", sagte er. "Wohin?" Er zuckte die Schultern. "Weiß nicht." Etwas weiter befand sich ein großes hellerleuchtetes Gebäude. Von innen hörten wir den Lärm von Hammerschlägen. Während wir noch zögerten, kamen ein Soldat und ein Matrose Arm in Arm die Straße herunter. Ich zeigte ihnen meinen Ausweis vom Smolny. "Sind sie auf seiten der Sowjets", fragte ich. Sie antworteten nicht , sondern sahen einander ängstlich an. "Was machen die da drinnen?" fragte der Matrose, auf das Gebäude zeigend. "Ich weiß nicht." Furchtsam streckte der Soldat die Hand aus und öffnete die Eingangstür. Ein großer, mit Immergrün geschmückter Saal, in Reihen aufgestellte Stühle, man war dabei, eine Bühne zu bauen. Eine untersetzte Frau, einen Hammer in ihrer Hand, zwischen den Zähnen Nägel, kam heraus. "Was wünschen Sie?" fragte sie. "Ist hier heute abend Vorstellung?" fragte der Matrose nervös. "Sonntagabend wird eine Privatvorstellung sein", antwortete sie. "Gehen Sie weiter." Es gelang uns nicht, den Soldaten und den Matrosen in eine Unterhaltung zu ziehen. Sie schienen ängstlich und unglücklich und verschwanden in der Dunkelheit. Wir schlenderten den kaiserlichen Palästen zu, am Rande der weit und dunkel daliegenden Gärten entlang; mit ihren undeutlichen, phantastischen Pavillons, zierlichen Brücken und sanft plätschernden Springbrunnen. An einem Platz, wo ein lächerlich aussehender eiserner Schwan aus einer künstlichen Grotte unablässig Wasser spie, hatten wir plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden, und aufblickend, trafen wir auf die mißtrauischen Blicke von einem halben Dutzend riesiger, bewaffneter Soldaten, die uns von einer mit Gras bewachsenen Terrasse herab anstarrten. Ich kletterte zu ihnen hinauf. "Wer sind Sie?" fragte ich. "Die Wache", antwortete einer. Sie machten alle einen niedergedrückten Eindruck, unzweifelhaft infolge der wochenlangen Tag und Nacht währenden Diskussionen und Debatten. "Zu wem gehören Sie, zu den Kerenskitruppen oder zu den Sowjets?" Sie schwiegen einen Moment, dann sahen sie einander an. "Wir sind neutral", sagte einer. Wir durchschritten das Tor des riesenhaften Katherinapalastes und fragten im Innern des Palastes nach dem Stab. Ein Posten sagte uns, daß der Kommandant drinnen wäre. In einem eleganten, weiß gehaltenen Raum georgischen Stils, den ein Ofen in zwei ungleich große Hälften teilte, standen in besorgtem Gespräch mehrere Offiziere. Sie waren blaß und aufgeregt und hatten augenscheinlich nicht geschlafen. Einem ältlichen Mann mit weißem Bart und ordengeschmückter Uniform, der uns als Oberst bezeichnet wurde, zeigten wir unsere bolschewistischen Ausweise. Er schien überrascht. "Wie haben Sie es nur fertiggebracht, hierherzukommen, ohne getötet zu werden?" fragte er höflich. "ES ist gerade jetzt sehr gefährlich in den Straßen. In Zarskoje Selo gehen die Wogen der politischen Leidenschaft hoch. Heute morgen hatten wir eine Schlacht, die wahrscheinlich morgen früh ihre Fortsetzung finden wird. Gegen acht Uhr erwarten wir den Einmarsch Kerenskis." "Wo sind die Kosaken?" "Etwa anderthalb Meilen entfernt. In jener Richtung." Er wies hinaus. "Werden Sie die Stadt gegen sie verteidigen?" "Gott bewahre." Er lächelte. "Wir halten die Stadt für Kerenski." Uns schlug das Herz. Aus unseren Papieren war ersichtlich, daß wir Revolutionäre waren. Der Oberst räusperte sich: "Mit diesen Ausweisen, die Sie haben, dürfte es für Sie gefährlich werden, wenn man Sie erwischt. Wenn Sie die Kämpfe sehen wollen, will ich ihnen gerne eine Anweisung für eine Wohnung im Offiziershotel geben. Sie können dann hier gegen sieben Uhr vorsprechen und von mir neue Ausweise erhalten." "Dann sind Sie also für Kerenski?" fragten wir. "Nun - nicht gerade für Kerenski." Er hielt etwas zurück. "Sie müssen wissen, die meisten Soldaten in der Garnison sind Bolschewiki. Heute, nach der Schlacht, sind sie alle in der Richtung nach Petrograd davongezogen und haben die Artillerie mit sich genommen. Man kann ruhig sagen, daß von den Soldaten nicht einer für Kerenski ist. Unter ihnen sind aber welche, die überhaupt keine Lust zu kämpfen haben. Die Offiziere sind in ihrer Mehrheit zu Kerenski übergegangen oder sind einfach davongezogen. Wir befinden uns in einer äußerst schwierigen Lage, wie Sie sehen." Wir glaubten nicht, daß es zu Kämpfen kommen würde. Der Oberst stellte uns höflich seinen Burschen zur Verfügung, der uns zum Bahnhof begleitete. Er stammte aus dem Süden, aus Bessarabien, von französischen Einwanderern. "Ach", sagte er, "die Gefahren und Strapazen wollte ich gern ertragen; aber ich bin nun schon drei Jahre von meiner Mutter weg." Wir fuhren in der Dunkelheit nach Petrograd zurück. Von Zugfenster aus sah ich flüchtig im Feuerschein gestikulierende Soldaten. An den Wegkreuzungen hielten Panzerautos; die Fahrer steckten die Köpfe aus den Türmen und schrien aufeinander ein. Die ganze Nacht hindurch wanderten über die öden Flächen führerlose Haufen von Soldaten und Rotgardisten, lärmend und verwirrt. Die Kommissare des Revolutionären Militärkomitees eilten von Gruppe zu Gruppe, fieberhaft tätig, um so etwas wie Organisation in die Verteidigung zu bringen.

 

Wir fanden Petrograd voll nervöser Spannung; den Newski wogten erregte Menschenmassen auf und nieder. Vom Warschauer Bahnhof her waren ferne Kanonenschüsse zu hören. In den Offiziersschulen herrschte fieberhafte Tätigkeit. Von Kaserne zu Kaserne eilten Mitglieder der Duma, bemüht, die Soldaten zu gewinnen, und schreckliche Geschichten von angeblichen Greueltaten der Bolschewiki kolportierend: Niedermetzelung der Offiziersschüler im Winterpalast, Vergewaltigung der Frauen und Mädchen aus den Frauenbataillonen, die Erschießung eines Mädchens vor der Duma, die Ermordung des Großfürsten Tumanow..... Im Alexandersaal hielt das Komitee zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution eine außerordentliche Sitzung ab; Kommissare kamen und gingen....Die aus dem Smolny herausgeworfenen Journalisten waren in Hochstimmung. Sie schenkten unserem Bericht über die Lage in Zarskoje Selo keinen Glauben. Es war doch stadtbekannt, daß Zarskoje sich in den Händen Kerenskis befand und daß die Kosaken schon in Pulkowo waren. Man war eben dabei, ein Komitee zu wählen, das Kerenski am Morgen am Bahnhof empfangen sollte. Einer vertraute mir unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit an, daß der Beginn der Konterrevolution auf Mitternacht angesetzt sei. Er zeigte mir zwei Aufrufe, der eine, mit den Unterschriften von Goz und Pokolnikow, an die Offiziersschüler, an die Krankenurlauber in den Hospitälern und an die St.Georgsritter, sich marschfertig zu halten und auf die Befehle des Komitees zur Rettung des Vaterlandes zu warten; der andere, von dem Komitee zur Rettung des Vaterlandes selbst, lautete:

 

" A n d i e B e v ö l k e r u n g P e t r o g r a d s !

 

Genossen, Arbeiter, Soldaten und Bürger des revolutionären Petrograds! Während die Bolschewiki den Frieden an der Front fordern, provozieren sie den Krieg im Hinterland.

 

Hört nicht auf ihre provokatorischen Aufrufe!

 

Hebt keine Schützengräben aus!

 

Nieder mit den verräterischen Barrikaden!

 

Legt eure Waffen nieder!

 

Soldaten, kehrt in eure Kasernen zurück!

 

Der Krieg in Petrograd - ist der Tod der Revol